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Der große Schreib-Streit
In der Meinloh-Grundschule in Ulm übt eine Erstklässlerin: Nach dem Willen des Kultusministeriums sollen Lehrer künftig von Klasse 1 an eine korrekte Rechtschreibung einfordern. Foto: Matthias Kessler
Bildung

Der große Schreib-Streit

Kultusministerin Susanne Eisenmann fordert einen stärkeren Fokus auf Rechtschreibung in Grundschulen. Viele Lehrer und Verbände sind empört. Doch es gibt auch Befürworter ihres Vorstoßes.

19.12.2016
  • TOBIAS KNAACK

Ulm. Lehrer Jörg Fröscher fühlt sich angegriffen. Nicht körperlich, aber verbal. Er hat den Eindruck, dass seine und die Arbeit seiner Kollegen nicht wertgeschätzt wird, ja, schlimmer noch, dass sie unter Generalverdacht gestellt wird. Fröscher ist Leiter einer Gemeinschaftsschule in Ditzingen (Kreis Ludwigsburg). Als Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) vergangene Woche einen Brief an die Grundschulen im Land schickte, sei der „ganz schlecht angekommen“ bei ihm.

Alarmiert von Ergebnissen einer Studie des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), derzufolge es in Baden-Württemberg im Ländervergleich Defizite unter anderem in der Rechtschreibung gibt, verfasste sie ihr Schreiben. Der Tenor: Im Rechtschreibeunterricht an den Grundschulen solle „wieder mehr darauf geachtet werden, dass die Schülerinnen und Schüler von Anfang ihrer Schulzeit an korrekt schreiben“. Richtiges Schreiben dürfe „nicht erst zum Ende der zweiten oder in der dritten Klasse, sondern von Beginn der Grundschulzeit an unterrichtet“ werden. Jörg Fröscher sagt, er habe den Brief mit vielen anderen Schulleitern und Kollegen diskutiert: „Das hat viele ziemlich getroffen.“

Alleine sind er und seine Kolleginnen und Kollegen mit dieser Sicht keineswegs. Claudia Vorst steht dem Grundschulverband in Baden-Württemberg vor und zeigt sich „irritiert“ von Eisenmanns Vorstoß – insbesondere weil er „ohne jede wissenschaftliche Fundierung“ daherkomme. „Es ist doch nichts gewonnen, wenn man die Grundschulen anklagt“, sagt sie. Zumal es ein verkürzter Blick sei, da das Schreibenlernen ja nicht mit dem Ende der vierten Klasse aufhöre.

Beim Schreibenlernen treffen unterschiedliche Ansätze aufeinander: Einerseits offene Methoden, die den Schülern zunächst vor allem Spaß an der Sprache und einen kreativen, spielerischen Umgang mit ihr vermitteln sollen. Die Kinder lernen Sprache vor allem über Laute, aus denen sie Wörter und Sätze bilden. Eine etwaige Fehlerkorrektur der Schreibweise findet nicht direkt am Anfang statt, wird aber kontinuierlich eingeführt. Demgegenüber gibt es sehr systematisierte Ansätze, die vom Start weg auf das konsequente Einüben der richtigen Schreibweisen setzen. Sie achten vor allem auch auf eine stringente Fehlerkorrektur.

Kultusministerin Eisenmann nennt das richtige Schreiben eine „Schlüsselkompetenz wie Lesen und Rechnen“. Gerhard Brand hegt Sympathien für diesen Vorstoß. „Wir unterstützen das unbedingt“, sagt der Landeschef des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). „Es ist wichtig, dass wir der Rechtschreibung wieder mehr Gewicht geben.“ Der VBE habe „Rückmeldungen, dass die Rechtschreibung stark verbesserungswürdig ist“. Es sei von großer Bedeutung, „dass Politik und Gesellschaft deutlich signalisierten, dass richtiges Schreiben wieder einen Wert darstelle und geschätzt werde“. Rechtschreibung sei auch eine Visitenkarte und dürfe „kein Zufall sein“. Dass alle Grundschullehrer empört wären, hat Brand nicht wahrgenommen. Er glaubt viel mehr an eine in dieser Frage „ganz gespaltene Grundschullehrerschaft“. Er macht zwei klar getrennte Lager aus.

Matthias Schneider von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht in Eisenmanns Vorgehen einen Eingriff in die Methodenfreiheit der Lehrer. „In erster Linie sind sie es doch, die aufgrund der Zusammensetzung der Klasse entscheiden, welche Methode sie anwenden, um für alle Schüler den bestmöglichen Lernerfolg zu garantieren.“ Für die Zusammenarbeit zwischen Ministerium und Schulen bewertet er Eisenmanns Ansage als „unerträglich“. Insbesondere die Art und Weise, lediglich per Brief zu kommunizieren, sorge für „große Unruhe an den Grundschulen“ und für Frust bei den Lehrerinnen und Lehrern.

Auch VBE-Chef Brand zeigt Verständnis dafür, dass sich viele überrumpelt fühlen. „An das Vorgehen muss man sich in der Tat gewöhnen.“ Dass sie so konsequent vorgehe aber sei „sehr erfrischend“ und der inhaltliche Anstoß wichtig, wenn das „Phänomen“ einer sich verschlechternden Rechtschreibung „gesellschaftlich getragen“ werde.

Schulleiter Jörg Fröscher hingegen kann sich die Forderungen nur so erklären: „Da müssen bestimmte bildungspolitisch konservative Kreise beruhigt werden.“ Claudia Vorst glaubt, dass Eisenmann der Wunsch umtreibe, „ein eigenes Thema zu besetzen“. Die Rechtschreibung sei da gut geeignet, weil sie „populär“ sei und „am Stammtisch gut ankommt“. Vorst und Fröscher halten den Ansatz für rückwärtsgewandt und würden sich lieber eine nach vorne gerichtete Diskussion wünschen, wie man für eine „sich mit den digitalen Medien entwickelnde Kulturtechnik neue Zugangswege“ für die Schüler findet, sagt Fröscher. Weiterer Streit ums Schreiben scheint programmiert.

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19.12.2016, 06:00 Uhr

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