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Der große Sieg des netten Rechten
Siegerfreude: Norbert Hofer am Sonntag auf der FPÖ-Wahlparty. Foto: dpa
Norbert Hofer will sich mehr als jeder andere österreichische Bundespräsident bisher in die Tagespolitik einmischen

Der große Sieg des netten Rechten

Norbert Hofer gilt als das "freundliche Gesicht" der rechten FPÖ. Nun könnte der 45-Jährige der jüngste Bundespräsident Österreichs werden.

26.04.2016
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK (MIT AGENTUREN)

Wenn das Adrenalin hochsteigt, kräuselt sich die Oberlippe, die Augenbrauen gehen rauf und die Stimme wird einen halben Ton höher. Wie man sich Schmerz, Wut und Hass verbeißt, hat Norbert Hofer gelernt. Ein Jahr hat der Flugzeugtechniker nach seinem Absturz mit dem Paraglider in Krankenhäusern verbracht. Zurück blieb eine inkomplette Querschnittslähmung. Hofer geht am Stock, kann nicht lange stehen; so wirkt der zart gebaute 45-Jährige noch zerbrechlicher. Warten, nochmal warten, hoffen, immer ruhig bleiben: Das sind die Tugenden, die man auf Klinikfluren erwirbt. Jetzt haben sie Hofer fast bis an die Staatsspitze geführt.

Der Kandidat der österreichischen Rechtspopulisten-Partei FPÖ hat am Sonntag den Vorentscheid um das Amt des Staatsoberhaupts klar gewonnen. Nach dem offziellen Endergebnis bekam er 35,1 Prozent der Stimmen und lag damit weit vor den anderen fünf Kandidaten. Er holte damit das bisher beste Ergebnis der FPÖ auf Bundesebene.

Der Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen (72) überzeugte 21,3 Prozent, die unabhängige Kandidatin Irmgard Griss (69) 18,9 Prozent der Wähler. Ein Debakel war die Wahl für die Bewerber der rot-schwarzen Regierung: Rudolf Hundstorfer (SPÖ) kam auf 11,3 Prozent, Andreas Khol (ÖVP) holte mit 11,2 Prozent noch weniger Stimmen. Damit steht fest, dass der nächste Bundespräsident erstmals nicht aus dem Lager der sozialdemokratischen SPÖ oder konservativen ÖVP kommt. Den Bauunternehmer Richard Lugner wählten 2,3 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 68,5 Prozent.

In der nun fälligen Stichwahl tritt gegen Hofer am 22. Mai Alexander Van der Bellen an. Auf dem Wirtschaftsprofessor ruhen die Hoffnungen aller FPÖ-Gegner. Er positionierte sich als bedächtiger, eher behutsamer Staatsmann in spe. Doch auch wenn sich Van der Bellen Mut macht ("Jetzt werden die Karten neu gemischt.") geht Hofer als klarer Favorit ins Rennen.

Diese Rolle wird nicht nur durch den Abstand von knapp 14 Prozentpunkten untermauert. Vielmehr hat Hofer mit seinen Themen einen Nerv getroffen. Er will sich mehr als jeder andere Bundespräsident bisher in die Tagespolitik einmischen, will der rot-schwarzen Regierung genau auf die Finger schauen und droht gar offen mit deren Entlassung, wenn die Dinge nicht laufen, wie er es sich wünscht. "Die Regierung muss wissen, es wird für sie schwieriger, aber für Österreich besser", sagt er. Ein Satz, der zeigt, wie selbstbewusst Norbert Hofer ist.

Kind einer Beamtenfamilie im burgenländischen Kleinstädtchen Pinkafeld, fing der Absolvent eines technischen Gymnasiums nach dem Wehrdienst als Ingenieur bei der Lauda Air an - eine im ländlichen Österreich klassische Karriere, die aber nur gut zwei Jahre dauerte. In die Politik holte den jungen Mann, ebenfalls klassisch, ein ortsbekannter Lehrer, Burschenschafter und FPÖ-Politiker, die Zentralfigur eines kleinen deutschnationalen Milieus im ansonsten katholisch-konservativen Ort.

Mit nur 23 Jahren zog Hofer in die Landeshauptstadt Eisenstadt und damit voll ins politische Geschäft. Er wurde aus dem Stand Stadtparteichef und wenig später auch Stadtrat. Es waren die Jahre, in denen Jörg Haider aufstieg. Zu dessen Entourage, der berühmten "Buberlpartei", gehörte Hofer jedoch nicht. Aus der klassisch-freiheitlichen Szene des Burgenlands, die ihn sozialisierte, brachte er eher Skepsis gegen den sprunghaften, selbstverliebten Polit-Star mit. So richtig schlug seine Stunde erst, als Haider 2005 mit seiner Partei brach.

Im Jahr darauf, als Abgeordneter in Wien, übertrug ihm der neue Parteichef Heinz-Christian Strache die Programmarbeit. Statt Haiderscher Frivolität waren nun Grundsatztreue, Rückkehr zu "freiheitlichen Werten" und Bekenntnisfreude angesagt. Mit Hofer versöhnte sich auch das rechtsextreme Milieu wieder mit der FPÖ.

Umgekehrt reklamierte der Aufsteiger auch das Bekenntnis zur deutschen Nation wieder ins Programm und zog das Verbot der "nationalsozialistischen Wiederbetätigung" in Zweifel. Vor vier Jahren trat er als "Alter Herr" der Schüler-Burschenschaft "Marko-Germania" bei und bekannte sich dort zu den Werten "Ehre, Freiheit, Vaterland".

Hofer zeigt sich gläubig, trägt immer ein schwarz-silbernes Kreuz als Talisman mit sich. Er betont stets, die Sorgen der einfachen Bürger ernst zu nehmen. In sozialen Medien versteht er es, auch junge Wähler abzuholen, er postet viel, stellt schon mal Kinderfotos von sich ins Netz. Seine zweite Ehefrau ergänzt das Programm auf Facebook mit Selfies vom Frühstückstisch und Bildern mit ihrem Kind.

Eine tiefe Zäsur erlitt Hofers Karriere, als der frischgebackene Vater 2003 mit seinem Schirm aus fünfzehn Meter auf den Boden prallte. Gereift und gelassen kehrte er nach einem Jahr in die Politik zurück. Ein Bettnachbar im Krankenhaus, hat Hofer einmal gesagt, habe ihm mit seiner Wichtigtuerei und ständigem Telefonieren den Spiegel vorgehalten. Seither hat Hofer hart an seinem Image des netten Rechten gearbeitet - verbindlich im Ton, hart in der Sache, immer mit Respekt auch vor dem Gegner. Nur wenn die Lippe sich kräuselt, fällt die Maske und zeigt einen Mann, dem das Leben vieles schuldet.

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26.04.2016, 06:00 Uhr

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