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Der große Sprung vom Hamsterrad

Das Ganze fing schon vor Wochen an. Da sagten die ersten: „Mensch, du hast‘s gut!“ Wenn sie gut drauf waren, baten sie ganz lieb: „Nimm mich mit!“ Aber bevor ich was sagen konnte, bellte meist irgendwer dazwischen: „Haste schon ein Maßband?"

15.10.2012

Und das ließ dann irgendwelche anderen aufmucken: „Was? Sie?! Alters-Teilzeit? – Das gibt’s doch nicht!“

Seither fragen sie mir Löcher in den Bauch: „Was hast du vor? Was machst du jetzt?“ Manche fragen das mitfühlend und anteilnehmend, andere interessiert bis neugierig. Und wieder andere mustern einen von oben bis unten: „Was wollen Sie jetzt machen?“, fragen sie inquisitorisch – und packen dann ihr inneres Kopfschütteln in die vorwurfsvolle Drohung: „Ihnen wird’s langweilig werden!“ In solchen Fällen geht das schneidige Verhör oft so weiter: „Haben Sie Hobbys? – Nein??“ Bedauerndes Grinsen: „Also, ich könnt’ das nicht – ich kann mir nicht vorstellen, nichts zu machen, ich würde verrückt werden.“

„Kerle, schaff‘ was!“, heißt dieser Kanon, „häng nicht rum, mach’ was.“ Seit dem Abitur bin ich nicht mehr so gelöchert worden über meine Zukunftspläne. Fast glaubt man noch selber – wie damals –, dass man jetzt dringend „was machen“ muss. Gar keine Hobbys? Also gut: Ich werde einen Apfelbaum pflanzen oder auch Rosenstöcke – auf jeden Fall aber Orchideenzüchter werden. Nur um Orchideen welcher Art ich mich künftig kümmern werde, sag’ ich nicht. Auf jeden Fall werde ich die Flausen im Kopf wieder zulassen – Schluss mit dem Gerenne und dem Effizienzdenken. Runter vom Hamsterrad! Was machen?? Von wegen! Vorerst nicht.

Manche behaupten manchmal, die Schwaben wären doch längst irgendwie mediterraner geworden. Aber wer darüber mit ihnen redet, merkt: Dolce far niente geht hier gar nicht. Sowas gilt nicht als Zukunftsplan. Da wird man angeguckt wie die leibhaftige Eurokrise: Sowas kommt von sowas.

Deshalb sagen clevere Aussteiger gern: Jetzt geht’s ran an den Speck. Wer sich stählt, rostet nicht. Und an dieser Stelle gibt’s dann meist auch keine Rückfragen mehr, das mitleidige Grinsen geht in warmen Zuspruch über: Gebongt, das geht als Plan durch. Bei diesem Thema haben die Schaffer alle ein schlechtes Gewissen. Dann gebe ich schon mal zu: Bei der Gesundheitsmesse neulich habe ich eine Freikarte für einen „VIP-Tag“ im Fitness-Studio gewonnen. Und einen Gutschein für einen Hörtest haben sie mir auch zugesteckt.

Das passt. Viele weitere Gutscheine für die Cappuccini und Espressi in den Straßencafés und für die roten Viertele auf dem Marktplatz stelle ich mir hiermit selber aus. Und jetzt verrate ich auch, was ich dann mache: Ich schaue den anderen zu bei der Alltagshatz – und genieße mein Insiderwissen. Der Rest wird sich schon finden.

Martin Mayer

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15.10.2012, 12:00 Uhr

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