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Kurios und schräg, idyllisch und typisch

Der historische Tübingen-Film hatte Premiere

Noch nie gab es Tübingen so kompakt in einem Film. Am Mittwochabend war Premiere. „Tübingen. Der Film. Die Geschichte“ zeigt die Universitätsstadt von 1910 bis in die 1990er Jahre. Die DVD gibt es für 19,95 Euro auch im TAGBLATT-Online-Shop.

15.11.2012
  • Manfred Hantke

Tübingen. Männer mit Hüten und ein andermal mit Zylinder, die Neckarbrücke mit intaktem Eber hardsdenkmal, Aufräumarbeiten am bombenzerstörten Uhlandhaus, längst vergangene Altstadtwinkel. 80 Jahre Tübinger Stadtgeschichte flimmerten auf der Großleinwand, Vieles in Schwarz-Weiß.

Knapp 500 Besucher waren in den großen Saal des Museums gekommen. „Die Erwartungen sind hoch“, vermutete Stadtarchivar Udo Rauch in seiner Begrüßung. Er wusste auch warum. Auf die verschickten Einladungen der Stadt hatte er fast nur Zusagen erhalten.

„Wie immer“, meinte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, „wird unser kleines Städtchen unterschätzt“. Ursprünglich nahm man an, dass die ältesten Filmstreifen in den 1920er Jahren beginnen. Dann aber fand sich noch älteres Zelluloid aus den 1910er Jahren vom Tübinger Kino-Pionier Josef Mayer – mit dem württembergischen König Wilhelm II., einem Flug über die Altstadt und badenden Elefanten.

In keiner anderen Stadt

Plätschernde Dickhäuter? „Wir sind auch ein skurriles Städtchen“, so der OB, um sogleich den Bogen zur Gegenwart zu schlagen. Machten sich vor 100 Jahren zur Freude der Zuschauer die Rüsseltiere im Neckar nass, vergruben kürzlich die Archäologen hinterm Schloss im Hasengraben heimlich die in der Wilhelma verstorbene Elefantendame Molly. Palmer erstaunt: „Das gibt’s in keiner anderen Stadt.“

Der historische Tübingen-Film hatte Premiere
Kurz vor der Premiere im Museum: Stadtarchivar Udo Rauch, Zeitzeugin Inge Jens, Leihgeber Liselotte und Volkmar Kleinfeldt, Anita Binder vom Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms.

Ob die Elefantenbestattung filmisch festgehalten wurde, ist nicht bekannt. Dieses Ereignis war sowieso zu frisch für die Filmdokumentation. Deutlich waren die Lacher im Publikum angesichts der Klinikmitarbeiter und Studierenden, die 1911 nach Abschluss des Examens einen Umzug durch die Stadt veranstalteten. Vorneweg der Sensemann, dahinter Wagen mit gut gelaunten Medizinern in der Badewanne, schlecht gelaunte zeigten ihre während des Studiums angehäuften Schulden. Das Volk stand Spalier und hat’s genossen.

Amüsiert haben sich die Premierengäste auch über den Alltag des adrett mit Anzug und Krawatte bekleideten Medizinstudenten Hans Mau in den 1930er Jahren, ein anerkennendes „Ooh“ raunte durch die Reihen, als die knackigen Männeroberkörper des Tübinger Schwimmvereins aus dem Jahr 1913 ins Bild rückten und ein Déjà vu hatten so manche bei den Demos in der 1960ern, den Folk-Festivals des Club Voltaire in den 1970ern oder dem Einzug der Grünen in den Gemeinderat.

Industriegeschichte, die Filmstadt Tübingen, Nachkriegszeit, Sport, Theater, Feste und Geistesgrößen wie den Rhetor Walter Jens, den Philosophen Ernst Bloch oder die Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard hat der Film ebenfalls zu bieten. Ganz still wurde es im Saal, als die Nazis auf die Leinwand rückten, sich wehrertüchtigten, die Tübinger Juden abtransportierten und die Synagoge in der Gartenstraße in Brand setzten. Der Synagogenbrand ist freilich eine Montage, bewegte Bilder davon sind nicht bekannt.

So zeigt der Film neben dem Tiefpunkt der Geschichte allerhand Kurioses und Schräges, Lustiges und Alltägliches, das originelle, das idyllische und auch das typische Tübingen. Anerkennenden und herzlichen Applaus zollte das Publikum den Machern und Zulieferern. „Das war keine Routinearbeit“, bekräftigte Autorin Anita Bindner vom Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms anschließend in der Talkrunde. Sie hat rund 200 Beiträge gesichtet und aus etwa 80 Filmdokumenten das Material für den Tübingen-Film ausgewählt. Die letzten 20 Jahre seien noch nicht berücksichtigt. Wenn wieder genügend Filme zusammenkommen, könne es durchaus eine Neu- oder erweiterte Auflage geben.

Beteiligt an der Herstellung waren das Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms, private Leihgeber, das Stadtarchiv, Medienwissenschaftler der Uni Tübingen und das TAGBLATT. Den Film gibt es als DVD in Deutsch, Englisch und Französisch. Sie enthält zusätzlich Interviews mit Zeitzeugen (Inge Jens, Volkmar Kleinfeldt, Ralf Wenzel und Frank W. Hein), außerdem zwei Schwarzweißfilme in voller Länge (450-Jahr-Feier Uni Tübingen 1927 und einen Imagefilm von 1926). Die DVD kostet 19,95 Euro und ist beim Stadtarchiv und beim TAGBLATT erhältlich. Der Film läuft noch bis kommenden Mittwoch im Kino Museum, täglich um 17.30 Uhr.

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15.11.2012, 12:00 Uhr

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