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Genossenschaften im „Löwen“

Der im Wirtshaussaal tagende Konsumverein gründete den ersten hiesigen Supermarkt

Einen Genossenschaftsladen im Gebäude des „Löwen“ in der Kornhausstraße: Gestern berichteten wir, wie sich die Alternative Liste einen Ersatz für den Netto-Markt vorstellen könnte, der aus der Langen Gasse weichen muss. Lebensmittel wurden im „Löwen“-Gebäude auch schon früher von einer Genossenschaft verkauft.

19.07.2014
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. Bis vor knapp 30 Jahren kauften Altstädter gerne in dem Laden, den sie liebevoll „Vaugöd“ nannten. Die sperrige Abkürzung VGÖD, wie das Lebensmittelgeschäft eigentlich hieß, stand für Verbrauchergenossenschaft der Angehörigen des öffentlichen Dienstes. In den 16 Jahren seines Bestehens konnte sich der Laden über Zulauf kaum beklagen, vor allem samstags standen die Kunden in langen Schlangen vor der Kasse.

„Vaugöd“ hatte einen anderen Lebensladen abgelöst, der unter dem Namen „Für Sie“ firmierte. Es war die Zeit, als die großen Lebensmittelmärkte noch nicht ganz das Regiment in der Stadt übernommen hatten. Lebensmittel kaufte man damals beispielsweise auch in der Neuen Straße bei Schweickhardt und dort gegenüber in der Obsthalle, bei Maier in der Langen Gasse bei Tengelmann in der Kirchgasse oder bei Pfannkuch am Lustnauer Tor, in gehobener Qualität bei Kohla in der Collegiumsgasse, bei Huber in der Neckargasse und im Reformhaus Allmendinger ebenfalls in der Neckargasse.

Lebensmittelverkauf im „Löwen“, der seinen Namen von einer alten Gastwirtschaft mit Saal hat, gab es schon in den 1920er Jahren, als dort der Schankwirt zusätzlich eine Metzgerei betrieb. Jene Jahre zählten zur Hochzeit der Tübinger Arbeiterbewegung, die im „Löwen“-Saal Arbeiterturnvereinsfeste feierte und Arbeitergesangvereinsdarbietungen hörte. Linke Parteien hielten dort Versammlungen ab, ebenso die Gewerkschaften.

Hier trafen sich auch die Mitglieder des Konsumvereins zu ihren Versammlungen, eine zunächst vor allem in Württemberg verbreitete Bewegung überwiegend aus Arbeitern und Handwerkern mit dem Ziel, günstige Einkaufsmöglichkeiten zu schaffen. In Tübingen schlossen sich 1907 im „Löwen“-Saal bereits 71 Genossen zu einem solchen Verein zusammen, dem auch zahlreiche Beamte und Angestellte angehörten.

Zehn Jahre später erfuhren die Genossen am selben Ort, dass man sich „nunmehr zu einem beachtenswerten genossenschaftlichen Unternehmen emporgerungen“ habe. Nach dem ersten Laden in der Mühlstraße waren weitere Läden in und außerhalb Tübingens hinzugekommen. Als man mit einer „vom konsumgenossenschaftlichen Geist getragenen Versammlung“, wieder im „Löwen“, den 25. Geburtstag feierte, gehörten den Genossen bereits 14 Läden, die beiden Geschäftsführer arbeiteten nun hauptamtlich.

1959 gehörten zur umbenannten Tübinger Konsumgenossenschaft 28 Läden, davon 18 Bedienungs-, sechs Schnellbedienungs- und vier Selbstbedienungsläden. Die Branche stand bereits inmitten eines Strukturwandels, dessen Ergebnis die nahezu ladenleere Altstadt geworden ist. Es war die Konsumgenossenschaft, die 1962 am ehemaligen Kino „Universum“ am Kelternplatz – heute Erweiterungsbau der Feuerwehr – den „Konsum-Markt“ eröffnete.

Der Jubel über jenes größte Lebensmittelgeschäft der Kreise Tübingen und Reutlingen war groß. Der Verkaufsraum hatte 351 Quadratmeter, also 70 Quadratmeter weniger als die Verkaufsfläche, die heute dem Netto-Markt in der Langen Gasse zu klein ist. Der neue Konsum-Markt konnte mit einem Parkplatz „den Bedürfnissen des Zeitalters der Motorisierung“ entgegenkommen, kam mit weniger Personal als die „Bedienungsläden alten Stils“ aus, von denen sofort mehrere geschlossen wurden. Ende der 1980er Jahre wurde der erste Supermarkt bereits abgerissen.

Der im Wirtshaussaal tagende Konsumverein gründete den ersten hiesigen Supermarkt
Lebensmittel wurden im „Löwen“ bereits in den 1920er Jahren verkauft. Unter der Löwenfigur sieht man die Auslagen einer Metzgerei. Bild: Stadtarchiv

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19.07.2014, 12:00 Uhr

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