Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Giulia Enders und ihr Bestseller über das dunkle Ende des Verdauungstrakts

„Der innere Schließmuskel ist ein einfaches Kerlchen“

Sie vergleicht Verdauungsaktivitäten mit bestimmten Putz-Typen in WGs und kennt die entspannteste Position für das große Geschäft: Die Nachwuchs-Medizinerin Giulia Enders enthüllte am Freitagabend in Tübingen die vielfachen Qualitäten des Darms.

16.11.2014
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Dem Andrang nach hätte man einen Guru erwarten können. Dabei spricht Giulia Enders über das dunkle Ende des Verdauungstrakts, das körpereigene Fallrohr. Mit ihrem angenehmen Plauderton gewann sie die 250 Zuhörer in den Museumssälen sofort für sich, als würde sie jeden persönlich ansprechen. Ihren mit viel Humor geschriebenen Bestseller „Darm mit Charme“ stellte sie auf Einladung der Tübinger Buchhandlung Osiander vor.

Die 24-Jährige gleicht einer Entdeckungsreisenden mit einer ungewöhnlichen Mission: Sie will das schlauchähnliche Verdauungsorgan aus der Stinke-Ecke holen. Denn es gibt Belege dafür, dass eine intakte Darmflora Übergewicht, Allergien und Depressionen verhindert. Weil der Darm eine Körperregion ist, die dem Blick von außen entzogen ist, fällt Enders gleich noch ein wunderbarer Vergleich für ihre Forschungen ein: Sie wolle versuchen, „was man mit Büchern so wunderbar kann: der sichtbaren Welt Konkurrenz machen“.

Auch der Doppelmechanismus am Darmausgang (innerer und äußerer Schließmuskel) wirke über rein physiologische Vorgänge hinaus. „Der innere ist ein einfaches Kerlchen“, so Enders. Sein Motto sei: „Was raus muss, muss raus.“ Leider reagiere jeder einzelne völlig unterschiedlich auf solche Signale – was die angehende Gastroenterologin zu weitergehenden Fragen führte: „Wie wichtig ist uns unsere Innenwelt? Und welche Kompromisse gehen wir ein, um mit der Außenwelt zurechtzukommen?“ Sie erkannte: „Der innere Schließmuskel will das Beste für meinen Körper.“ Dieses Wissen veränderte ihr Alltagsverhalten: Öffentliche Toiletten habe sie zuvor einfach nicht benutzen können, so Enders. Inzwischen schafft sie sogar Zugtoiletten.

Als ihr ein Freund schrieb, die Franzosen hätten offenbar die Klosettschüsseln auf den Autobahntankstellen abmontiert, kam die Medizinerin auf einen weiteren Forschungsansatz: Historisch wie physiologisch sei die Hocke die ideale Körperstellung für das große Geschäft, fand sie heraus. Denn beim Sitzen – auf der scheinbar hygienisch so überlegenen Kloschüssel – bleibe der Darm gekrümmt und könne sich nicht so gut vollständig entleeren.

Hämorrhoiden und andere Darmkrankheiten träten nur in Ländern auf, wo Klosettschüsseln in Gebrauch sind. Häufiges Pressen bei Verstopfungen könne sogar das Schlaganfallrisiko erhöhen, sagte Enders. „Müssen wir jetzt alle von unserem Porzellanthron klettern?“, fragte sie. Nein, ein kleiner Schemel vor der Schüssel könne die Sitzposition günstig verändern.

Ihr Buch ist auch ein sanftes Plädoyer dafür, ein wenig sorgsamer mit dem eigenen Körper umzugehen – und auch nicht beharrlich weniger als 50 Prozent der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Ballaststoffe zu verzehren.

Derzeit widmet Enders ihre Doktorarbeit einem Bakterium des Verdauungstrakts. Eine wichtige ärztliche Fähigkeit besitzt sie schon jetzt: Den Patienten, in diesem Fall ihre Tübinger Zuhörer, mit einem guten Gefühl wieder in die Welt zu entlassen. Zuvor legte sie noch ein Wort für ihre Medizinerkollegen ein. Häufig werde sie gefragt, warum die nicht ebenso gut erklären könnten wie sie selbst. Sie bat die Zuhörer zu bedenken, wie stark Ärzte beruflich eingespannt sind.

„Der innere Schließmuskel ist ein einfaches Kerlchen“
Darm-Forscherin Giulia Enders

Eine Hautkrankheit führte Giulia Enders zur Medizin als Wissenschaft. Vor Jahren überzogen sich ihre Arme und Beine mit „schrundigen Krüstchen“. Sie begann zu recherchieren und war fasziniert von medizinischen Büchern: „Ich konnte sie noch lesen, wenn ich müde oder krank war.“ Sie sei eine Perfektionistin, gestand sie. „Je mehr Arbeit und Energie man in eine Aufgabe hineinsteckt, desto besser wird das Ergebnis“, war ihre Überzeugung. Dass kreative Arbeit andere Bedingungen braucht, konnte ihr erst ihre ältere Schwester Jill Enders klarmachen. Die Kommunikationsdesignerin fertigte auch die Illustrationen für den bereits in 18 Länder verkauften „Darm“-Bestseller.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.11.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball