Horb · Landtagswahl-Kandidatur

Der jüngste Kandidat im Kreis

Niko Kulisch tritt im Landkreis Freudenstadt für Die Linke an. Er möchte soziale Politik für alle Bevölkerungsschichten machen.

19.02.2021

Von Dagmar Stepper

Niko Kulisch ist 19 Jahre alt und wohnt bei Sindelfingen. Er hasst es, unpünktlich oder schlecht vorbereitet zu sein. Bild: Karl-Heinz Kuball

Rote Haarsträhne, rote Linken-Tasche, rote Jacke, roter Hemdkragen: Niko Kulisch trägt die Signalfarbe seiner Partei Die Linke. Er trägt außerdem den Optimismus der Jugend im Gepäck. Kulisch ist 19 Jahre alt, hat aber schon etliche Erfahrungen gesammelt, politisch, beruflich und privat. Beim Spaziergang durch Horb muss man ihm nicht viel über die Stadt und den Landkreis erklären, obwohl Kulisch in Sindelfingen wohnt. „Ich habe mich schon informiert“, sagt er. „Wenn ich etwas nicht leiden kann, ist es, unpünktlich zu sein und schlecht vorbereitet.“

Warum Die Linke? Kulisch muss nicht lange überlegen. „Weil es die ehrlichste Partei ist, die es in Deutschland gibt. Sie macht keine Politik für die Reichen, sondern für die Mehrheit.“ Dass ihr das Stigma als SED-Nachfolgepartei noch immer anhaftet, kann er nicht nachvollziehen. „Ich finde es blöd, in eine Schublade gesteckt zu werden.“ Außerdem sein Die Linke eine relativ junge Partei. „43 Prozent der Mitglieder sind unter 30.“ Anfang 2018 ist er eingetreten. Zu seiner Jugendzeit war er nicht sonderlich politisch interessiert, doch bei der Ausbildung zum sozialpädagogischen Kinder- und Jugendassistent in Bayern hat er eins festgestellt: „Der soziale Bereich wird kaputtgemacht.“ Das will er ändern.

Klimaschutz und Jugendtreffs

Kulisch greift beim Reden immer wieder in seine rote Linke-Tasche, um seine Thesen zu untermauern. Die medizinische Versorgung, die Berufe im sozialen Bereich gehören zu seinen Schwerpunkte. Krankenhäuser zu schließen oder zu privatisieren ist ein No-Go für ihn. „Ein Krankenhaus ist keine Ware und muss sich nicht rechnen“, sagt er. Das Pflegepersonal müsste besser bezahlt, ihre Arbeit anerkannt werden. Neben diesem Schwerpunkt nennt er noch Bildung, Klimaschutz und Jugend. Mit seinem Alter will er auch punkten: Kulisch ist der jüngste Kandidat im Landkreis. Wählen Jüngere auch eher Jüngere? „Ja, weil sie sich mehr für den Klimaschutz engagieren.“ Doch das ist nicht das einzige: Jugendliche würden eher wissen, was Jugendliche wollen. Schulischer Bereich, ÖPNV, Angebote, um zuhause rauszukommen. Er denkt an Skaterbahnen, Jugendtreffs.

Er eckt gerne an

Kulisch sagt, was er denkt. Er eckt auch gerne an. Auch mit seiner eigenen Partei. „Ich stehe fest zu meiner Partei, aber nicht zu 100 Prozent.“ Das sei aber das Gute an den Linken, das werde geduldet. Er will eigene Akzente setzen. „Ich will persönliche Statements abgeben, will authentisch rüberkommen.“ Und er will Veränderungen. Deshalb kandidiert er. „Es gibt ja kaum mehr Unterschiede zwischen den Parteien. SPD und CDU nähern sich an, genauso wie Grüne und CDU. Das ist Täuschung der Öffentlichkeit. Das macht Die Linke nicht.“

Kulisch ist in der Ukraine geboren, 2005 zog die Familie nach Würzburg, seine Mutter und Großmutter sind Spätaussiedlerinnen. In Würzburg wurde er politisch aktiv, verpasste für Die Linke knapp den Einzug in den Kreistag. Durch die Liebe landete er im Juni 2020 in Sindelfingen, seine politische Aktivität setzte er im Kreisverband Böblingen fort.

Die Politik ist für ihn wie ein Hobby. „90 Prozent meines Lebens besteht aus Politik“, sagt er. Interesse an einer Kandidatur hatte er, im Landkreis Böblingen gab es allerdings schon Interessenten. Und als Neuling wäre es schwierig gewesen, sich der Kandidatur zu stellen. Dass Kulisch aber bereit ist, drang bei der Linken-Geschäftsführerin durch. Und da der Landkreis Freudenstadt über keinen Kandidaten verfügte – Stefan Dreher wollte nicht mehr – wurde Kulisch gefragt. Seine erste Reaktion: „Ich musste es erst überlegen.“ Doch dann hat er zugesagt.

Seither hat er einen Full-Time-Job, von seiner Arbeit im Einzelhandel ist er freigestellt. Kulisch klebt Plakate, er beantwortet Anfragen, nimmt an digitalen Konferenzen teil, ist in den sozialen Netzwerken unterwegs. „So viele E-Mails habe ich noch nie bekommen“, berichtet er. „Doch es macht auch Spaß, wenn man sieht, dass sich die Leute für einen interessieren.“ Schwer aktiv ist er auf Facebook und Instagram, plant seine eigenen Online-Veranstaltungen. Doch auch klassische Flyer sollen noch folgen.

Kulisch steckt einen großen Teil seines Lebens in die Politik und für Die Linke. Ist es dann nichtfrustrierend, wenn man die Zahlen im Landkreis Freudenstadt ansieht? 2016 hat sie hier gerade mal 1,9 Prozent erreicht, im Stuttgarter Landtag ist sie nicht vertreten, am 14. März prognostizierte ihr „Infratest dimap“ am 4. Februar 3 Prozent. „Ja, es ist hart. Unsere Chancen sind relativ gering. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Kulisch betont aber auch, dass er nicht nur kandidiert, um in den Landtag zu ziehen, sondern um etwas zu bewirken. „Es braucht eine soziale Kraft im Landkreis.“

12 Fragen an Niko Kulisch

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?

Normalerweise keins, ich bin ein digitaler Mensch. Aber gerade lese ich „Meine schönsten Skandale“ von Dieter Dehm.

Welche Musik, Podcasts oder Hörbücher hören Sie, wenn Sie unterwegs sind?

Ich wechsle zwischen zwei Sachen: was man gerade so im Radio hört und Bundestagsdebatten.

Wer ist Ihr politisches Vorbild?

Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht.

Welches Getränk macht Ihnen gute Laune?

Alles, wo Zucker drin ist.

Wie entspannen Sie sich am liebsten?

Wie gesagt, ich bin ein sehr digitaler Mensch. Daher entspanne ich beim Videospielen am Computer mit Menschen, die ich mag. Oder nur auf der Couch liegen und Sahra Wagenknecht hören.

Wo auf der Welt –

außerhalb des Landkreises Freudenstadt – gefällt es Ihnen besonders gut?

In Unterfranken, wo ich herkomme.

Was ist Ihr wichtigster persönlicher Wunsch für sich selbst?

Ich will ein guter Ansprechpartner für Freunde sein. Der Kontakt zu anderen Menschen ist mir wichtig.

Was wünschen Sie dem Landkreis?

Dass er aufblüht und vernetzter wird. Von A nach B zu kommen und dort Angebote hat – nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Ältere.

Welche Fähigkeit hat Ihnen im zurückliegenden Jahr besonders geholfen?

Ich kann gut auf Menschen eingehen und merke, wenn es ihnen nicht gut geht. Dann helfe ich.

Was möchten Sie noch unbedingt dazu lernen – außerhalb der Politik?

Die Psyche des Menschen interessiert mich sehr. Daher würde ich gern einen Kurs in Psychologie und Pädagogik machen.

Woran erkennen Sie, dass sich eine Diskussion nicht weiter lohnt?

Wenn das Gegenüber immer mit denselben Argumenten kommt. Ich bin dabei aber sehr hartnäckig und versuche, den anderen von meiner Meinung zu überzeugen.

Würden Sie lieber in die Vergangenheit reisen oder in die Zukunft – und warum?

In die Vergangenheit. Ich würde probieren, die politischen Entscheidungen so zu verändern, dass sie in der Zukunft anders aussehen.

Niko Kulisch wurde in Artemowsk (Ukraine-donezkaja oblast) geboren. 2005 wanderte die Familie aus der Ukraine nach Deutschland ein.

Von 2005 bis 2020 lebte er in Würzburg. Kulisch machte eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Kinder- und Jugendassistenten. Er sattelte noch eine Ausbildung zum Verkäufer im Einzelhandel bei einer Elektrofachmarkt-Kette in Würzburg darauf. Im Juni 2020 zog er nach Sindelfingen. Neben seiner Landtagskandidatur im Wahlkreis Freudenstadt agiert er für Die Linke als Jugendpolitischer Sprecher des Kreisverbandes Böblingen. Wenn Kulisch keine Politik macht, widmet er sich dem Kampfsport, der Natur und dem Schlittschuhlaufen. Außerdem mag er Horrorfilme.

Vorstellungen der Landtagskandidaten des Wahlkreises Freudenstadt in der NECKAR-CHRONIK: Viviana Weschenmoser (SPD)Winfried Asprion (Grüne)Dr. Timm Kern (FDP)Katrin Schindele (CDU)Dr. Uwe Hellstern (AfD)Niko Kulisch (Die Linke)

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Erstellt:
19. Februar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Februar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2021, 01:00 Uhr

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