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Wie Mössingen einen Bahnhof bekam und Ofterdingen einen solchen verhinderte

Der kleine Grenzverkehr

Am 24. Juni 1869 wurde die Bahnstrecke von Tübingen bis Hechingen feierlich eingeweiht. Beim Eisenbahnbau in Württemberg, seit 1845 mit Volldampf betrieben, war Tübingen-Hechingen der 38. Streckenabschnitt.

16.06.2011
  • Franziska Blum

Steinlachtal. Die Mitglieder der Königlichen Eisenbahnkommission bestiegen um 11 Uhr in Tübingen den Zug der verzierten Lokomotive „Leonberg“ mit vier Personenwagen erster und zweiter Klasse. Die festliche Eröffnungsfahrt auf der knapp 25 Kilometer langen Strecke ging zunächst entlang der Steinlach nach Dußlingen, dann weiter über Nehren nach Mössingen und Bodelshausen.

1861 war Tübingen ans württembergische Eisenbahnnetz angeschlossen worden. Acht Jahre später erfolgte der Ausbau Richtung hohenzollerisches Hechingen. Dem Bau des Streckenabschnitts im Steinlachtal waren intensive Verhandlungen vorausgegangen.

Ursprünglich sollte die Strecke auf direktem Weg entlang der „Schweizer Straße“, der heutigen B 27, über Ofterdingen nach Bodelshausen führen. Doch die Ofterdinger sahen in der Eisenbahn eine bedrohliche Konkurrenz für ihre Gast- und Fuhrgeschäfte an der belebten Fernstraße. Manche auf der geplanten Bahntrasse liegende Wiesen sollen von findigen Bauern kurzerhand zu „wertvollem Ackerland“ gemacht worden sein.

Die Baukommission ließ die „Äckerlesmacher“ rechts liegen und legte die Strecke in einem weiten Bogen um Ofterdingen. So hatten die Mössinger dem Nachbarort den Bahnhof und in dessen Folge auch eine eigene Poststelle im Gasthaus Schwanen zu verdanken.

Als die Lokomotive „Leonberg“ an diesem Festtag auf Mössingen zufuhr, war der weit vor der Dorfgrenze erbaute Bahnhof festlich verziert. Es knallten Böller, und 20 Festjungfrauen in Weiß mit Schärpe sowie in Steinlachtracht hießen den Zug feierlich willkommen.

Der kleine Grenzverkehr
Mössingen um das Jahr 1914: Der Bahnhof (rechts) lag damals noch weit außerhalb der Stadt – des Dorfes (im Hintergrund). Bild: Stadtarchiv

Auch der Gemeinderat, die uniformierte Feuerwehr und der Gesangverein gehörten zum Begrüßungskomitee. Die Fahrt ging weiter nach Bodelshausen, dem letzten Dorf vor der württembergisch-hohenzollerischen Grenze. Der dortige Empfang fiel weniger feierlich aus, und der Bahnhof war nur „mäßig dekoriert“. Die Bodelshäuser hatten nämlich ihre Vorbehalte gegenüber dem Bahnanschluss geäußert. Aufgrund ihrer Grenzlage war die Furcht groß, dass das am Eisenbahnnetz liegende Dorf im Kriegsfall vom Feind besser zu finden sei.

Die Angst scheint nicht ganz unbegründet, war es doch erst drei Jahre zuvor zwischen Württemberg und dem seit 1850 preußisch verwalteten Hohenzollern-Hechingen zur feindlichen Auseinandersetzung gekommen. Im Deutschen Krieg von 1866 waren württembergische Truppen in Hechingen einmarschiert. Die Verhandlungen für den Bau der Bahnlinie über die Landesgrenze hinweg waren dennoch erfolgreich. Zwischen den Königreichen Württemberg und Preußen war ein Staatsvertrag vereinbart worden.

Von Bodelshausen aus erreichte der Festzug am 24. Juni wenige Minuten später die Endstation Hechingen. Die Fahrzeiten im Jahr 1869 betrugen auf der Fahrt Tübingen-Hechingen 56 Minuten, auf dem abschüssigen Rückweg nur 50 Minuten. Um 2 Uhr nachmittags kam der Zug bei Sonnenschein mit vielen auf der Bahnstrecke zugestiegenen Gästen in Tübingen an, wo in den Gasthöfen der Stadt ausgiebig gefeiert wurde. Die Rückreise mit dem Zug traten Steinlachtäler und Hechinger am frühen Abend an.

Info

Wer alte Fotos und Dokumente für das Projekt „Zeitzeugnisse“ hat, kann diese am Dienstag, 21. Juni, 14 bis 15 Uhr, im TAGBLATT-Archiv (Uhlandstraße 2 in Tübingen) einscannen lassen. Insbesondere interessieren uns auch Geschichten rund um das Gönninger Bähnle, das die Gomaringer nach Reutlingen und zurück brachte. Wenn jemand speziell dazu etwas weiß, freuen wir uns über Zuschriften und Infos unter sb@tagblatt.de oder 0 74 73 / 95 07 18.

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16.06.2011, 12:00 Uhr

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