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Der kostümierte Konditor
„Auf Freiers Füßen“? Hugo Pfuderer 1930 in Bebenhausen. Was der Tübinger Café-Besitzer damals an diesem Gartentor wollte, ist unklar. Wer weiß mehr?
Hugo Pfuderer setzte sich gerne verkleidet in sein Café

Der kostümierte Konditor

Der langjährige Inhaber des Café Pfuderer am Tübinger Marktplatz war offenbar ein Scherzbold. Auf Privatfotos zeigte er sich in verschiedenen Kostümen – unter anderem als kauziger Gast in seinem eigenen Café.

05.07.2012
  • FILIPP MÜNST

Tübingen. In dem markanten Fachwerkhaus am Marktplatz, dort wo heute das „Ranitzky“ ist, befand sich einst mit dem Café Pfuderer ein typisch Tübinger Anziehungspunkt. Inhaber Hugo Pfuderer leitete das Café von 1919 an über 40 Jahre lang und machte sich mit seiner Spezialität, den berühmten Pfuderer-Pralinen, einen Namen. Doch Pfuderer war seinerzeit in Tübingen nicht nur bekannt „wie ein bunter Hund“, manchmal machte er sich auch selbst zu einem – wenn er verkleidet im Café saß und nicht jeder ihn erkannte.

Mal mit Melone, mal mit Zipfelmütze

Nach seiner Ausbildung im Königin-Olga-Bau in Stuttgart legte der gebürtige Zuffenhausener bereits mit 21 Jahren seine Meisterprüfung ab. Er war damit der jüngste Konditormeister in Deutschland. Nicht nur deshalb – auch wegen seines Konfekts war er bekannt. Er gründete die Konditorinnung Reutlingen, war dort 20 Jahre lang Mitglied der Lehrlings- und Prüfungskommission und war während des ersten Weltkriegs Obermeister der Konditoren im Kreis Tübingen. Diese Verdienste um seinen Berufsstand würdigte der deutsche Konditorenverband 1953 mit der Verleihung der silbernen Ehrennadel.

„Im Pfuderer“ gingen nicht nur angesehene Bürger der Stadt und Akademiker – vom Erstsemester bis zum Professor – ein und aus. Der Konditormeister war stolz darauf, insgesamt neun Tübinger Oberbürgermeister, den letzten württembergischen König Wilhelm II. und mit Konrad Adenauer auch den ersten deutschen Bundeskanzler in seinem Café empfangen zu haben. Adenauer, der noch als Kölner OB Tübingen besuchte, kaufte sich bei Pfuderer sogar Pralinen.

Sicherlich fiel den zahlreichen Gästen in dem Kaffeehaus ab und zu auch ein kostümierter Mann auf: mal mit Melone, mal mit Zipfelmütze oder als Clown geschminkt. Dass es sich dabei um Hugo Pfuderer persönlich gehandelt hat, wusste offenbar nicht jeder. Inge Eberle-Delius aus Pfäffingen hat davon jetzt dem TAGBLATT-Projekt Zeit-Zeugnisse ein paar Fotos zur Verfügung gestellt.

Großer Fundus mit Fotos aus den 1930ern

Die Bilder stammen aus dem Nachlass des Stuttgarter Fotografen Walter Baumeister, einem guten Freund Pfuderers. Baumeister war der Onkel von Inge Eberle-Delius. Der Onkel – Bruder ihrer Mutter – führte in der Stuttgarter Büchsenstraße zusammen mit ihrem Vater das Fotogeschäft „Foto-Sport“. Das Stuttgarter Geschäftshaus wurde im Krieg zwar ausgebombt, Inge Eberle-Delius erbte von Vater und Onkel aber einen beachtlichen Foto-Nachlass. In diesem Fundus entdeckte die heute 76-jährige Pfäffingerin, die 1970 mit ihrem Mann von Ludwigsburg in den Kreis Tübingen umzog, die Fotos von Hugo Pfuderer. Die Aufnahmen sind alle Anfang der 1930er Jahre entstanden.

Die Geschichten kennt niemand mehr

Neben Bildern aus dem Tübinger Café existiert auch ein Foto, auf dem Pfuderer mit einem Blumenstrauß in der Hand an der Klosterverwaltung in Bebenhausen läutet (Bild links). Was genau er dabei vorhatte, ob dieses Foto gestellt ist und warum er sich überhaupt so gerne verkleidete, bleibt – Stand heute – im Dunkeln. Zeugen, die die Geschichten zu den über 80 Jahre alten Bildern erzählen könnten, waren nicht zu finden.

1965 übernahm Heinrich Gauker das Café am Marktplatz. Hugo Pfuderer starb wenige Jahre darauf, im August 1971, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Seine Frau Emma starb ein Jahr später, kurz nachdem ihr Haus bei einem Großbrand fast vernichtet worden war. Seitdem ist der Name Pfuderer aus dem Tübinger Adressbuch weitgehend verschwunden.

Info: Die Bilder von Hugo Pfuderer hat der Stuttgarter Fotograf Walter Baumeister gemacht. Wer für unser Projekt Zeit-Zeugnisse weitere Informationen dazu hat, kann sich unter der Nummer 0 70 71 / 93 43 51 ans TAGBLATT-Archiv wenden.

Der kostümierte Konditor
Hugo Pfuderer 1931 in seinem Café als Vagabund und als Pfeife rauchender Zaungast auf der Ofenbank. Der Tübinger Café-Besitzer ließ sich in den dreißiger Jahren von seinem Freund Walter Baumeister in solchen Posen fotografieren. Baumeisters Nichte Inge Eberle-Delius stellte uns die Bilder aus dem Nachlass zur Verfügung.

Der kostümierte Konditor
Hugo Pfuderer 1931 in seinem Café als Vagabund und als Pfeife rauchender Zaungast auf der Ofenbank. Der Tübinger Café-Besitzer ließ sich in den dreißiger Jahren von seinem Freund Walter Baumeister in solchen Posen fotografieren. Baumeisters Nichte Inge Eberle-Delius stellte uns die Bilder aus dem Nachlass zur Verfügung.

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05.07.2012, 12:00 Uhr

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