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Der lange Weg für Asylbewerber zur Ausbildung
Der Auszubildende Flüchtling Chika Opara aus Nigeria arbeitet bei dem Automobilzulieferer Mahle an einem Elektronischen Schaltkreis. Schlüssel für eine Ausbildung und eine gelungene Integration ist die Sprache. ⇥Foto: dpa
Eingliederung

Der lange Weg für Asylbewerber zur Ausbildung

Unternehmen im Südwesten bieten Flüchtlingen Jobs und Lehrstellen. Bei vielen von ihnen reicht es zunächst nur für Hilfsarbeiten.

17.10.2016
  • ANDREAS BÖHME

Mohammad hat einen großen Traum: In seiner Heimatstadt Aleppo will er eine Stadtbahn bauen. 24 ist er jetzt, vor zwei Jahren floh er ganz allein aus Syrien. Dort hatte er Elektrotechnik studiert, ließ die Zeugnisse aber zurück. „Ich muss bei Null anfangen“, sagt er in fließendem Deutsch, schon die Wartezeit im Asylverfahren hat er mit Sprachenlernen verbracht. Und nun bereitet er sich beim Autozulieferer Mahle auf ein duales Ingenieursstudium vor.

Ferestah trägt Jeans, helles Sweatshirt, Ohrringe und einen weit nach hinten gezogenen Kopftuchschal. Die 20-jährige Afghanin aus Kandahar kam ebenfalls bei Mahle unter, bei dem man sich der anthroposophischen Ausrichtung der Gründerväter besinnt und jungen Flüchtlingen Chancen für eine industrielle Ausbildung bietet. Die aufgeweckte junge Frau ist allerdings die Ausnahme in der Lehrwerkstatt, denn Mädchen arbeiten meist in Dienstleistungsbetrieben. Ferestah indes macht ein zwölfmonatiges Praktikum und hat als erstes einen Kochlöffel geschmiedet.

Sahine ist Koch aus Aleppo, der im „Scharfen Eck“ in Mühlacker vor den Toren der Landeshauptstadt in der Küche arbeitet und im kommenden Jahr seine Lehre beginnt. Bis dahin verbessert der 20-Jährige mit der Küchenchefin Karin Frommherz seine Deutschkenntnisse. Maultaschen beherrscht er schon in vielerlei Variationen, nur beim Abschmecken der Schweinefleischfüllung muss ihm ein Nicht-Muslim noch zu Hilfe eilen.

Filmon aus Eritrea, Omar aus Gambia, Chika aus Nigeria, Mike aus Syrien und Mostafa aus dem Iran: das ist die Flüchtlingsklasse beim Kabelhersteller Lapp. Sie steht unter der Fuchtel eines ganz besonders engagierten Lehrmeisters. Thilo Lindner paukt nicht nur Fachwissen, sondern auch Landes- und Gemeinschaftskunde und das deutsche politische System, auch weit außerhalb des Arbeitstages. Einjährige Kurz-Lehren, da stimmt er überein mit den Dachverbänden von Industrie und Handwerk, bringen nichts. So mahnt auch Mahle-Arbeitsdirektor Michael Glowatzki: „Die Integration ist ein Marathon und kein Sprint.“

All diese Einzelbeispiele sind noch untypisch. Die meisten jungen Flüchtlinge wollen rasch Geld verdienen, mit einer dreijährigen Ausbildung oder gar einem dualen Studium sind sie nicht vertraut. Aber sie sind die ersten, die die Sprachfähigkeiten erworben haben, ohne die gar nichts geht. Christian Rauch, Landeschef des Arbeitsamtes, versichert, dass die jungen Migranten hochmotiviert sind, oft eine gute Schulbildung, aber selten eine qualifizierte Berufsausbildung mitbringen. „Es dauert ein bis zwei Jahre von der Ankunft der Flüchtlinge bis zur Ausbildungsreife.“ In dieser Zeit wird die Sprache gepaukt, allein die ganz Begabten schaffen es in den veranschlagten neun Monaten. Auch Bürojobs sind dann noch nicht möglich. Aber wer einigermaßen fließend spricht und in der Berufsschule mitkommt, landet hernach unter anderem beim „Kümmerer“. Das sind eine halbe Hundertschaft erfahrener Menschen, zumeist Sozialpädagogen, die landesweit die Fähigkeiten der jungen Menschen identifizieren und dann passende Praktika und Lehrstellen wie für den angehenden Koch Sahine vermitteln.

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, selbst aus einem mittelständischen Unternehmen, weiß: „Der Königsweg zur beruflichen Integration von Flüchtlingen ist die betriebliche Ausbildung.“ Und sie freut sich über die ersten Zahlen: fast 600 Flüchtlinge starten im jetzt beginnenden Ausbildungsjahr eine Lehre, weitere 14 500 arbeiten im so genannten Helferbereich. Ihr Ressort hat ein Stufenkonzept entwickelt, das mit den Bausteinen Spracherwerb, Berufsorientierung, Betreuung und Vermittlung sowie der Stabilisierung alle Maßnahmen verzahnt. Auch das Kultusministerium, die Kammern und Industrieverbände, der Bund, die Arbeitsdirektion sowie viele private Anbieter mühen sich, junge Flüchtlinge in qualifizierte Jobs zu bekommen.

Noch sind die großen Betriebe wie Mahle oder Lapp, Bosch und Stihl die Vorreiter in der Flüchtlingsausbildung. Aber auch die kleinen Mittelständler können das: Ein Engagement von Ausbildern wie Thilo Lindner ist zwar unbezahlbar, der Rest aber nicht. Rund 1000 EUR kostet Mahle jeder der jungen Flüchtlinge – pro Jahr. Das ist zu schaffen, denn es gibt ungezählte staatliche Hilfen, und dann arbeiten die Jugendlichen noch zwei Tage im Betrieb. Einfache Jobs zwar, aber auch die bringen Geld.

Allem voran aber steht Sprache als Schlüssel für einen Zugang zum Arbeitsmarkt und eine Integration. Vielleicht gibt es im dahingemetzelten Aleppo derzeit Wichtigeres als eine Stadtbahn. Vielleicht wird sie nie fahren. Aber wenn, dann mischt Mohammed wohl mit. Die Schlüssel Sprache und Ausbildungsplatz hat er dafür schon in der Hand.

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17.10.2016, 06:00 Uhr

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