Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
"Wie ein Vater für uns alle": Hamburg verabschiedet sich von Helmut Schmidt

Der letzte Weg des Lotsen

Am Tag des Abschieds von Helmut Schmidt trägt Hamburg Trauer. Neben der großen Politik nehmen tausende Bürger Abschied von dem Altkanzler. Der ein oder andere hat einen persönlichen Bezug zu Schmidt.

24.11.2015
  • STEPHAN CLAUSS (MIT AFP)

Des "großen Lotsen" letzte Fahrt ist exakt zwölf Kilometer lang und dauert kaum 60 Minuten. Nach dem Ende des Staatsaktes in St. Michaelis haben die Hamburger am Straßenrand noch ein allerletztes Mal die Chance, vom größten Bürger ihrer Stadt Abschied zu nehmen. Und es ist echter Schmerz, den man in vielen Gesichtern lesen kann. Tausende säumen an diesem kalten, klaren Herbsttag die Route, die vom Michel durch die Innenstadt und entlang der Alster zum großen Städtischen Friedhof im Stadtteil Ohlsdorf führt, wo der am 10. November gestorbene Altkanzler dann im engsten Kreis der Familie beigesetzt wird. "Verlässlich, geradlinig, entschlossen", das sind die häufigsten Attribute, die ihm Volkes Stimme nachruft.

Schmidt selbst hätte sich vielleicht ziemlich spöttisch darüber geäußert, mit welchem Aufwand sich die Medien auf den erwarteten Tod jenes Menschen stürzen, der seit den 1960er Jahren die Geschicke Hamburgs und Deutschlands entscheidend mitbestimmt hatte. Am Ende seines Lebens war er in seiner Heimatstadt fast schon ein Heiliger, ein Orakel, ein Relikt aus der Zeit der großen Männer. "Ich ziehe meinen Hut vor ihm", sagt eine Französin vor dem Ohnesorg Theater. "Solche wie ihn gibt es heute nicht mehr; in Frankreich erst recht nicht. Es ist eine Tragödie."

Während des eineinhalbstündigen Staatsakts scheint die sonst so belebte City wie ausgestorben. Eine riesige Deutschlandfahne weht vor dem Rathaus, die Kondolenzlisten drinnen sind nun geschlossen, die Blumen, Fotos und Trauerkerzen links vom Eingang weggeräumt. Viele Hamburger müssen oder wollen dennoch arbeiten gehen. "In solchen Zeiten muss man auf sein Geschäft aufpassen", sagt ein gepflegter Senior-Kaufmann im blauen Lodenmantel, der es eilig hat, die S-Bahn-Station "Jungfernstieg" zu verlassen. "Eines will ich aber doch sagen: Schmidt hatte es ja noch gut. Zu seiner Zeit konnte man den Laden da oben noch führen. Aber heute dürfen einfach viel zu viele dazwischenquatschen; deshalb wird das nichts mehr."

Der Domplatz, an den das Verlagsgebäude der "Zeit" reicht, wirkt verwaist, während in die Stände der Händler am Fuß der St. Petri-Kirche langsam Leben kommt. Später sammeln sich hier und am Ballindamm an der Alster die meisten Zuschauer, weil es die besten Aussichtspunkte sind. Die Einkaufsmeile Mönckebergstraße ist viel leerer als sonst. Hier bedient Florian Westphal (37) in "Schubecks Gewürzladen" die Hobbyköche und Hausfrauen. "Was verbinden Sie eigentlich mit Helmut Schmidt?" Er lacht und antwortet: "Och, sehr viel: Er war mein Großonkel!" Gesehen habe er ihn zwar nur vier, fünf Mal, doch natürlich wurde auch Florian Sozialdemokrat und weiß, was die Republik Schmidt historisch verdankt. "Ich glaube schon, dass der Nato-Doppelbeschluss damals richtig war und der harte Kurs gegen die RAF sowieso."

Im dritten Stock eines Medien-Kaufhauses zeigen mindestens ein Dutzend Flachbildschirme die Live-Übertragung des Staatsakts. Der Ton ist abgeschaltet, ein kleiner, dünner Mann im schwarzen Mantel, der extra aus Salzgitter angereist ist, steht dennoch davor. Bernd Bodenstein (66) will dem großen Mann eine letzte Ehre erweisen. Hat er ihn gekannt? "Ja natürlich, das habe ich. 1961/62 war ich Zeitungsjunge im Neuburger Weg in Langenhorn und habe am Nachmittag den Innensenator mit dem ,Abendblatt beliefert. Dann ging er nach Bonn und ich zur Commerzbank; jetzt bin ich endlich Rentner."

Bodenstein redet fast, als wäre jemand aus der Familie gestorben. "Wir verdanken ihm viel, er war doch wie ein Vater für uns alle. Und meiner Tante aus Wilhelmsburg hat er bei der Flut 1962 das Leben gerettet - das vergess ich ihm nie."

Zu dem Staatsakt selbst sind Wegbegleiter und Trauergäste aus aller Welt angereist. Rund 1800 Menschen nehmen teil, darunter EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d Estaing. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigt Schmidt als "herausragende Persönlichkeit" und "großen Deutschen und Europäer". Sein Tod sei eine "herbe Zäsur" für die Politik und die Menschen, sagt sie. Seine Urteile seien "fest" und er selbst stets "standhaft" gewesen. Mit den Worten "Lieber Helmut Schmidt, Sie werden uns fehlen", beendet die Kanzlerin ihre Rede. Anschließend verharrt sie kurz an dem mit einer Bundesflagge bedeckten Sarg.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bezeichnet Schmidt als "Staatsmann im eigentlichen Sinne des Wortes" sowie politischen und menschlichen "Giganten". Schmidts enger Freund Henry Kissinger nennt den Verstorbenen in einer sehr persönlichen Rede "eine Art Weltgewissen". Schmidt habe nicht nur die "Weltläufe" erklärt, sondern jeden stets auch an seine "Pflicht" darin erinnert, so der ehemalige US-Außenminister.

Nach dem Staatsakt erhält Schmidt auf dem Platz vor der Kirche ein Großes Militärisches Ehrengeleit, anschließend setzt sich die Trauereskorte in Bewegung. Der Versicherungskaufmann Josef Hummel (61) nutzt seine Mittagspause zu einem letzten Abschiedsgruß vor dem Hotel "Atlantic". Gegen 12.45 fährt der schwarze Mercedes mit dem Sarg an ihm vorbei, gefolgt von einem Wagen mit dem Kranz von Tochter Ursula Schmidt-Kennedy. Nur ein paar Augenblicke, ein Kopfdrehen, dann ist die Trauer um den Staatsmann Schmidt endgültig nur noch Privatsache. Ein letzter Applaus brandet auf. "Das war s!", sagt einer. "Jetzt müssen wir ohne ihn klarkommen."

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

24.11.2015, 08:30 Uhr | geändert: 24.11.2015, 06:01 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball