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Der melancholische Folterer
Friedenspreisträgerin Carolin Emcke (links) am Donnerstagabend im Gespräch mit der Tübinger Literaturwissenschaftlerin Dorothee Kimmich im Sparkassen-Carré. Bild: Sommer
Friedenspreisträgerin Carolin Emcke

Der melancholische Folterer

Die Publizistin Carolin Emcke suchte im Sparkassen-Carré nach Antworten auf Fanatismus und Populismus und sprach sich für ein Recht auf Glück jenseits der Werbeplakate aus.

12.11.2016
  • Dorothee Hermann

Sie schreibt „Gegen den Hass“ – so ist das aktuelle Buch der Journalistin Carolin Emcke betitelt – gegen den Zwang, sich „identitär verklumpen zu sollen“. Am Donnerstagabend war die diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels zu Gast im Sparkassen-Carré vor mehr als 500 Zuhörern. Eingeladen hatte die Buchhandlung Osiander.

Die von Rechtspopulisten propagierte Doktrin vom homogenen Kollektiv bringe gerade keine Stabilität, betonte Emcke: „Weil sie zunächst einmal aussortiert.“ Nationalistische Dogmatiker „teilen willkürlich ein, wer dazugehören darf und wer nicht“, schrieb sie in ihrer Preisrede.

Gleichzeitg warnte die 49-Jährige im Gespräch mit der Tübinger Literaturwissenschaftlerin Prof. Dorothee Kimmich davor, beispielsweise Pegida-Anhänger als „Mob“ oder „Pack“ zu bezeichnen. „So finden die nicht hinein in den demokratischen Diskurs.“ In den letzten Wochen mache sie sich aber weniger Sorgen um die Rechtsextremen als darum, was von deren Themen und Begriffen „in der liberalen Mitte, in den Mainstream-Parteien“ angekommen sei. Emcke rief dazu auf, aus der Defensive herauszukommen und ein Modell anzubieten, das attraktiver sei als Fanatismus und Populismus. „Das ist auch meine Antwort auf Donald Trump.“

„Zum zivilen Widerstand gegen den Hass“ gehört für die Publizistin auch, „sich die Räume der Phantasie zurückzuerobern, die verschiedenen Möglichkeiten des Glücklichwerdens“ – auch für diejenigen, die nicht so begehren, „wie es die Werbeplakate oder die Gesetze vorschreiben“. Die Rolle des Unterdrückten, Unfreien, Verzweifelten sei nicht zu akzeptiere – nicht nur, was die Rechte auf Teilhabe angehe, sondern auch beim Recht auf Glück. Sie spreche als „jemand, der homosexuell ist“ und „tatsächlich Marginalisierungserfahrung hat“.

Von 1998 bis 2006 berichtete Emcke für den „Spiegel“ aus Krisenregionen, unter anderem aus dem Kosovo und Afghanistan. In diesen Jahren lernte sie, Gewaltakte in Einzelbilder zu aufzuspalten. „Entschleunigung der Gewalt“, nannte sie das. „Dann tauchen sehr viel mehr Mitbeteiligte auf und sehr viel mehr Weggabelungen, an denen man sich hätte anders entscheiden können.“

Einmal porträtierte sie einen der Folterer aus dem Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad. „Er hatte keinerlei Vorgeschichte von Gewalt und Rassismus und hat in diesem Gefängnis doch genauso agiert wie alle anderen.“ Im Gespräch sei er eher sanft gewesen, auch melancholisch.

Eine Studie des Soziologen Wolfgang Sofsky habe ihr weitergeholfen: „Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager“, wo einerseits vollständige Kontrolle herrschte, es aber andererseits Räume der Anarchie gab. „Genau das war Abu Ghraib“, sagte Emcke: „totale Kontrolle und völlige Regellosigkeit“.

Als Kriegsreporterin habe sie zunächst den Anspruch gehegt, die Öffentlichkeit zu informieren. Doch mit der Zeit verschob sich ihr Fokus – auf die Opfer, für die sie zu sprechen versuchte: „Menschen, die über eine gewisse Zeit entrechtet, vergewaltigt, eingesperrt waren, können kaum glauben, dass sie wieder wahrgenommen werden.“

Sie komme aus einem Elternhaus, in dem niemand studiert hatte, sagte Emcke. Ihr Vater habe gar keinen Schulabschluss. Ein Kind, das gerne las, sei ihm wie „eine eigentümliche Spezies“ vorgekommen. Sie sei „wahnsinnig dankbar“, dass sie studieren durfte: „Die Vorstellung, dass man lesend und schreibend die Miete bezahlen kann, schien erst sehr spät auf in meinem Leben.“ Ihren Patenonkel, den von der RAF ermordeten Manager Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, erwähnte sie nicht.

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12.11.2016, 01:00 Uhr

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