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1000 Interessierte bei Reinhold Messner in Tübingen

Der mit dem Fels eins wurde

Die Alpin-Ikone wird leiser und weiser - und zieht immer noch die Massen in ihren Bann: Rund tausend Interessierte füllten die Hepper-Halle.

17.11.2016
  • Wolfgang Albers

In der Medientheorie ist der Begriff Lagerfeuer momentan in Mode. Gemeint sind Sendungen oder Veranstaltungen, zu denen sich noch Jung und Alt gemeinsam versammeln. Solche Lagerfeuer – wie etwa „Wetten dass“ – werden selten, heißt es bedauernd. Aber am Dienstagabend quetschten sich der Enkel und die Oma, der Hardcore-Alpinist und der Spaziergänger, junge Frauen, ältere Männer, quetschen sich rund tausend Interessierte in die Hepper-Halle: Reinhold Messner was back in town.

Seine Auftritte sind Lagerfeuer: Der Mann ist der personifizierte Abenteurer und ein leidenschaftlicher Erzähler. Und er ist einer, der überlebt hat - das ist das Titelmotto seiner fast täglich getakteten Tournee durch die großen Hallen der Republik und im Ausland gleich dazu. Ein Überlebender nicht nur am Berg (was angesichts seiner alpinistischen Grenzgänge schon Leistung genug ist), sondern auch ein Überlebender in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Wo sind denn die anderen Prominenten seiner Jahr-gangsära? Franz Beckenbauer verkriecht sich vor dem Staatsanwalt, ein Gerhard Schröder sucht im Keller nach der letzten Flasche Bier, Chris Roberts tingelt über die Hausfrauen-Nachmittage. In Tübingen aber strafte das Ausverkauft-Schild den, der zu spät zum Ticketerwerb gekommen war.

Dabei ist es ja noch viel schwieriger, als Alpinist Aufmerksamkeit zu erlangen. Dem Fußballer oder dem Künstler kann man direkt zugucken, aber was da in den Bergen geschieht, wo es gilt, wie Reinhold Messner sagt, „selber Fels zu werden, mit den Fingern mit dem Stein eins zu werden“, entzieht sich ja der direkten Anschauung.

Und ein Reinhold Messner muss sie nicht mehr liefern, das hat er in Dutzenden Büchern und Vortragsreihen früher getan. Sein jetziger Auftritt in Tübingen erwähnte seine Pioniertaten im extremen Fels und in extremen Höhen nur zurückhaltend, und auch von der Dramaturgie nahm sich Reinhold Messner sehr zurück. Ganz old school spulte der Projektor meist diaschaumäßig Standbilder ab (im Gegensatz zum Multimedia-Gewitter gängiger Präsentationen), und neben der großen Leinwand stand ganz klein am Rand der Reinhold Messner und plauderte im ruhigen Ton.

Man kennt ihn anders: dominanter, selbstüberzeugter, provokativer. Die Besucher in Tübingen aber erlebten einen altersmilden Reinhold Messner („Ich bin nicht der einsame Wolf“), der sichtlich mit sich im Reinen ist und auch gelassener in so mancher Kontroverse. Selbst das Drama seines Lebens, den Tod seines Bruders Günther, streifte er mehr, als dass er noch einmal intensiv darauf einging.

Und zum Thema Klettern an Bohrhaken oder sogar am Hallenplastik: Warum denn nicht? Klar, das ist nicht das eigenverantwortliche Tun, das er so in den Bergen geliebt hat: „Alle Entscheidungen wurden von uns getroffen, alle Verantwortung von uns getragen.“ Aber über seinen Sohn erlebt er auch mit, dass die Jüngeren meist nicht den wettergegerbten Nordwandgesichtern nacheifern: „Ich habe das Bouldern beobachtet und wie die jungen Kerle da stundenlang unter einem Fels hocken.“ Und sie haben ihn dann auf ihren wenigen Metern Aufwärtsbewegung beeindruckt: „Das ist mehr dem Tanz ähnlich als dem Klettern.“

Was ihn noch umtreibt? Ein Grenzkonflikt zwischen Indien und Pakistan im Karakorum: „Da oben wächst nichts, es gibt keine Bodenschätze - es geht nur um nationalistische Interessen.“ Ja, Reinhold Messner muss sich zwar inzwischen als Seilzweiter einbinden, wenn er mit seinem Sohn klettert, aber er ist immer noch im Himalaya unterwegs. Und hat Fotos von einer ganz besonderen Besteigung mitgebracht: zu einem Stein-Altar über einem Kloster, wo eine Leiche hundert Geiern zum Fraß vorgelegt wurde. Ängstlich („Ich fürchtete, die krallen sich in mein Haar und reißen mir die Kopfhaut weg“) und fasziniert zugleich beobachtet er, wie der Körper in 30 Sekunden skelettiert wurde.

Also: Auch einem Reinhold Messner geht es inzwischen um die letzten Dinge. „Ich könnte mir ein solches Begräbnis vorstellen“, sinnierte er - „aber ob die EU das erlauben würde, ist eine andere Frage.“ Und dann? Der Mann, der den Schritt von der Idee zur Tat als den Goldenen Schritt bezeichnet, der so umtriebig und zuverlässig wie kein Zweiter den Alpinismus über Jahrzehnte aufgemischt hat, schließt seinen Vortrag so: „Absolute Ruhe - so stelle ich mir das Jenseits vor. Ein großartiger Zustand.“

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17.11.2016, 01:00 Uhr

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