Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Gert Bauers Rückblick ohne Wehmut

Der scheidende IG-Metall-Chef über Berufsverbot und Arbeitskampf

Die Wehmut kommt vielleicht später. Nach 15 Jahren als Erster Bevollmächtigter der IG Metall Reutlingen-Tübingen geht Gert Bauer Ende Januar in den Ruhestand. „Ich habe noch kein Gefühl dafür“, sagt der 65-Jährige im TAGBLATT-Gespräch.

04.11.2014
  • Matthias Reichert

Die Kämpfe haben ihn geprägt, das Auf und Ab in 15 Jahren als Erster Bevollmächtigter. Gert Bauer hat Standorte gesichert, Löhne gerettet, Belegschaften gehalten. Aber auch Einschnitte hingenommen. Die Steinkühler-Pause fiel bei Bosch voriges Jahr weg – im Ausgleich gab der Konzern eine Reutlinger Beschäftigungsgarantie bis 2018. „Franz Steinkühler hat hinterher gesagt, besser hätte er das auch nicht hingekriegt“, sagt Bauer. Und ausgetreten sei bei Bosch kein einziges Mitglied.

Der frühere Bundeschef Steinkühler brachte ihn 1984 zur IG Metall. Damals musste man als Hauptamtlicher SPD-Mitglied sein. Bauer war in der DKP – und wollte sein Parteibuch nicht opfern. Steinkühler habe gesagt, wenn er eine Verwaltungsstelle finde, die ihn damit nehme, habe er nichts dagegen. So ging Bauer zum damaligen Reutlinger Chef Helmut Buck – und der stellte ihn als Gewerkschaftssekretär ein. Studiert hatte Bauer in Tübingen, Deutsch und Geschichte. Auf Lehramt. Als DKP-Mitglied traf ihn 1977 das Berufsverbot durch den Radikalenerlass, wie zuvor schon seine Frau Agnete Bauer-Ratzel. Bauer klagte – doch die Sigmaringer Verwaltungsrichter urteilten, es wäre möglich, dass er Kinder verderbe. „Später war die IG Metall ganz froh, dass ich Bildungsarbeit gemacht habe.“

Er wäre vielleicht kein guter Lehrer geworden, meint Bauer heute. 1999 wurde er Erster Bevollmächtigter, jetzt geht er mit 65 in den Ruhestand. Drei Monate will er noch arbeiten – wie es die Rente mit 67 vorsieht. Die IG Metall war immer dagegen, spricht vom Rentenkürzungsprogramm. Bauers Einschätzung: „Wir bekämpfen das weiter, aber dieses Rad wird von der Politik nicht mehr zurückgedreht.“ Künftig gehe es eher um neue Möglichkeiten, aus dem Arbeitsleben auszuscheiden: In der Tarifrunde fordert die Gewerkschaft eine neue Altersteilzeit. Derzeit gingen vor allem Meister und Angestellte früher in den Ruhestand – nicht die Arbeiter, die es eigentlich nötig hätten.

Seinen Schreibtisch wird Bauer am Jahresanfang aufräumen, demnächst das Rücktrittsgesuch schreiben. Am 10. Dezember ist seine letzte Delegiertenversammlung, dann wird der Nachfolger gewählt. Heute geht es bei seiner vorletzten Versammlung in der Rommelsbacher Wittumhalle um die Tarifrunde.

Seit elf Jahren sitzt die Verwaltungsstelle im Hochhaus an der Adenauerstraße. Der damalige Bundeschef Berthold Huber war hier, dessen Vorgänger Jürgen Peters und auch SPD-Chef Sigmar Gabriel. Im Gedächtnis bleiben vor allem die Erfolge: Als 2010 nach Streiks und nächtelangen Verhandlungen die Chefs von Automotive Lighting in Reutlingen zusagten, bis 2016 keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen, wurde das frühmorgens auf einer Betriebsversammlung verkündet. „Die halbe Belegschaft fing an zu weinen vor Freude. Das bleibt einem schon“, erinnert sich der Gewerkschafter.

Bauer schaffte nach dem Studium sieben Jahre in der Gießerei Richard Ammer in der St.-Leonhard-Straße. Er wurde schnell Betriebsratschef. „Ich bin da halt reingerutscht.“ Die Berufserfahrung habe bewirkt, dass er Arbeiter und ihre Mentalität besser verstand als mancher, der direkt von der Uni kam.

In den Anfängen als Gewerkschafter schaute er vor allem, dass die Löhne hoch waren. Die Ammer-Arbeiter waren mit die Bestverdiener in Reutlingen. Heute sorgt er sich auch um die Situation der Betriebe: „Wenn ich sehe, mit wie viel Dummheit die teils geführt werden!“ Bauer erlebte die Einbrüche in den frühen 90er-Jahren, als die Metaller 20 Prozent ihrer Arbeitsplätze verloren. 2003 kriselte die Gewerkschaft – damals stritt man um betriebliche Sonderwege, tausend Mitglieder traten allein in der Region aus.

Heute steht die IG Metall wieder gut da. Auch in der Region wird dieses Jahr die Trendwende erreicht, die Mitgliederzahl steigt wieder. Was Bauer dennoch stört, ist „diese Ohnmacht“ angesichts der Mentalität mancher Beschäftigter: Die IG Metall setze Standards durch, aber eintreten wollten sie dennoch nicht.

Bei Bosch in Reutlingen sind die meisten Arbeiter in der Gewerkschaft organisiert. Anders sieht es beim Textilkonzern Hugo Boss aus, auch bei Paul Horn in Tübingen. Dazu gibt es die traditionelle Kluft zu den Angestellten – die ebenfalls kaum eintreten. „Arbeiter wollen, dass wir die Dinge regeln.“ Angestellte, etwa aus der Forschungsabteilung, möchten „eher den Instrumentenkasten kennen, mit denen sie Probleme selbst regeln können“.

Mehr Mitglieder zu gewinnen, diese Aufgabe legt Bauer auch seinen Nachfolgern ans Herz: „Du brauchst Drähte und Beziehungen, du musst an die Leute rankommen.“ Was die IG Metall strategisch vor allem bei großen Betrieben anstrebe.

Der scheidende IG-Metall-Chef über Berufsverbot und Arbeitskampf
Er wurde Gießer statt Lehrer – und startete danach die Gewerkschaftskarriere bei der IG Metall: Jetzt geht Gert Bauer in den Ruhestand. Bild: Haas


Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball