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Der scheidende Polizeipräsident Wagner über Aufgaben, Neubau und Zukunft

Ende November geht der Reutlinger Polizeipräsident Hans-Dieter Wagner, 60, in den Ruhestand. Im TAGBLATT-Interview blickt er auf seine kurze Reutlinger Amtszeit sowie den turbulenten Start zurück.

08.11.2016
  • Thomas de Marco

Welche Aufgaben hatten Sie in Bezug auf die Polizeireform in Reutlingen zu bewältigen?

Hans-Dieter Wagner: Diese aufzuzählen, würde einen ganzen Ordner füllen. Schon seit dem Start in die Projektphase 2012 beinhaltete der Aufbau des Polizeipräsidiums Reutlingen mit der Zusammenführung der damaligen Polizeidirektionen Esslingen, Reutlingen und Tübingen und schließlich auch deren Auflösung ein riesiges Aufgabenspektrum. Im Rahmen der Projektleitung mussten – immer in Abstimmung mit dem Innenministerium – alle grundsätzlichen Entscheidungen getroffen werden, um ab 1. Januar 2014 den Betrieb aufnehmen zu können. Breiten Raum nahmen die dabei erforderlichen Personalmaßnahmen ein, die nach dem bis dato einmaligen Interessensbekundungsverfahren getroffen wurden.

Wie haben Sie die Zeit erlebt, als Sie kurz nach Einführung in Ihr Amt doch noch einmal „pausieren“ mussten, weil das Innenministerium nach einer Rüge des Verwaltungsgerichts die Ernennung zunächst zurücknehmen musste?

Sie können sich sicher vorstellen, dass beim Start am 1. Januar 2014 zwar alles vorbereitet war, aber in allen Organisationseinheiten der echte Praxistest noch anstand. Auch die Zusammenarbeit mit externen Stellen musste zum Teil neu organisiert werden. Wie zu erwarten war, ging nicht immer alles glatt. Immer wieder war Sand im Getriebe. Hier mussten noch unzählige Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Diesen wichtigen Prozess als Präsident nicht aktiv mitgestalten zu können, war für die Entwicklung des Präsidiums schwierig und für mich persönlich sehr belastend und absolut unbefriedigend. Auch wenn ich die Leitung des Präsidiums beim damaligen LKA-Präsidenten Dieter Schneider interimsweise in guten Händen wusste, fiel es mir schwer, nicht selbst mit anpacken zu können.

Wie ist das Polizeipräsidium Reutlingen Ihrer Meinung nach aufgestellt?

Wir sind gut aufgestellt. Lassen Sie mich nur beispielhaft den Bereich der Kriminalitätsbekämpfung nennen: Der Kriminaldauerdienst stellt die sofortige Verfügbarkeit von Spezialisten der Kriminalpolizei rund um die Uhr sicher, die Polizeireviere haben durch die Strukturreform einen Stellenzuwachs erfahren. Wir haben die drittniedrigste Kriminalitäts-Belastung im Land. Das heißt aber nicht, dass wir uns beruhigt zurücklehnen können. Denn viel mehr als die Frage „Wo stehen wir?“, beschäftigt uns stets die Frage, „Wo wollen wir hin und wie können wir das gemeinsam erreichen?“

Welche wesentlichen Änderungen erwarten Sie für die Polizeiarbeit der Zukunft?

Die Anforderungen werden immer größer und komplexer. Dabei ist die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus nur ein Aspekt. Dazu kommen steigende Digitalisierung und Technisierung, Internationalität in der Kriminalitätsbekämpfung, zunehmende Verlagerung von Deliktfeldern in den Cyberraum oder das Darknet. Außerdem veränderte rechtliche und taktische Anforderungen an die Beweisführung, die globalen Konfliktfelder und daraus resultierende Zuwanderung, aber auch eine immer schwächer werdende Akzeptanz von Regeln in der Gesellschaft – das sind Bereiche, auf die man sich ebenfalls strategisch gut vorbereiten muss. Dazu kommt, dass die demografische Entwicklung auch vor der Polizei nicht Halt macht. Pensionierungszahlen und die Frage des Wissens- und Erfahrungstransfers bringen hohe Anforderungen an Aus- und Fortbildung mit sich.

Was bleibt Ihnen von Ihrer Zeit als Präsident nachhaltig in Erinnerung?

Aus jeder Funktion nimmt man ganz bestimmte Erinnerungen mit, die am Ende einer Laufbahn ein Gesamtbild ergeben. Insgesamt war ich jetzt knapp 20 Jahre als Leiter verschiedener Dienststellen in der Verantwortung. Die letzten Jahre als Polizeipräsident vergingen wie im Flug. Sie waren stark von den Herausforderungen geprägt, die die organisatorischen Veränderungen mit sich brachten. Ich sage frei weg, dass das für die Leitung und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein enormer Kraftakt und für mich persönlich sicherlich auch eine der spannendsten Aufgaben war. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie die Beschäftigten trotz vielfältiger Veränderungen und oft schwieriger Rahmenbedingungen ihre Aufgaben meistern. Aus der Zeit in Reutlingen wird mir sicher die Leitung des Einsatzes am 30. April anlässlich des AfD-Bundesparteitags in der Stuttgarter Messe in Erinnerung bleiben.

Hätten Sie gerne die Fertigstellung des Neubaus (Bild oben) noch im Amt erlebt?

Es wäre natürlich schön gewesen, auch dieses wichtige Projekt zum Abschluss zu bringen. Das Wichtigste aber ist, dass alles bestens aufs Gleis gesetzt ist und die Arbeiten planmäßig vorwärts gehen. Also kann ich mich getrost zurücklehnen und mich auch im Ruhestand auf die Fertigstellung und eine Besichtigung freuen.

Was haben Sie im Ruhestand vor?

Ich bin begeisterter Sportler und habe noch andere Hobbys, die in der Dienstzeit zwangsläufig immer ein wenig zu kurz kamen. Nach den vielen Jahren, in denen der Terminkalender überwiegend fremdbestimmt war, werde ich es gerade am Anfang sicher als Luxus empfinden, die Zeit selbst einzuteilen – wohl wissend, dass man da aufpassen muss, nicht zu denen zu gehören, die im Ruhestand plötzlich noch viel weniger Zeit haben als vorher. Ich werde mich auf den Weg machen.

Verabschiedung am 18. November

Am 18. November wird Hans-Dieter Wagner in Reutlingen als Polizeipräsident verabschiedet. Über die Nachfolge werde wohl am 15. November in einer Kabinettsrunde entschieden, heißt es im Innenministerium.

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08.11.2016, 01:00 Uhr

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