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Der soziale Aufstieg wird immer mehr zur Ausnahme
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Einkommensentwicklung

Der soziale Aufstieg wird immer mehr zur Ausnahme

Arm bleibt arm und reich bleibt reich. Dieses Schema gilt heute noch mehr als vor 20 Jahren, stellt eine Studie fest. Mehr Bildung als Gegenmittel.

11.10.2016
  • DIETER KELLER

Mit der sozialen Gleichheit in Deutschland ist es schlecht bestellt: Die Armut verfestigt sich ebenso wie der Wohlstand. Die Aufstiegschancen nehmen ab. Wer schon wohlhabend ist, hat gute Chancen, weiter aufzusteigen. In der unteren Mittelschicht dagegen nimmt das Risiko des finanziellen Abstiegs zu. Zu diesem Ergebnis kommt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans- Böckler-Stiftung in seinem neuen Verteilungsbericht.

Wer ist arm? Das WSI hat die Entwicklung der Einkommen unter die Lupe genommen, nicht dagegen die Vermögen, und zwar zwischen 2009 und 2013; neuere Zahlen gibt es nicht. Sie stammen aus dem sozio-ökonomischen Panel, einer jährlichen Befragung von mehr als 10 000 Haushalten. 2013 lag das mittlere Einkommen von Ein-Personen-Haushalten bei 19 597 EUR netto (nach Abzug von Steuern und Sozialbeiträgen) im Jahr. Als arm gilt, wer maximal 60 Prozent davon hat, also weniger als 11 758 EUR. Transfereinkommen wie Hartz IV ist dabei berücksichtigt. Sehr reich ist, wer auf mindestens das Dreifache des mittleren Einkommens kommt, also mehr als 58 791 EUR im Jahr.

Wie hat sich der Anteil der Armen entwickelt? Er ist deutlich gestiegen, und zwar von 11,3 Prozent 1991 auf 15,3 Prozent 2013. Dies verlief nicht kontinuierlich: Mitte der 90er Jahre ging die Armutsquote zeitweise zurück. Weitgehend parallel entwickelte sich der Anteil der „sehr armen“, die maximal 50 Prozent des mittleren Einkommens erreichen.

Wie sehen die Aufstiegschancen der Armen aus? Schlecht. Jeder zweite, der 2009 arm war, konnte sich bis 2013 nicht verbessern. Gut ein Drittel schaffte den Aufstieg in die untere Mitte, 7 Prozent in die obere Mitte (Nettoeinkommen maximal 29 395 EUR). Ein noch höherer Sprung gelang nur 6 Prozent. Wer maximal einen Hauptschulabschluss hat, tut sich mit dem Aufstieg besonders schwer. Auch Migranten sind eine Problemgruppe. Im Vergleichszeitraum 1991 bis 1995 waren die Aufstiegschancen noch deutlich besser, zumindest bis zur oberen Mitte. Bei den sehr Reichen nahm die Gefahr des Abstiegs deutlich ab.

Wie ist die Lage der Mittelschicht? Ihre Aufstiegschancen haben sich nicht wesentlich verbessert. 57 Prozent der oberen Mitte konnten ihren Status halten. 19 Prozent verbesserten sich, 24 Prozent sind zurückgefallen. Zwei Jahrzehnte zuvor gab es sowohl etwas mehr Auf- als auch Absteiger.

Hat Ostdeutschland aufgeholt? Ja, aber im negativen Sinn. Vor zwei Jahrzehnten hatten Arme noch deutlich bessere Aufstiegschancen als aktuell, zumindest in die untere Mitte. Inzwischen hat sich die Zugehörigkeit zu einer Einkommensgruppe ähnlich stark verfestigt wie im Westen. Das gilt auch und gerade für die Reichen: Wer es einmal in diese Höhen geschafft hat, besitzt gute Aussichten, dort auch zu bleiben.

Was lässt sich gegen die Ungleichheit tun? Bildung ist das wichtigste Stichwort für die WSI-Direktorin Anke Hassel. Denn schlechte Bildung vererbt sich leicht. Sie empfiehlt die gezielte frühkindliche Förderung von Kindern aus benachteiligten Familien, mehr Beratungsangebote für Eltern und mehr Durchlässigkeit zwischen den Schultypen.

Kommen andere Untersuchungen zum gleichen Ergebnis? Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bestreitet, dass die Einkommensunterschiede in Deutschland besonders groß sind. Die Bruttostundenlöhne seien seit 2007 – dem letzten Jahr vor der Finanzkrise – um fast 12 Prozent gestiegen. Es sieht als Hauptgrund für die Einkommensspreizung die rund 20 Mio. Ruheständler, deren Einkommen sich kaum noch verändert.

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11.10.2016, 06:00 Uhr

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