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Der späte Mitterand

Gut gespieltes, etwas steif inszeniertes Porträt des früheren französischen Präsidenten.

Gut gespieltes, etwas steif inszeniertes Porträt des früheren französischen Präsidenten.

LE PROMENEUR DU CHAMP DE MARS
Frankreich

Regie: Robert Guédiguian
Mit: Michel Bouquet,Jalil Lespert,Philippe Fretun

- ab 0 Jahren

Tagblatt-Wertung

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24.11.2015
  • mak

Der "Roman eines Schicksallosen" gehört zu den bedeutendsten literarischen Aufarbeitungen des Holocaust. Lajos Koltai hat Imre Kertész preisgekröntes Buch unter dem Titel "Fateless" auf die Leinwand gebracht.

Es schreibt sich so leicht dahin: Diesen Anblick, dieses Gesicht wird der Zuschauer nie vergessen. Unhaltbar ist das oft, denn die meisten Bilder verblassen. Und doch, hier soll es gewagt werden: Das Gesicht des 14-jährigen Marcell Nagys, wenn er als Gyuri in "Fateless" den Schrecken des Holocaust erlebt, das Grauen überlebt, das werden viele Kinogänger nicht vergessen.

Im "Roman eines Schicksallosen" von Nobelpreisträger Imre Kertész steht die fast schon lakonische Sachlichkeit der Schilderung den Untaten und der Barbarei gegenüber. Es ist auch diese Kluft, die das Verstörende an dem literarischen Werk ausmacht. Kertész hat es selbst zu einem Drehbuch verarbeitet. Immer wieder sind Passagen aus dem Roman zu hören; doch ein Film hat seine ganz eigene Sprache, und die Spannung zwischen Erzählweise und Thema stellt sich in dem Film nicht so ohne weiteres ein. Aber im Klaglosen, Sprachlosen, mit dem der junge Gyuri die Hölle des KZ aushält, findet die scheinbar emotionslose Haltung des Erzählers Kertész ihre Entsprechung.

Der Film erzählt vom Ende des alten Budapest, vom Abtransport der Juden, vom Unfassbaren in den Vernichtungslagern, vom Irgendwie-Überleben, von der Rückkehr in die Heimat, die keine mehr sein kann. Die Kamera bleibt konsequent nahe am Protagonisten Gyuri. Sie schildert, was dem Jungen widerfährt, zeigt Schmerz, blickt aber nicht in die Gasduschen, in die Öfen. Schrecken, Entsetzliches gibt es dennoch genug, und der Rauch der Schlote und der Aschenregen lassen keine Zweifel am Geschehen zu.

Jeder Filmemacher, der den Holocaust bebildert, steht vor einem zentralen Problem: Welcher Erzählstil ist angemessen? Lajos Koltai, Kameramann von Weltruf ("Mephisto") , hat in seinem Regiedebut den Mut zu einer betont künstlerischen Gestaltung, die Widerspruch hervorruft. Auf der Berlinale sprachen Kritiker von einer "lähmenden Verarbeitung"; da wurde Koltai vorgeworfen, den Holocaust "mit einem Mantel bleierner Langeweile zuzudecken". Koltai selbst, auf die "Schönheit" einiger Bildern angesprochen, sagt, auch in Auschwitz sei die Sonne auf- und untergegangen sei, auch wenn es vielleicht anders ausgesehen habe.

Gewiss bietet "Fateless" keine "schönen Bilder", aber Koltai arbeitet mit klar ästhetisierten visuellen Kompositionen. Auffallend ist die konsequente Farbdramaturgie, in der zudem das Licht immer mehr verdrängt wird. Die warmen Sepiatöne des Beginns weichen übermächtigem Grau. Dem Grau des Schlamms, der Baracken, der Asche. Mit den Farben schwinden Hoffnung und Lebenswillen. Koltai folgt dem Blick Gyuris, immer mehr verengt sich dessen Wahrnehmung, verliert er die Orientierung.

Und dann ist da die Musik Ennio Morricones. Weder schrill noch dissonant noch avantgardistisch illustriert sie das Grauen, sondern sie liefert mit ihren melodramatischen Panflöten- und Sopran-Soli, den warmen Streicherharmonien und Chorpassagen nahe am Schwulst einen Kontrapunkt zum schrecklichen Geschehen. Wenn die Gefangenen stundenlang im strömenden Regen vor der Baracke antreten müssen, stillstehen, vor Entkräftung schwanken, schließlich stürzen, und sich die Musik Morricones fast spirituell erhebt - dann verleiht sie den Menschen einen Rest an Würde, dann appelliert sie fast verzweifelt an das Leben. Menschen als Mahnmale, dazu ein vergebliches Requiem.

"Fateless" ist nicht "Schindlers Liste" - dort wird vom Nazi-Terror mit Hilfe einer positiv handelnden Identifikationsfigur erzählt. In "Fateless" dominiert das Ohnmächtige, Entkräftete, Gedemütigte. Es gibt Szenen, die aufwühlen, aber Lajos Koltai geht es nicht darum, zu schockieren und das Unfassbare um jeden Preis zu bebildern - das haben andere Filme über den Holocaust schon viel radikaler getan.

Er erzählt einfach aus dem Leben eines Jungen. Und er zeigt, dass in diesem Leben mit der Befreiung aus dem KZ das Leiden nicht beendet war. Gyuri kehrt zurück nach Budapest, viele Verwandte sind tot, in der alten Wohnung hausen Fremde, und all die Anderen erwarten von ihm, dass er nur nach vorn schaut und die gerade erst überlebte schreckliche Vergangenheit ruhen lässt. Doch das geht nicht, das sieht man jedem Blick Gyuris an. Dem Gesicht, das die Zuschauer nicht vergessen werden.

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24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

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