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Eine Architektur der Vergänglichkeit

Der spanische Meister-Chocolatier und Republikaner Paco Torreblanca war Gast beim Cine Español und auf der Chocolart

Mit dem Kopf in den Sternen sein, aber die Füße auf der Erde verwurzelt haben – das ist das Motto von Paco Torreblanca. Ein sehr freundlicher Mann von ausgesuchter Höflichkeit. Man musste schon einen Film auf dem Cine Español besucht haben, um zu wissen: Einer der weltbesten Chocolatiers war am Wochenende in Tübingen.

08.12.2014
  • WOLFGANG ALBERS

Tübingen. Rache ist doch süß. Ob die englischen Prinzen, ob der spanische König, ob sein Thronfolger Felipe und seine Braut Letizia wussten, wem sie da stehend applaudierten, als im Jahr 2004 die Torte zur Hochzeit von Felipe und Letizia hereingetragen wurde?

Einerseits ja. Die Begeisterung und der Beifall galt Paco Torreblanca, einem der weltbesten Chocolatiers, hochdekoriert mit Auszeichnungen wie bester Feinbäcker Europas und einer der Leuchttürme der spanischen Gastronomie.

Andererseits: „Es war das erste Mal, dass ein Republikaner den Königshof beliefert hat“, sagte Paco Torreblanca am Samstagabend im Kino Atelier. Das Team vom Cine Español hatte einen Film über den 63-jährigen Spanier im Programm und ihn zum Publikumsgespräch eingeladen.

Und der erzählte, wie letztlich die Politik sein Leben bestimmt hatte: „Ich bin kein Chocolatier aus Berufung, sondern dieser Beruf ist purer Zufall für mich.“ Paco Torreblanca ist in Villena aufgewachsen, in der Provinz Alicante. Eine kleine, überschaubare Stadt, viele Freunde, unbeschwertes Kinderspiel. Der kleine Paco lebte dort gerne, und weg wollte er schon gar nicht. Landwirt schwebte ihm als späterer Beruf vor.

Aber im Alter von 12 Jahren schickte ihn der Vater nach Paris. Der war im spanischen Bürgerkrieg Offizier der Republikaner gewesen. Nach deren Niederlage verurteilte ihn das Franco-Regime zu 30 Jahren Gefängnis, von denen er 15 Jahre absitzen musste. Im Gefängnis hatte der Vater den Franzosen Jean Millet kennengelernt, der mit den Internationalen Brigaden gegen Franco gekämpft hatte. Der war Konditor und aus Paris.

Als auch dieser Franzose freikam, schickte Vater Torreblanca seinen Sohn zu ihm: Er wollte nicht, dass Paco in einer Diktatur groß wird. So hart der Wechsel in die fremde Großstadt für das Fast-Kind auch war: Bei Jean Millet, der just dann seine (bis heute) berühmte Bäckerei in der Rue Saint-Dominique aufgemacht hatte, und beim Umherstreifen in der Stadt der Feinschmecker erhielt Paco Torreblanca so viele Anregungen, dass er, als er zehn Jahre später zurückkehrte, bald seinen ersten eigenen Laden in Elda eröffnete.

Der Start war nicht einfach. Dass er von Anfang an nicht auf Massenware setzte, sondern auf Qualität, dankte ihm die Kundschaft zuerst nicht. „Ich glaube, wir verhungern noch“, sagte er manchesmal zu seiner Frau. Aber die, eine Jugendkameradin aus Villena, kennt eine seiner Eigenschaften: „Paco kann sehr stur sein. Wenn er von etwas überzeugt ist, zieht er das auch durch.“

Und mit der Zeit wurde die Welt der Patisserie auf den jungen Konditor aus Elda aufmerksam, der sagte: „Ich verkaufe nicht Kuchen, sondern Geschenke.“ Die Torreblanca-Welt ist sehr erlesen. Schon der Betrieb. In Paris hatte Paco Torreblanca in so vielen Produktionsräumen mit Lampenlicht arbeiten müssen, dass seine Bäckerei gläserne Decken und Wände hat, durch die das Tageslicht flutet. Und in ihrer Mitte wächst ein mächtiger Olivenbaum.

In den Verkaufsräumen präsentieren Glas-Edelstahlvitrinen wie beim Juwelier seine Kreationen.

Die zeigen seine ständige Suche nach Innovation mit ausschließlich natürlichen Stoffen: Es sind Skulpturen aus Schokolade und Zucker, den er wie ein Glasbläser zu allen möglichen Formen gestaltet. Wie japanische Blumengestecke sehen manche Torreblanca-Schöpfungen aus, und das nicht zufällig: Die japanische Philosophie der Konzentration auf die schlichte, wesentliche Form hält er für wesensverwandt mit der mediterranen Sicht auf die Dinge. Am Anfang zeichnet er eine Skizze: „Es ist wie Architektur – aber eine sehr vergängliche. Am Ende essen wir sie ja.“

So ist Paco Torreblanca berühmt geworden in der Fachwelt, die ihn mit Lob und Preisen überhäuft. In der Allgemeinheit bekannt gemacht hat ihn erst seine Hochzeitstorte. Der Auftrag dazu erreichte ihn in Paris, wo er einen Kurs gab: Es sei eine Torte für eine Hochzeit in Singapur, aber er müsse sie in Madrid abliefern. Paco Torreblanca lehnte ab. Der Freund, der den Auftrag übermittelte, insistierte: „Das ist der wichtigste Termin des Jahres für dich.“

Also stieg Paco Torreblanca in den Flieger – und geriet mitten in die Vorbereitungen der königlichen Hochzeit. Sein Auftrag hatte zwei Haken: Es sollte eine Schokoladentorte sein, aber Letizia mag nur süße Milchschokolade, Felipe dagegen die dunkle bittere. Und: Paco Torreblanca wollte nicht den üblichen barocken Bombast liefern, sondern bei seiner klaren Linie bleiben.

Seine Torte hatte eine schlichte moderne Rundform („Sie war ja auch für moderne junge Leute“), sie bestand aus Haselnuss und Milchschokolade – und hatte innen eine halbflüssige dunkle Schokolade. Paco Torreblanca war schon angespannt, als er auf die ersten Reaktionen wartete. Aber dann waren sie so überwältigend, dass er dachte: „Sind wir auf einem Fußballplatz?“, während Königin Sophia zum dritten Mal einen Kuchen holte, was sie sonst nie machte.

Inzwischen hat sein Betrieb 120 Angestellte, verarbeitet jährlich 30 Tonnen Kuvertüre und wird vor allem von seinen zwei Söhnen gemanagt. Paco Torreblanca gibt Kurse weltweit, coacht die spanische Nationalmannschaft der Konditoren, tüftelt an neuen Kreationen und sucht weltweit nach den besten Schokoladen. Und seinen Frieden mit dem von Franco installierten Königshaus hat er auch gemacht: „Sie waren Kunde – und sie haben bezahlt.“

Der spanische Meister-Chocolatier und Republikaner Paco Torreblanca war Gast beim Cine Español und
Der spanische Chocolatier Paco Torreblanca (links) mit Konditor Johannes Becker und seinen Chocolinos. Bild: Albers

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08.12.2014, 12:00 Uhr

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