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Der vollendete Provokateur
Bob Dylan: „Sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik ist groß“, sagte die Chefin der Schwedischen Akademie, Sara Danius, zur Begründung, dass erstmals ein Musiker den Literaturnobelpreis erhält. Foto: dpa
Stockholm

Der vollendete Provokateur

Der Songwriter Bob Dylan erhält die höchste Auszeichnung für einen Literaten. Der Lohn für ein umstrittenes, aber weltweit beachtetes Lebenswerk.

14.10.2016
  • LOTHAR TOLKS

Stockholm. Ein Anruf bei Joan Baez wäre jetzt nicht schlecht. Die Ikone amerikanischer Folkmusik ist wahrscheinlich eine der besten Zeuginnen, wenn es darum geht, das Schaffen ihres einstigen Weggefährten und Lebenspartners Bob Dylan einzuordnen. Pflegt sie doch seit Jahren ein ironisch-distanziertes Verhältnis zu dem Sänger, Songschreiber und Dichter, dem gestern der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde. Unter anderem mit ihrem Lied „Diamonds and Rust“ kratzte Baez schon vor 30 Jahren an dem Glorienschein, den Musikkollegen, Kritiker und nicht zuletzt Heerscharen von politisch Bewegten der 60er und 70er Jahre dem Mann mit der seltsam knarzig-nöligen Stimme verpassten. „Du warst so gut mit Deinen Worten“, singt Baez, „und darin, die Dinge vage zu halten.“

Es mag in der Tat einiges vage und unscharf gewesen sein, was Dylan zu Papier, Platte und CD gebracht hat. Tatsächlich aber dürfte es keinen Musiker der Gegenwart geben, dessen vor allem frühe Stücke öfter zitiert, von anderen Künstlern interpretiert und an Lagerfeuern gesungen wurden – von Jung und Alt, von Hippies und solchen, die es gerne gewesen wären.

„Sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik ist groß“, sagte die Chefin der Schwedischen Akademie, Sara Danius, zur Begründung, dass erstmals ein Musiker den Preis erhält. Das ist eine heftige Untertreibung. „Blowin' in the Wind“, Like A Rolling Stone“, „A Hard Rain's A Gonna Fall“, „The Times They Are A-Changing“, um nur einige zu nennen: Werke wie diese vermittelten den Traum von einer besseren Welt, den Aufbruch zu neuen Ufern, die Sehnsucht nach Frieden. Dylan demaskierte die Kriegsherren, läutete die Freiheitsglocke, sagte den Autoritäten den Kampf an.

„Nichts mehr war brav“

Dieser Robert Allen Zimmerman, geboren am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota, wurde – ob beabsichtigt oder nicht – zur Kraftquelle der Anti-Vietnam-Generation, zum Poeten der Studentenbewegung, zum Vorbild der Grafitti-Philosophen. „The original vagabond“ – treffender als noch einmal Joan Baez kann man Bob Dylan wohl nicht klassifizieren.

„Da tauchten sogar Elemente des Surrealismus auf, die es vorher bei ihm nicht gab“, erinnert sich der deutsche Rockmusiker Wolfgang Niedecken, der sich eingehend mit Dylans Werk befasst hat. Und an den Wandel von der Folk- zur Rockmusik, den Dylan mit dem Album „Highway 61“ vollzig: „Plötzlich war nichts mehr brav.“

Daran ändert auch nichts die Tatsache, dass sich der mittlerweile 75-Jährige Dylan – selbstverständlich? – musikalisch gewandelt hat. Alben wie „Time out of Mind“ (1997), „Modern Times“ (2006) oder „Tempest“ (2012) haben nichts mehr gemein mit den Sturm- und Drang-Werken des jungen Künstlers, der sein Pseudonym vom Schriftsteller Dylan Thomas ableitete. Der sich von Folkmusikern wie Woody Guthrie und Jack Elliott ebenso inspirieren ließ wie von dem Blues-Interpreten Robert Johnson. Der den Schriftsteller Bert Brecht und den Komponisten Kurt Weill zu den Vätern seines Schaffens zählte. Der deutsche Dylan-Biograf Heinrich Detering würdigt die über die Jahrzehnte gleichbleibend hohe Qualität der Dylanschen Kompositionen, die gespeist seien von „Dichtungen unterschiedlichster Zeitalter und Kulturen“. Von der Bibel, der Odyssee gar, von Shakespeare und nicht zuletzt von Jack Kerouac und Allen Ginsberg, den Poeten der Beatnik-Epoche der 50er und 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

„I got new eyes, everything looks far away now“, singt Dylan 1997 in „Time Out Of Mind“, mithin einem seiner Alterswerke. Was zunächst wie eine zarte Andeutung erscheint, unterlegt der Meister einige Jahre später in seiner Biografie mit überraschenden Aussagen zu der ihm zugeschriebenen politischen Bedeutung. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich gegen irgendetwas protestierte“, heißt es darin. Und, gerichtet an die von seinen Texten elektrisierte Anhängerschar: „Ich hatte wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte.“ Dahinter steckte wohl die Botschaft: Denkt selbst über die Welt nach, in der Ihr lebt, ich bin nicht Euer Heilsbringer. Vietnam, Frauenbewegung, Atomwaffen? „Meine große Angst war, dass sich meine Gitarre verstimmen könnte.“

Bob Dylan war und ist eben immer auch Provokateur, der Nobelpreis ist so etwas wie seine Vollendung. Was in ihm vorgeht, hat er schon 1965 in „It's Alright, Ma“ formuliert: „Wenn Ihr meine Gedanken lesen könntet, würdet Ihr mich wahrscheinlich köpfen. aber das ist in Ordnung, Ma, so ist das Leben.“

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14.10.2016, 06:00 Uhr

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