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Weißer Büroturm am alten Bahnhof

Design-Gemeinschaft setzte ästhetisches Gewerbe-Ausrufezeichen

„Gewerbegebiet“ war hier gestern. Heute lockt ein frischer weißer Turm mit entschlossenem Design als Geschäftsadresse für Selbstständige und Kreative an den ehemaligen Mähringer Bahnhof. Zum Arbeiten im Grünen.

15.09.2012
  • Ulrike Pfeil

Mähringen. Hoppla! Das erwartet man nicht hier draußen, mitten in der Landschaft (manche würden jetzt sagen: in der Pampa) zwischen Mähringen und Ohmenhausen: ein Zeichen für anspruchsvolle Gewerbe-Architektur. Aber da steht nun seit kurzem dieser weiße, auf einem zurückspringenden Sockel schwebende, weiche Turm – weich, weil seine Außenkanten gerundet sind. Mit seinen Nischen-Balkonen und Relings vermittelt er elegantes Küsten- oder Kreuzfahrt-Feeling. Aber wo ist das Meer für dieses Gebäude, das auch noch „Stellwerken Dock“ heißt?

So kann man einen Hinterhof in eine repräsentative Adresse verwandeln: Hier war einmal eine Produktionsstätte für Beton-Fertigteile. Die Firma ist auf die andere Straßenseite gewandert, der Nachnutzer, ein Metallbetrieb, hat dicht gemacht. Betonsilo, Fabrikhalle mit grünem Industrieglas, teilweise von Efeu überwuchert, rostige Reste einer Kran-Anlage auf dünnen Betonstelzen. Alles noch da, aber (bis auf die Halle) zur ergänzenden Kunst am Bau geadelt: Dienstleistungszukunft in der Industrievergangenheit.

Der Architekt Frank Früh, 42, hat den puristischen Büroturm im Grünen entworfen. Ein Gebäude, das „wie ein Möbelstück in der Landschaft steht“ – dieser Idee kann man leicht folgen. Mit der Landschaft ist Früh vertraut, er wohnt seit ein paar Jahren nebenan, in der Scheune der früheren Mähringer Bahnhofswirtschaft, die er für sich ausgebaut hat. Abgelegen findet er den Standort überhaupt nicht, im Gegenteil: Man ist nahe an Tübingen, nahe an Reutlingen und mit dem Auto auch schnell in Stuttgart.

Früh ist ein Mitglied der Designer-Gruppe „Stellwerken“. Dieser Name, so erklärt er, verweise einerseits darauf, dass Dinge ins Werk gesetzt werden. Aber eben auch auf das frühere Stellwerk an den verschwundenen Gleisen einer längst stillgelegten Bahnlinie. Von ihr blieben nur die Mähringer Bahnhofstraße, die hierher führt, das Bahnhofsgebäude und besagte Bahnhofswirtschaft (beide bewohnt), die früher sogar einen Saalbau besaß. Die Pampa war wohl nicht immer so still.

„Stellwerken“ ist eine Arbeitsgemeinschaft für Produktdesign und -entwicklung. Robert Weihing von der Tübinger Farbdruckfirma GMG Color (im Französischen Viertel ansässig), Jochen Wintergerst, der in Reutlingen eine Werbeagentur betreibt, und Frank Früh haben sich darin zusammengeschlossen. „Stellwerken Dock“ ist aber auch ein Investitionsobjekt von Robert Weihing, dazu gedacht, dass Leute aus der Design- und Kreativbranche sich auf den Büroflächen einmieten, also „andocken“. Frank Früh, der Architekt, ist zugleich der Pionier als Nutzer. Er hat das Büro in der vierten Etage gemietet.

Weiß von außen, weiß von innen, von der Decke bis zum Polyuretan-Fußboden. Ob der nicht bald grau und schmutzig wird, fragt die besorgte Hausfrau, doch der Architekt beteuert: „Pflegeleicht.“ Weiß sogar die Treppen im Treppenhaus. Bis hin zur Beleuchtung ist alles angenehm unaufdringlich durchdesignt: indirektes Licht hinter Blenden, abgehängten Decken, aus ausgesuchten Leuchten. Keine individuellen Lampen sollen den klaren Raumeindruck stören, die Lichtführung ist bei Dunkelheit Teil der Außenwirkung. Früh hat eigens einen Lichtplaner hinzugezogen.

Die Aussicht lädt ein zur Meditation

Vier Büros sind auf relativ kleiner Grundfläche (sechs mal neun Meter) übereinander gestapelt: Jeweils ein einziger, 35 Quadratmeter großer Raum mit Teeküche und Sanitär. Die in stumpfem Winkel zurückgesetzten Frontfenster bilden im Innern eine tiefe Wandnische, die für Regale genutzt werden kann. In seinem schon eingerichteten Büro zeigt Früh die Lösung, die ihm vorschwebte: In den weißen Schranktüren, die den Nischenraum abschließen, sind Regale integriert, die bei Bürobetrieb einfach aufgeklappt werden.

Ein Achsenstück aus der nun noch 300 Quadratmeter großen Werkshalle musste der Architekt herausschneiden, um Platz für den Turm zu bekommen. Auch die Halle kann noch unternehmerisch bespielt werden. Wenn die Nutzung klar ist, wird sie ausgebaut.

Die Fuge zur Halle ist der Eingang. Auf der Höhe des ersten Stocks läuft außerdem ein schmales offenes Deck um die Ecke. Ein zweiter Freiplatz ist auf dem Dach. Dorthin gelangt man über eine (selbstverständlich weiß lackierte) Industrieleiter und durch ein aufklappbares Oberlicht. Der weite Rundblick geht vom Rossberg und der Alb über Gomaringen, Stockach und Immenhausen, über Härtenfelder und -Wälder, und dann ganz in die Nähe auf den Mähringer Sportplatz am Reinenberg. Meditieren oder den Kickern zuschauen, das ist hier die Frage.

Durch schmale, raumhohe Fenster hat man an der einen Breitseite Ausschnitte des aufgeständerten Silos vor Augen, der fast so hoch ist wie der Turm selbst; eine lebendige Patina aus Rost und roter Farbe.

Die Gemeinde, sagt Früh anerkennend, habe seinen Entwurf mit der für Mähringen ungewöhnlichen Höhe von vier Geschossen sehr unterstützt. Trotz der Mini-Balkone vor den Fenstern, die außer zum Scheibenputzen auch als Fluchtwege gedacht waren, musste er an der Seite aber noch eine Feuer-Fluchtleiter anbringen.

Der Grund: Die Mähringer Feuerwehr hat keine Leiter, die man auf die Höhe des Gebäudes ausfahren könnte, um im Brandfall Menschen von oben herunterzuholen. Durch einen geschotterten Vorplatz mit einer Reihe junger Bäume ist der schlichte Bau von der Teerpiste abgerückt, die Distanz, steigert noch seine Wertigkeit. Zwei einfache weiße Betonrampen führen wie Stege zum Eingang. Da ist es wieder, das „Dock“-Motiv.

Design-Gemeinschaft setzte ästhetisches Gewerbe-Ausrufezeichen
Weiche Kanten, klare Kontur, vom Boden etwas abgehoben: das Bürohaus zum Andocken. Rechts daneben die alte Fabrikhalle, dazwischen als Fuge der Eingang zum Turm mit Balkon-Deck obendrauf.Bilder: Sommer

Design-Gemeinschaft setzte ästhetisches Gewerbe-Ausrufezeichen
Geschichte: Der alte Zementsilo neben dem Turm blieb als Industriedenkmal stehen; im Hintergrund die Feuerleiter.

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15.09.2012, 12:00 Uhr

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