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Jeanine Meerapfel ist die erste Frau an der Spitze der Berliner Akademie der Künste

"Deutschland hat zwei Gesichter"

In ihrem Büro hängt ein Selbstporträt Max Liebermanns - auch der war Präsident der Berliner Akademie der Künste. Die Filmemacherin Jeanine Meerapfel aber ist die erste Frau an der Spitze dieser Institution.

07.04.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Der Blick aus Ihrem Büro ist atemraubend: Brandenburger Tor, Reichstagskuppel, Pariser Platz. Ungeheuer geschichtsträchtig.

JEANINE MEERAPFEL: Das ist für mich ein schöner Ort, aber zugleich ein schwerer Ort, ich sehe auch die Stiefel der Soldaten vor mir, die durchs Brandenburger Tor marschierten. Und die Mauer.

Und Touristen sehen wir auch.

MEERAPFEL: Was mich verblüfft, das ist, dass sie jetzt hochspringen, um sich selbst zu fotografieren. Es ist wohl Mode, dass man in der Luft seine Selfies macht. Ja, das erzählt viel über unsere Gesellschaft, die Selbstdarstellung auf Facebook ist wichtiger, als einen Gedanken zu fassen. Es ist eine konstante Reproduktion des Gleichen, und deshalb extrem langweilig.

Was macht eigentlich eine Präsidentin der Akademie der Künste?

MEERAPFEL: Ich frage mich das auch oft. Man erwartet von der Akademie, dass sie die Politik in kulturellen Fragen berät. Dass wir in Deutschland die Stimme der Kultur sind, das ist eine große Verantwortung, aber auch eine Chance. Die Akademie ist ein großes Schiff mit etwa 180 Angestellten. Ich muss als Präsidentin das Haus führen, repräsentieren, die Meinung der Akademie vertreten. Das ist sehr spannend, weil ich mich in viele Themen einarbeiten muss, ich lerne sehr viel. Nein, es ist kein Job, es ist eine Situation für drei Jahre. Neben dem Senat und mir sind die Mitarbeiter alle angestellt. Ich bin so unabhängig, wie ich immer war. Das ist gut so, das soll auch so bleiben.

Fehlt Ihnen die Arbeit als Filmemacherin?

MEERAPFEL: Nach jetzt fast einem Jahr als Präsidentin fängt es an, mich zu kitzeln, ich muss etwas in meinem Beruf machen, sonst werde ich nervös. Ich werde bei meinen vielen Aufgaben in der Akademie nicht in der Lage sein, einen großen Spielfilm zu drehen, aber ich denke sehr wohl an einen Filmessay wie zuletzt, als ich mit einem audiovisuellen Essay, "Confusion/Diffusion", die Konflikte in unserer Welt thematisierte, ausgehend vom griechisch-deutschen Verhältnis.

Die politischen Ereignisse überschlagen sich. Wie kann die Akademie sich einmischen?

MEERAPFEL: Wir können das Thema Flüchtlinge auch von der künstlerischen Seite anpacken. Für den Herbst planen wir mit unserer Archiv-Abteilung die Ausstellung "Uncertain States", das bedeutet "unsichere Zustände", aber auch "unsichere Staaten", wir nehmen Biografien von Künstlern, die Deutschland verlassen mussten, und bringen diese in Zusammenhang mit den Bewegungen der Flüchtenden der letzten 20 Jahre.

Auf der Glaswand am Eingang der Akademie stehen die Namen vieler berühmter deutscher Exilsuchender.

MEERAPFEL: Diese Erinnerung verpflichtet uns auch für die Zukunft. Unser Archiv ermöglicht uns, das zu erzählen. Wir haben zum Beispiel die Pistole von Kurt Tucholsky - von einem Museum der kleinen Dinge aus können wir die Geschichte von Menschen erzählen. Emotional wird erfahrbar, was es bedeutet, emigrieren zu müssen, den eigenen Ort zu verlassen.

Sie selbst sind in Buenos Aires geboren, als Kind von Emigranten.

MEERAPFEL: Ich habe mich dort nicht gefühlt als ein Kind von Emigranten. Als Kind erlebt man die Welt, die man vorfindet, als natürlich, als normal. Erst später denkt man darüber nach, was die Eltern alles erlebt haben, sie haben mit mir als Kind nicht über ihre Erlebnisse gesprochen.

Was bedeutet für Sie Heimat?

MEERAPFEL: Sehen Sie, ich glaube nicht, dass es Heimat gibt. Das ist etwas, was in der Kindheit liegt, und in die Kindheit kann man nicht zurück. Aber wenn Sie mich nach meiner Identität fragen: Diese wird stark durch die Sprache geprägt. Spanisch ist sicherlich meine erste Sprache und Deutsch inzwischen meine zweite. Aber auch Französisch ist ganz tief in mir, weil ich mit dieser Sprache aufgewachsen bin.

Beneidenswert, mit drei Sprachen zu leben.

MEERAPFEL: Das ist auch ein gutes Gehirntraining, ich kann gleichzeitig Gespräche auf Deutsch, Spanisch und Französisch führen, ich kann auch switchen. Das ist ein Gefühl von Reichtum, ein Geschenk. Italienisch und Griechisch sind später auch noch dazu gekommen.

Als Präsidentin der Akademie haben Sie das Archiv von Alexander Kluge feierlich in Empfang genommen. Sie haben an der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) studiert in den 60er Jahren. Kluge war damals Ihr Lehrer, was haben Sie ihm zu verdanken?

MEERAPFEL: Ich habe von Alexander Kluge viel gelernt: das Denken, Zusammenhänge herzustellen. Er wollte unbedingt, dass sein Archiv in der Akademie neben das von Walter Benjamin und Theodor W. Adorno kommt, Kluge wollte "in die Bettritze" zwischen diesen beiden Philosophen. Nun, es sind doch Kilometer an Material.

Welche Rolle spielte Ulm in Ihrem Leben?

MEERAPFEL; Ich bin ziemlich jung nach Ulm gekommen und habe eine ganz andere Welt erfahren. Ich lernte die Parameter von Ton und Kamera, Edgar Reitz gehörte zu meinen Lehrern. Ebenso aber hat mich die wunderbare Ideologie der HfG geprägt, also das, was man vereinfacht so beschreiben könnte: Wir brauchen nicht 500 Gläser, sondern eines, das gut aussieht und praktisch ist. Und ich könnte mir das Leben nicht mehr vorstellen ohne die Stapeltassen Nick Roerichts (lacht).

Sie hatten auch als Journalistin gearbeitet. Was hat sich da alles verändert in den Jahrzehnten?

MEERAPFEL: Es gibt unglaublich gute Texte von Kulturjournalisten, die ich lese und sammle, aber es gibt auch die Tendenz zur Vereinfachung, die Schlagwörter nehmen überhand. Das ist erschreckend. Denn wir müssen im Gegenteil immer stärker differenzieren. Wir bezahlen für die Schnelligkeit in der digitalen Welt mit einem Verlust an Tiefe. Ich liebe meinen Computer, google gerne, aber was machen wir mit der Masse an Informationen?

Die AfD gewinnt Wähler gewiss nicht mit sachlicher Aufklärung.

MEERAPFEL: Es ist schon erstaunlich, dass eine Partei mit 25 Prozent in einen Landtag einzieht, nur weil sie gegen etwas ist. Die Informationslosigkeit vieler Menschen ist schon erschreckend in einem Land wie Deutschland. Andererseits hat dieses Land auch gezeigt, wie erwachsen es ist, wie großzügig es sein kann. Beide Gesichter haben wir gesehen, das ist verwirrend: die Willkommenskultur, eine Kanzlerin, die auf Seiten der Flüchtlinge steht - und dann die AfD.

Überwiegt die Zuversicht?

MEERAPFEL: Eine junge argentinische Journalistin war kürzlich bei mir, wir redeten über die Militärdiktatur, 40 Jahre nach dem Staatsstreich. Und darüber, wie man diese furchtbare Zeit, 30 000 Menschen verschwanden damals, im Gedächtnis behalten kann. Die Journalistin war tief beeindruckt, auf welche Weise man in Deutschland gedenkt. Das habe sie noch nirgendwo erlebt und hier nicht erwartet. Deutschland hat sich nach zwei schrecklichen Kriegen und der Shoah die enorme Fähigkeit erarbeitet, nicht zu vergessen. So werden wir auch gegen die AfD gewinnen. Das hoffe ich sehr.

Diese Erinnerungskultur ist doch auch eine Folge der 68er-Zeit, die Sie in Ulm erlebt haben?

MEERAPFEL: Ich bin an der HfG auch in die Studentenrevolte hineingeraten. Dass die jungen Deutschen so radikal mit ihrer Geschichte, mit ihren Eltern brechen wollten, habe ich sehr bewundert, ich habe diese Generation dafür geliebt. Diese jungen Leute haben sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen und die Geschichte Deutschlands für immer verändert.

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07.04.2016, 06:00 Uhr

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