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Rettung

Deutschland brennt

Personalmangel und überalterte Fahrzeuge machen den Feuerwehren zu schaffen. Vor allem im Osten fehlt es an Ehrenamtlichen. Baden-Württemberg ist dagegen mit fast 109 000 Freiwilligen spitze.

24.10.2018

Von AMREI GROSS

In Schieflage: Das Feuerwehrwesen in Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Foto: Sebastian Haase

Berlin. Es ist 18.38 Uhr als Stefan Ehricht mit seinem Notarzteinsatzfahrzeug von der Feuerwache Spandau zu einer Frau mit Atemnot nach Rudow gerufen wird – eine Fahrt über 33 Kilometer im Feierabendverkehr, einmal quer durch Westberlin. Ehricht schafft die Strecke in 40 Minuten. Bei einem Notfall könnte diese Zeitspanne über Leben und Tod entscheiden. An jenem Abend hat der Rettungsassistent Glück: Die über Notruf gemeldete Atemnot entpuppt sich vor Ort als Schnupfen. Dennoch zeigt der Fall für Ehricht überdeutlich: „Wir arbeiten am Rande unserer Belastungsgrenze“. Ihr Schutzziel kann die Berliner Feuerwehr längst nicht mehr erreichen. In nur 59,7 Prozent der Einsätze im Jahr 2017 war der Rettungswagen zehn Minuten nach der Alarmierung beim Patienten. Das Soll liegt bei 90 Prozent.

Durch jahrelange Einsparungen ist das System auf Kante genäht: Deutschlands älteste und größte Berufsfeuerwehr kämpft mit Personalmangel und einem überalterten Fuhrpark. Die Zustände dort sind aber nur die Spitze eines Eisbergs an Problemen, der das Feuerwehrwesen hierzulande plagt.

Berlin ist kein Einzelfall

„Es wird immer schwieriger, Personal zu finden“, bestätigt Uwe Lübking, Sicherheitsexperte des Deutschen Städte- und Gemeindebunds. Vor allem finanzschwache Gemeinden täten sich schwer. Vielen fehle das Geld für Fahrzeuge und Geräte. „Berlin ist kein Einzelfall“, sagt Lübking.

Besonders angespannt ist die Situation im Osten. Spätestens im Jahr 2030, so hieß es Ende September in der Enquetekommission des Landtags in Potsdam, seien die Freiwilligen Wehren in Brandenburg personell so ausgedünnt, dass sie nicht mehr ausrücken könnten. „Die Situation ist sehr ernst“, sagt Frank Kliem, Vize-Präsident des Landesfeuerwehrverbands. Die Zahl der Ehrenamtlichen in den Brandenburger Feuerwehren gehe jährlich um rund zwei Prozent zurück. Bereits heute seien in rund der Hälfte aller Gemeinden tagsüber weniger als sechs Feuerwehrleute verfügbar. „Selbst zu kleinen Einsätzen müssen inzwischen mehrere Wehren alarmiert werden“, sagt Kliem. Um das Ehrenamt attraktiver zu machen, diskutiert der Landtag Geldprämien für freiwillige Retter.

Während der Osten metaphorisch brennt, glänzt der Süden. In Baden-Württemberg wächst die Zahl der freiwilligen Feuerwehrangehörigen seit Jahren kontinuierlich leicht an. Zum 31. Dezember 2017 waren fast 109?000 Ehrenamtliche aktiv. „Wir sind in einer recht komfortablen Situation“, sagt Andreas Wersch vom Landesfeuerwehrverband.

Auch in Sachen Tagesverfügbarkeit sind die Wehren im Land gut aufgestellt. „Unser Verband ist mit den Arbeitgeberverbänden in ständigem Kontakt“, sagt Wersch. Das trage stark dazu bei, dass viele Unternehmen den Wert von Feuerwehrangehörigen als Mitarbeiter erkannten und diese im Einsatzfall bereitwillig freistellten.

Neue Zielgruppen im Blick

Dazu kommt, dass Baden-Württemberg seit mehreren Jahren Doppelmitgliedschaften erlaubt. Nicht wenige Feuerwehrmänner und -frauen rückten seither nicht nur mit der Feuerwehr an ihrem Wohnort, sondern auch mit der an ihrem Arbeitsplatz aus. Im ländlichen Bereich sorgen interkommunale Kooperationen dafür, dass tagsüber ausreichend Kräfte zur Verfügung stehen: „Bei bestimmten Alarmstichworten werden in dieser Zeit automatisch mehrere Feuerwehren alarmiert“, sagt Wersch. Das funktioniere gut: „Den Menschen ist es egal, wo das rote Fahrzeug herkommt.“ Hauptsache, es sei schnell da.

Damit das auch in Zukunft so bleibt, setzt der Landesfeuerwehrverband auf Zielgruppen die bisher nicht oder nur selten zur Feuerwehr gehörten – darunter Frauen. Mehr als 6000 weibliche Einsatzkräfte zählt der Verband in 2017, ein Plus von 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Noch macht ihr Anteil gerade einmal 5,6 Prozent an der Gesamtstärke aus. Doch die Statistik zeigt auch: Viele Mädchen engagieren sich bei Jugendfeuerwehren. Sie sind ein Potential, das der Landesfeuerwehrverband halten will. Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind willkommen. In Werschs Feuerwehr engagiert sich ein ehemaliger Flüchtling aus Georgien. Die Erfahrungen sind positiv. „Natürlich braucht das Zeit“, sagt Wersch. Seien sprachliche Hürden aber genommen, funktioniere die Zusammenarbeit reibungslos.

In Berlin zeichnet sich zwischenzeitlich eine Verbesserung der angespannten Situation ab. Innensenator Andreas Geisel (SPD) hat mit der Feuerwehr und den Gewerkschaften eine Vereinbarung geschlossen. Sie garantiert unter anderem knapp 300 zusätzliche Stellen für Einsatzkräfte und 94 neue Fahrzeuge.

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Erstellt:
24. Oktober 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Oktober 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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