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Wendepunkt Rote Karte

Diakonieverband berät erstmals Opfer und Täter häuslicher Gewalt „aus einer Hand“

Wenn häusliche Gewalt eskaliert, hilft oft nur die Rote Karte für den meist männlichen Täter. Nach der Trennung muss es für das Paar aber weitergehen. Der Diakonieverband bietet seit Mai Beratung und Begleitung über den Wohnungsverweis hinaus – für Opfer und für Täter.

28.11.2014
  • Christine Laudenbach

Reutlingen. Die Erfahrungen aus der Erstberatungsarbeit mit Opfern häuslicher Gewalt haben gezeigt: „Menschen, die in solchen Beziehungen bleiben, brauchen Unterstützung“, so Projektmitarbeiterin Florence Wetzel. Denn: Nicht alle Paare wollen sich trennen, wenn der Streit eskaliert. Viele junge Mütter etwa wollten bleiben, obwohl der Mann zuschlug. Das neue und bundesweit einmalige Reutlinger Projekt „Punktum“ hat erstmals Opfer und Täter im Blick. Gestern stellte es der Diakonieverband der Presse vor.

Seit Mai diesen Jahres finden Frauen, Männer und Paare Hilfestellungen, um aus der Gewaltspirale zu finden. Damit auch Kinder, die in diese Krisensituationen meist tief verstrickt sind, „eine eigene Haltung entwickeln können“, spricht das Projekt auch gezielt Jugendliche ab zwölf Jahren an. Während seit Projektbeginn sechs Paare und fünf Frauen das neue Beratungsangebot genutzt haben, bekamen Wetzel und ihr Kollege Holger Tewes noch keine Anfragen von Kindern, die ohne Eltern Rat gesucht haben.

50 Prozent der Täter lassen sich beraten

Mit „Punktum“ will Projektleiterin Stephanie Gohl und ihr paritätisches Team nicht nur einen „Wendepunkt in der Gewaltspirale“ von Paaren schaffen, die zusammen bleiben wollen. Die „Täter- und Opferberatung aus einer Hand“, wie Gohl es nennt, richtet sich an „alle Menschen mit Gewalterfahrung“. Und das sind keineswegs nur die Frauen. Gohls Arbeit in der Schwangerenberatung hat gezeigt: Nicht nur 90 Prozent der Opfer nehmen die Hilfe an. Auch rund 50 Prozent der Täter lassen sich beraten.

Die Idee daher: Ratsuchende, die nach einem Wohnungsverweis den Weg zur Diakonie finden, nicht weiterschicken (siehe Kasten), sondern von hier aus längerfristig betreuen. Dabei besucht Wetzel die Frauen auch zuhause. Sie versucht sie auf ihrem Weg zu begleiten und zu stabilisieren. Bei ihren Visiten bekommt Wetzel zudem Einblicke in das Familiensystem. Holger Tewes dagegen bietet gezielt Männern Beratung an. Die Wege, die der Diakonieverband dabei beschreitet, sind bewusst etwas abseits derer gewählt, die bisher beschritten wurden – etwa vom Frauenhaus. Das auf drei Jahre angelegte „innovative Projekt mit Modellcharakter“, wie Gohl es nennt, finanziert sich ausschließlich über Spenden und lässt daher Spielraum um Erkenntnisse zu sammeln. „Wir haben zwar die Konzeption“, so Gohl gestern beim Pressegespräch, „das Projekt entwickelt sich aber anhand der Erfahrungen.“ Die erste Etappe hat „Aktion Mensch“ gesichert, mit einer Zusage über 170 000 Euro. Studierende des Sozialwissenschaftlichen Frauenforschungs-Instituts Freiburg begleiten das Projekt. Das bestehende Angebot der Erstberatung solle mit „Punktum“ keinesfalls ausgehebelt werden, sagt Diakonieverbandsgeschäftsführer Günter Klinger. Es sei vielmehr als Ergänzung zu den Angeboten von Stadt und Land zu werten. Klinger betont: „Wir wollen nochmals einen anderen Versuch starten.“

Seit 2001 arbeiten in Reutlingen zum Schutz vor häuslicher Gewalt Stadt, Polizei und Diakonieverband zusammen. Wird ein Wohnungsverweis über die Rote Karte ausgesprochen, muss sich der Partner vier Tage lang von Haus und Arbeitsplatz der Partnerin fernhalten. Das Opfer, meist die Frau, wird über die Koordinierungs- und Erstberatungsstelle der Diakonie aufgefangen. Nach den Vorgaben der Stadt umfasst dieses Angebot drei Sitzungen – in Reutlingen wird bereits auch dabei der Partner miteinbezogen. Nach den drei Einheiten wird an bestehende Angebote weiterverwiesen – etwa an Psychologische Beratungsstellen. Die Erfahrung der Diakonie habe aber gezeigt: Kaum jemand würde zu diesen Anschluss-Beratungen kommen.

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28.11.2014, 12:00 Uhr

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