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Den Krücken davongetanzt

Die 78-Jährige Helmtrud Töpfl trainiert Flamenco

Helmtrud Töpfl nimmt seit vielen Jahren Flamencostunden und hat so ihre Hüftprobleme überwunden. In der Tagesklinik Wielandshöhe gab sie ihren Zuschauern am Mittwoch eine Kostprobe ihres Könnens.

31.08.2012
  • Jannik Euteneuer

Selbst im Gespräch nach ihrem Auftritt kann Helmtrud Töpfl ihre Füße kaum still halten. Alle paar Minuten untermalt sie ihre Sätze mit kurzen Tanzschritten, dreht sich um die eigene Achse, rafft ihr gepunktetes blaues Kleid. „Am liebsten tanze ich etwas, das temperamentvoll ist, wo Pepp drin ist“, sagt Töpfl. „Das entspricht meiner Art.“

Die 78-Jährige leidet unter einer angeborenen Hüftdysplasie, ihr fehlt die Hüftpfanne. „Ich konnte irgendwann nicht mehr ohne Hilfe aus dem Auto steigen, kaum aufstehen“, erklärt Töpfl. „Bis ich 49 war, wurde ich nicht richtig behandelt.“ Bei einem späteren Reha-Aufenthalt habe eine Ärztin zu ihr gesagt, „die Muskeln sind Ihr Kapital.“ Diesen Satz nahm Töpfl sich zu Herzen und begann mit 60 Jahren zu tanzen.

Wegen privater Probleme musste die 78-Jährige zuletzt auf ihr Hobby verzichten und stieg nach dreijähriger Pause erst im Dezember wieder ein. Zu diesem Zeitpunkt ging Töpfl an Krücken. „Da bin ich wieder bei Null gestartet“, sagt sie. „Am Anfang tat es tierisch weh, aber dann habe ich Muskeln aufgebaut, und es wurde immer besser.“ Die Krücken, früher ihre ständigen Begleiter, braucht sie heute nicht mehr. „Die stehen nur noch als Drohinstrument in der Ecke.“

Männer sind beim Tanzen zu schüchtern

Am vergangenen Mittwoch war Töpfl gemeinsam mit ihrer Flamencolehrerin Karin Mohr in der Tagesklinik Wielandshöhe in Tübingen zu Gast, um andere Senioren zum andalusischen Tanz zu verführen.

Karin Mohr ist 47 Jahre alt, hat feuerrote Haare und trägt den dazu passenden roten Rock. Sie lächelt, wenn sie tanzt, während sie spricht, wenn sie ihrer Partnerin beim Tanz zuschaut. Eigentlich lacht Mohr immer. Als sei die Rechnung ganz einfach: „Bin ich fröhlich, sind alle fröhlich.“

In der Wielandshöhe hat sie damit bei vielen Erfolg, aber nicht bei allen. Doch irgendwie schafft sie es, dass später, beim letzten Lied, einige Zuschauer ihre ersten Flamencoschritte wagen.

Seit März dieses Jahres leitet Karin Mohr die Tanzgruppe „Flamenco 60+“. Neun Frauen gehören der Gruppe an, einmal pro Woche treffen sie sich, um ihre Tanzschritte zu verbessern und zu plaudern. Einen Mann konnten die Tänzerinnen bisher noch nicht in ihrem Kreis begrüßen. Etwas, das Karin Mohr sehr bedauert: „Die Männer sind da irgendwie zurückhaltender“, sagt Mohr.

Viele der Tänzerinnen in ihrer Gruppe sind alleinstehend, „daher ist Flamenco der ideale Tanz“, erklärt Mohr. „Denn Flamenco kann problemlos ohne Partner getanzt werden.“ Zudem halte die Bewegung die Frauen fit und die Koordination verbessere sich ebenfalls.

Tänzer erkranken seltener an Demenz

Wie gesund im Alter der Besuch des Tanzstudios wirklich ist, diese Frage haben sich auch Forscher des „Albert Einstein College of Medicine“ in New York gestellt und eine Langzeitstudie auf den Weg gebracht. Dabei haben sie Erstaunliches festgestellt: Regelmäßiges Tanzen senkt das Risiko, an Demenz zu erkranken, um 76 Prozent. Damit lässt der Tanz das Lösen von Kreuzworträtseln (47 Prozent) und das Lesen (35 Prozent) weit hinter sich.

Die Forscher erklären dies damit, dass Tänzer ständig ihre grauen Zellen anstrengen müssen. Jede neue Drehung, jeder neue Tanzschritt, jede neu erlernte Armbewegung erfordert hohe Konzentration.

In der Wielandshöhe fordern Mohr und Töpfl die Senioren immer wieder zum Mitmachen auf. Viele steigen ein, wedeln mit den ausgelegten Fächern im Rhythmus der Musik durch die Luft oder klatschen in die Hände. Beim abschließenden gemeinsamen Tanz warten die meisten erst unsicher ab, bevor sie einen Fuß auf die Tanzfläche setzen.

Besonders die drei anwesenden Männer halten sich zurück, einer hatte den Braten offenbar frühzeitig gerochen: Er packte zeitgleich mit Mohrs Aufforderung, zusammen das Tanzbein zu schwingen, seine Stofftasche und verschwand.

Die 78-Jährige Helmtrud Töpfl trainiert Flamenco
Seit März tanzt Helmtrud Töpfl (rechts) mit Begeisterung in der Tanzgruppe von Karin Mohr.Bild: Metz

Flamenco lernt sich nicht von heute auf morgen: „Man braucht Geduld und Spucke“, erklärt Karin Mohr. In ihrer Tanzgruppe „Flamenco 60+“ achte sie darauf, dass das Lerntempo niemanden überfordere. Anfänger seien deswegen jederzeit willkommen, vor allem Männer werden gesucht. Die Tanzstunde findet jeden Donnerstagvormittag statt, in der „Go Dance – Ballettschule“, Handwerkerpark 7 in Tübingen. Für die Tanzstunden zahlen die Teilnehmerinnen 40 Euro im Monat. „Kostenloses und unverbindliches Reinschnuppern ist absolut erwünscht“, sagt Karin Mohr.

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31.08.2012, 12:00 Uhr

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