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Kommentar

Die Alten sollen zufrieden sein

Rottenburgs neuer Baubürgermeister Thomas Weigel konnte gestern auf die Schnelle nicht ergründen, weshalb es an der Berliner Straße nicht auf beiden Seiten Gehwege gibt. Bei Haupterschließungsstraßen sei das üblich, und die Berliner Straße ist nichts anderes. Die Situation für die beiden Frauen vor dem Haus Nummer 24 ist unwürdig.

03.11.2012
  • Gert Fleischer

Der Vorschlag von Ordnungsamtsleiter Martin Schmid, dass die 70-Jährige erst ihr Auto holt, es vorübergehend blockierend in die Einfahrt stellt, dann ihre 90-jährige, fast blinde Mutter aus deren Wohnung zum Auto bringt, dieser Vorschlag ist pragmatisch nachvollziehbar, sehr mitfühlend ist er nicht.

Lässt sich dort nicht mit etwas Farbe ein Behindertenparkplatz aufmalen, solange die Frau noch zu Hause leben kann? Klar, es wird ein Parkplatz dem öffentlichen Verkehrsraum entzogen. Doch nichts anderes geschieht, wenn sich Hauseigentümer einen Stellplatz in ihrem Vorgarten anlegen: Damit die Zufahrt dorthin möglich ist, entfallen am Straßenrand manchmal zwei öffentliche Parkplätze. Auch für das Teilauto werden Parkplätze gefunden. In Leipzig verhinderte vor drei Wochen nur eine ganz knappe Gemeinderatsmehrheit den zweiten Versuch der Stadt, vor dem Steigenberger Grand-Hotel auf öffentlichem Straßenraum zwei VIP-Parkplätze anzulegen. Da ist plötzlich Druck da.

Das Beispiel an der Berliner Straße in Rottenburg zeigt, wie wenig sich Kommunen bisher auf die Anforderungen der kommenden Jahre einstellen; Rottenburg fällt da überhaupt nicht aus dem Rahmen. So wie Bauträger ihre Wohnungen fast schon standardmäßig als „barrierefrei“ anpreisen und oft gar nicht wissen, was dieser Begriff beinhaltet, so hinken auch die Städte den Erfordernissen weit hinterher. Nur weil alte Menschen es früher nicht gelernt haben zu protestieren und ihnen heute die Kraft dazu fehlt, geht es immer so weiter.

Den alten Leuten mit Rollator, die auch auf Pflasterbelag mit gesägten Steinen jede Fuge in ihrem Körper spüren, wird gesagt, sie sollen sich Gehhilfen mit luftgefüllten Reifen kaufen. In der Stuttgarter Fußgängerzone Königstraße sitzen häufig alte Menschen auf Edelstahlstangen – wie die Hühner. Weshalb? Das Architekturbüro Behnisch hat nur ganz wenige Sitzflächen aufschrauben lassen, weil mehr davon angeblich das ästhetische Gesamtbild stören.

2006 teilte die Bertelsmann-Stiftung mit, dass sich die Zahl der über 80-Jährigen in Deutschland bis zum Jahr 2025 fast verdoppelt. Das ist sechs Jahre her, doch was ist seither geschehen? Nicht sehr viel, jedenfalls nicht genug.

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03.11.2012, 12:00 Uhr

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