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Die Angst im Nacken
Auf Schritt und Tritt verfolgt: Vor allem Frauen werden gestalkt. Foto: Getty Foto: Getty Images
Kriminalität · Stalking

Die Angst im Nacken

Ob im Netz oder in der realen Welt: Stalker verbreiten Angst, knacken E-Mail-Konten, belästigen am Telefon und mit SMS, verschicken Sex-Fotos an Kollegen.

05.04.2017
  • MARIA NEUENDORFF

Die E-Mail ist nett und unverfänglich. „Ich bin der Peter. Und Du? Ich bin immer auf der Suche nach interessanten Menschen und Geschichten“, schreibt der Unbekannte. Die Büroangestellte Sabine R. (33) ist überrascht – und neugierig. Sie antwortet. Nach ein paar E-Mails fühlt es sich fast schon gut an. Doch plötzlich: „Du sieht total scheiße aus in deinem neuen Kleid“, schreibt er. „Da hilft auch das Training im neuen Studio nix.“ Sabine R. ist geschockt. Woher weiß er, dass sie sich ein neues Kleid gekauft und das Fitnessstudio gewechselt hat? Sie bricht den E-Mail-Kontakt ab, aber jetzt kommen bedrohliche SMS auf ihrem Handy an. Sie wird von einem Stalker verfolgt.

Die Bezeichnung stammt aus der Jägersprache und bedeutet, sich an seine Beute heranzupirschen. Die Polizei verzeichnet deutschlandweit jährlich rund 20 000 Stalkingfälle. Die Dunkelziffer ist viel höher.

Zwar blühen Tätern nach dem 2007 verabschiedeten Anti-Stalking-Gesetz Geldbußen und drei Jahre Haft. „Doch die Verurteilungsrate ist immer noch viel zu gering“, sagt Wolf Ortiz-Müller, der Leiter der Berliner Beratungsstelle Stopp-Stalking. Auch nimmt das Cyberstalking, das Stalken übers Internet, zu.

Dennoch gebe es in Deutschland nur vier spezialisierte Beratungsstellen und keine stationären Angebote für eine Therapie von Tätern, kritisiert Ortiz-Müller auf der Anti-Stalking-Tagung in der Berliner Charité, zu der er eingeladen hatte, um das deutschlandweite Netz weiter aufzubauen. Juristen, Psychologen, Psychiater, Sozialarbeiter und Polizisten diskutieren unter anderem über den vor drei Wochen reformierten Nachstellungs-Paragrafen. Stalking-Opfer müssen jetzt nicht mehr nachweisen, dass sie aufgrund der Belästigungen beispielsweise den Arbeitsplatz oder den Wohnort wechseln mussten.

„Es ist ein großer Fortschritt“, sagt Ortiz-Müller. „Doch Strafverfolgung allein greift viel zu kurz.“ Denn nicht alle Stalker ließen sich von einer Anzeige abschrecken. „Manch einer fühlt sich sogar gewürdigt. Lieber eine Anzeige, als vergessen zu werden.“

Abgesehen von Prominentenfällen werde über das Thema immer noch zu wenig gesprochen, sind sich die Tagungsmitglieder einig. So blieben viele Opfer mit ihrer Angst, mit Scham und Schuldgefühlen allein. Viele werden selbst psychisch krank.

Sabine R. geht nicht mehr ans Telefon, macht die Tür nicht auf, wenn es klingelt, verabredet sich nicht mehr mit Freunden. Wenn sie morgens das Handy anmacht, blinken 30 Anrufhinweise.

Der Gang zur Arbeit wird zur Tortur. Ihr sitzt die Angst im Nacken, ihr Stalker könnte irgendwo lauern. Er hat ihr gedroht: „Du wirst in der Hölle schmoren!“

Beim Nachbarn werden Pakete für sie abgegeben, die sie nicht bestellt hat. Sabine R. schämt sich, die Hardcore-Videos und Sexspielzeuge zurückzugeben, die der Stalker auf ihren Namen bestellt hat. Irgendwann hat sie 1500 Euro Schulden angehäuft.

Auch nach Monaten weiß sie nicht, wer der Mann ist, der sie in den Wahnsinn treibt. Ihren PC fasst sie nicht mehr an. „Ich habe das Gefühl, dass er mich beobachtet“, gibt sie im Frieda-Frauenzentrum zu Protokoll, als sie dort endlich Hilfe sucht.

„Alleine kommt man da oft nicht mehr raus“, sagt Beate Köhler (52). Sie entwickelt seit Jahren individuelle Bewältigungsstrategie mit Gestalkten.

2014 hat sie im Frauenzentrum ein Projekt gegen Cyberstalking gegründet. Denn viele Täter spähten ihre Opfer nicht nur über deren Facebook- und Twitter-Posts aus, sagt Köhler. „Je nachdem wie groß kriminelle Energie ist, können sie auch Passwörter knacken, die Identitäten ihrer Opfer annehmen und so Unwahrheiten verbreiten.“

Eines Tages bekommen Sabine R.s Eltern ein Foto zugesandt, auf dem ihre Tochter gefesselt auf einem Bett liegt. Sie hat es vor drei Jahren mit ihrem damaligen Freund aufgenommen. Jetzt ist klar: Der Stalker ist kein Unbekannter, sondern ihr Ex-Freund. Sabine R. zeigt ihn an und hat von da an Ruhe. Das Gefühl der Angst jedoch begleitet sie noch lange.

Fälle in Deutschland

Fast 15 Jahre lang stellt eine Seniorin im sauerländischen Meschede einem katholischen Pfarrer nach. Sie lässt ihm Blumen, Liebesbriefe und Phallus-Symbole zukommen, schickt ihm SMS und ruft ihn an. Der Fall geht bis vor das Oberlandesgericht in Hamm. Es erklärt die Frau im März 2017 für schuldunfähig.

Mit Anrufen, WhatsApp-Nachrichten und falschem Facebook-Profil stalkt der Berliner Piraten-Abgeordnete Gerwald Claus-Brunner anderthalb Jahre lang einen Bekannten. Der arbeitet laut Polizei nicht an der Aufklärung mit. Im September 2016 bringt Claus-Brunner sein Stalking-Opfer um und begeht Selbstmord.

Vanessa Münstermann zeigt ihren Ex-Freund im Februar 2016 an. Er terrorisierte sie telefonisch, beleidigte sie in sozialen Netzwerken. Die Polizei redet mit ihm. Tags darauf lauert er seiner Ex-Freundin auf und schüttet ihr Schwefelsäure ins Gesicht. Im August 2016 wird er zu zwölf Jahren Haft verurteilt.⇥dpa

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05.04.2017, 06:00 Uhr

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