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Leitartikel · Sport und Terror

Die Angst spielt mit

Das Blaulicht hat den Kerzen die Kraft geraubt. Viele der kleinen Feuer, die in Hannover eine Lichterkette als Zeichen gegen den Terror symbolisiert hatten, flackerten noch, als die Polizei das Stadion räumte.

19.11.2015
  • Armin Grasmuck

Die Zuschauer gingen seltsam ruhig nach Hause, auch die Busse mit den deutschen und den niederländischen Spielern kehrten auf halbem Weg um. Es sollte an diesem Abend kein Ball in der Arena rollen. Es ging um Sicherheit. Um Sprengstoff. Um mutmaßliche Attentäter. Kein Tor, kein Foul, nur Verlierer. Der politisch korrekte Schlusspfiff weit vor dem Anstoß. Es war ein verheerender Abend.

Dieses beklemmende Gefühl der Machtlosigkeit frisst die Leichtigkeit, mit der die Fußballanhänger normalerweise ihrer Leidenschaft frönen. Die Attentate von Paris dokumentierten auf schrecklichste Weise, dass der Terror auch den Sport voll ins Visier genommen hat. Höchstwahrscheinlich ist es nur dem aufmerksamen Kontrolleur am Eingangstor des Stade de France zu verdanken, dass dem mit Sprengstoff bepackten Verbrecher, der sich wenig später in unmittelbarer Nähe der Arena in die Luft jagte, der Weg auf die Tribüne verwehrt blieb.

Spätestens nach der Absage von Hannover spielt die Angst mit. Die schlichte Idee, sportliche Großereignisse unter keinen Umständen unter dem Druck des Terrors zu opfern, wirkt plötzlich haltlos. Wenn das Wohl des Einzelnen in Gefahr scheint. Wenn selbst die Protagonisten, Aktive wie Verantwortliche, von Zweifeln geplagt sind. Wenn das reine Spiel und der Wettbewerb als solcher keine Kraft mehr haben, verliert der Anhänger die Lust - und der Sport seine Anziehung.

Die Vorfreude auf die Europameisterschaft der Fußballer im nächsten Jahr ist dem Schock der aktuellen Ereignisse gewichen. Mit Blick auf die Terroropfer von Paris und der akuten Gefahrenlage in Hannover scheinen selbst die Olympischen Spiele, die im Sommer des Jahres 2016 in Rio de Janeiro ausgetragen werden, keine Aussicht auf unbeschwerte Heiterkeit zu haben. Selbstverständlich wird der Aufwand für die Sicherheit der Spiele in Frankreich und Brasilien deutlich erhöht werden. Neue Strategien im weiten Vorfeld, schärfere Kontrollen in den Stadien - wie nach den Anschlägen am 11. September 2001.

Es wird zudem interessant zu beobachten sein, wie die sportlichen Wettbewerbe auf nationaler Ebene von dem gegenwärtigem Terror beeinträchtigt werden. Die Klubs der Fußball-Bundesliga haben spontan ihr Sicherheitspersonal massiv aufgerüstet. Selbstverständlich sitzt die Angst nun auch in Hamburg, Stuttgart und Ingolstadt mit auf der Tribüne und in der Kabine. Es liegt an den Sportlern und Vereinen, den dunklen Gedanken selbstbewusst entgegenzutreten. Die Friedenstaube, die der Torjäger Giovane Elber vor 14 Jahren im Gedenken an die Opfer von New York und einen Treffer bejubelnd mit den Händen formte, strahlt bis heute.

"The games must go on", die Spiele müssen weitergehen - so lautete die Botschaft, die Avery Brundage als Präsident des Olympischen Komitees bei der Trauerfeier für die elf von palästinensischen Terroristen ermordeten Mitglieder der israelischen Mannschaft 1972 in München verkündete. Seine Worte haben Bestand. Die positive Kraft des Sports und seine natürliche Stärke wurden am Dienstag in London deutlich spürbar. Just in dem Augenblick, als sich in Hannover die Arena leerte, wuchs im traditionsreichen Wembley-Stadion eine Einheit von historischer Kraft zusammen. Engländer und Franzosen sangen und standen zusammen. Die Kugel rollte. In welches Tor, das war egal.

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19.11.2015, 12:00 Uhr

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