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Die Angst verschwindet nicht
Thomas Kliche, Politikpsychologe lehrt an der Uni Mageburg, unter anderem zu politischer Gewalt. Foto: Uni Magdeburg-Stendal
Interview

Die Angst verschwindet nicht

Thomas Kliche, Politikpsychologe lehrt an der Uni Mageburg-Stendal, unter anderem zu politischer Gewalt. Ein Gespräch über den Terror und die Folgen.

22.12.2016
  • ELISABETH ZOLL

Herr Professor Kliche, nach dem Anschlag von Berlin läuft das Leben scheinbar unberührt weiter. Haben wir uns an die Angst gewöhnt?

Thomas Kliche: Im Gegenteil. Oberflächlich bemühen wir uns ja bei unvertrauten, auch schwerwiegenden Ereignissen erst einmal um so genannte Normalisierung – wir machen weiter wie bisher. Aber früher sind die Ängste im Grunde ähnlich geblieben haben nur stark geschwankt, abhängig von besonders auffälligen Ereignissen. Seit 2015 entwickeln wir einen neuen Bezugsrahmen, wir sehen die Welt grundlegend anders. Das zeigt sich an den politischen Auseinandersetzungen, auch am Wahlverhalten. Der neue Rahmen ändert auch Einbindung, Selbstverstärkung und Wirkung unserer Gefühle. Wir erfahren immer wieder, unsere Regierung hat nicht alles in der Hand, und Globalisierung ist gefährlich, wenn wir sie nicht weitsichtig und klug gestalten.

Richten sich die Menschen darauf ein, dass etwas passieren wird?

Auf solche Anschläge kann man sich kaum vernünftig einrichten. Wir sind gegen Terror ziemlich wehrlos, da hilft keine politische Rhetorik. Wenn das ganze Land zwischen Poller gestellt wird, steigt halt der Amokläufer mit der Axt in den Zug. Wir können aber drei Dinge tun, die für unsere Gesellschaft überlebenswichtig sind: Wir können die Nerven behalten und nicht in Schockhektik verfallen. Wir können zusammenhalten und uns bei der Weiterentwicklung unserer offenen Gesellschaft ermutigen. Und wir können uns Gedanken über eine sinnvolle, nachhaltige, solidarische Gesellschafts- und Weltordnung machen.

Welche Rollen spielen Medien bei der Abstumpfung?

Die zeigen uns täglich, wie grausig, ungerecht und unberechenbar die Welt sein kann. Wir leben auf einer Insel von Wohlergehen und Sicherheit. Die möchten wir behalten. Andererseits schämen wir uns auch für unsere Faulheit und Feigheit, die Welt besser zu machen. Die Medien helfen uns dann mit allerlei Filmen oder mit harmlosen Quiz- und Koch-Sendungen, solche Gefühle der Einsicht gleich wieder durch andere Gefühle zu ersetzen.

Blumen werden niedergelegt. Erkennen Sie in diesen Gesten noch echte Trauer oder sind das Rituale, deren Tiefe schwindet?

Viele erleben die Opfer als nahe Menschen, als Stellvertreter, weil es uns alle hätte treffen können. Aber es gibt auch Gefühlsnormen, die eine Gruppenzugehörigkeit unter Beweis stellen, insbesondere für Personen des öffentlichen Lebens: Zeig Trauer, damit Du die Gruppe verkörperst, das gefühlte Wir. Daneben entstehen neue Arten von Betroffenheit. Wir alle probieren ja gerade aus, welche Identität wir haben wollen: Was ist ein Deutscher, ein Europäer, was macht einen vernünftigen Menschen aus, welche Freiheit verteidigt der Tod dieser Menschen, wer oder was wurde angegriffen, das mir wichtig ist? Das Denken mit den Opfern ist gut und richtig, es ist der Kern von Menschenrechten und Christentum. Wir wählen und üben unsere Gefühle, wir können uns also für Verantwortungsbewusstsein entscheiden.

Teile der Politik versuchen mit einer Debatte über die Flüchtlingspolitik Sicherheit zu vermitteln. Ist das die richtige Antwort?

Naja, es ist sicher ihre Pflicht, auch die zu beschwichtigen, die die neuen Sachlagen nach 2015 noch nicht kapiert haben. Der Glaube an Zäune und Sicherheit gegen Terror, Hackerangriffe und Spekulationsströme ist kindlich, aber für viele eine erste Gefühlskrücke, um die Angst durch Kontrollphantasien zu besänftigen. Die langfristige Antwort wäre ein Programm zur internationalen Sicherheit, wie Europa ein handlungsfähiger Friedenskontinent werden kann: Grenzen schützen mag vielleicht kurzfristig sinnvoll sein, langfristig hilft es aber nur, wenn unsere Gesellschaft mehr Solidarität und Steuerungsfähigkeit entwickelt, nach innen und außen. Elisabeth Zoll

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22.12.2016, 06:00 Uhr

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