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Die Angst vor weiteren Attentaten überschattet den Alltag in Paris
Die "Le Banco Bar" im 11. Bezirk von Paris ist nur schwach besucht. Die Pariser versuchen tapfer, zum Alltag zurückzukehren, doch die Angst dominiert. Foto: dpa
Eine Stadt auf Autopilot

Die Angst vor weiteren Attentaten überschattet den Alltag in Paris

Die Rückkehr zur Normalität fällt den Parisern nach den Anschlägen vom 13. November schwer. Der Terror dominiert die Gespräche und das Verhalten der Menschen. Auch Handel und Tourismus brechen ein.

25.11.2015
  • PETER HEUSCH

"Wir versuchen, ein wenig abzuschalten, aber das ist schwer", sagt Hélène. Die junge Frau sitzt dick vermummt gemeinsam mit zwei Freundinnen und einem Bekannten auf der Terrasse eines Cafés, das nur einen Steinwurf von der Pariser Konzerthalle Bataclan entfernt ist. Die Sonne scheint, aber sie wärmt nicht, also haben sie sich genau unter den Heizstrahler gesetzt. Eine Flasche Rosé steht auf dem Tisch - und natürlich dreht sich das Gespräch gerade noch um die Anschläge des 13. Novembers. "Es gibt ja derzeit kein anderes Thema", seufzt Hélène.

Die Freundesrunde trifft sich hier beinahe jeden Sonntagnachmittag. "Also auch und erst recht heute", erklärt Patrick. Doch der Student gibt zu, dass "keiner von uns gestern Abend Lust hatte, auszugehen". Mit Angst hätte das nichts zu tun, aber die Stimmung sei einfach zu gedrückt in der Stadt. Hélène schüttelt den Kopf und widerspricht: "Hör auf, alle haben Angst, dass wieder etwas passiert. Man kann sich nur bemühen, nicht dauernd daran zu denken und sich davon so wenig wie möglich beeinflussen zu lassen."

Die Seinemetropole wirkt in diesen Tagen wie eine Stadt auf Autopilot. Ihre Bewohner bemühen sich zwar tapfer um einen Anflug von Normalität, doch der will sich einfach nicht einstellen. In vielen Geschäften herrscht gähnende Leere, in der vergangenen Woche verzeichneten Handel und Gastwirtschaft Umsatzeinbußen bis zu 50 Prozent. Drastisch eingebrochen sind auch die Besucherzahlen von Museen, Theatern und Kinos, während das städtische Tourismusbüro meldet, dass 30 Prozent der Touristen die Stadt vorzeitig verlassen haben und die Hälfte der Hotelreservierungen storniert wurde.

Allein das berüchtigte Pariser Verkehrschaos scheint sich gegen das verdrießliche Klima zu stemmen. Es ist sogar noch schlimmer als sonst, weil viele Bürger S-Bahnen, Metro und Busse zu meiden versuchen und lieber den Privatwagen aus der Garage holen. Die Folge: Jeden Werktag werden im Großraum Paris zu den Stoßzeiten bis zu 350 Staukilometer gemeldet.

Aber wie sollte eine Rückkehr zur Normalität auch möglich sein in einem Land, über das der Ausnahmezustand verhängt wurde, in dem schwerbewaffnete Sicherheitskräfte zum Straßenbild gehören und gerade erst ein offensichtlich von Attentätern weggeworfener Sprengstoffgürtel gefunden wurde? Ein Land, das sich nach den Worten seines Präsidenten im Krieg befindet und dessen Regierungschef eine Chemiewaffenattacke befürchtet? Ganz zu schweigen von der fieberhaften Jagd nach weiteren Terroristen und der Fahndung nach zwei Islamisten, denen nach den Anschlägen vom 13. November die Flucht gelang. In ihrem Rahmen fanden in den letzten Tagen nicht weniger als 1000 Hausdurchsuchungen in drei Dutzend Städten statt, wurden mehr als 100 Personen zum Verhör festgenommen, 116 Hausarreste verhängt und an die 200 Waffen bis hin zur Panzerfaust beschlagnahmt.

Auch die französischen Medien vermitteln den Eindruck, dass Frankreich sich im Krieg befindet. Es sind die Meldungen von der Front, die die Berichterstattung beherrschen. Jede Nacht fliegt die Luftwaffe Angriffe auf Ausbildungslager, Kommandozentralen und Waffendepots der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Am Montag ging der Flugzeugträger Charles de Gaulle vor der syrischen Küste in Stellung, wodurch sich die Schlagkraft der französischen Kampfjets verdreifacht. Derweil fordern Politiker der bürgerlichen Opposition die Wiedereinführung der Wehrpflicht und die Rekrutierungsbüros der Armee erleben einen regelrechten Ansturm. Täglich gehen 1500 Anfragen von Franzosen ein, die sich informieren oder verpflichten wollen.

Staatspräsident François Hollande, dem seine Rolle als Kriegsherr einen Popularitätssprung von 20 auf 27 Prozent bescherte, flankiert die Intensivierung der Luftschläge mit einer diplomatischen Großoffensive. Alle Gesprächspartner von David Cameron und EU-Präsident Donald Tusk über Kanzlerin Angela Merkel bis zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin hofft er einbinden zu können bei der Umsetzung seines Versprechens, den IS zu vernichten. Nur von der anfangs erwähnten neuen Strategie im Kampf gegen den IS ist nicht mehr die Rede. Paris will letztlich doch keine Bodentruppen in den Irak oder nach Syrien entsenden.

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25.11.2015, 08:30 Uhr | geändert: 25.11.2015, 06:01 Uhr

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