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Haarbilder und Glasperlen

Die Antique & Art Reutlingen nimmt Abschied von der Listhalle

Der Besucherstrom blieb verhalten bei der Antiquitäten-Verkaufsausstellung Antique & Art am Wochenende. Denn der Termin der seit Jahrzehnten eingeführten Messe wurde vorverlegt. Zum traditionellen Dreikönigstermin 2013 steht die Listhalle gar nicht mehr.

01.10.2012
  • Fred Keicher

Reutlingen. Eine Trödelshow ist die Antique & Art keineswegs, auch wenn das Reutlinger Trödellädle gleich am Eingang platziert ist. Hier sind Altertümer aus Reutlingen im Angebot. Ein Email-Türschild: „Direktor Friedrich Finck“ und einfach „Julie Finck“ stammen aus der Maschinenfabrik Finck.

Bierkrüge und Werbeemailschilder erinnern an die großen Zeiten der Brauereien, Achalm Bräu in Pfullingen und Treyz in Betzingen. Ein großes Angebot hat das Lädle auch an Tortenplatten (unter 30 Euro), aber auch an als Müslischalen geeigneten Löwenkopfschüsseln (fängt bei 16 Euro an).

Nebenan bei Robert Glaeber aus Ottobrunn gibt es für 3200 Euro eine „Königskette“ in 14-Karat-Weißgold. Mit 13 000 Euro ist ein goldener Gürtel von Cartier ausgezeichnet. Fragt eine Kundin: „Wer trägt schon einen goldenen Gürtel?“ Der Frau konnt geholfen werden: „Sie können auch zwei Halsketten daraus machen.“

„Nach Reutlingen nehm ich einen HAP Grieshaber mit“, dachte sich der Kunsthändler Harald Jessering aus dem österreichischen Breding. Nur um dann festzustellen: „Die haben alle schon einen.“ Allerdings hat er etwas sehr Seltenes dabei: ein Haarbild, etwa von 1820. Da hat sich tatsächlich jemand hingesetzt und ein Seidentuch mit Haaren so bestickt, dass eine Schäferin mit Schaf daraus wird. Die Vorlage, sagt Jessering, sei ein Gemälde der Malerin Angelica Kauffmann, einer Freundin Goethes.

Am Stand des brummigen Frankfurter Ethnologica-Händlers Thomas Morbe steht eine junge Frau aus Stuttgart an einer Schublade mit lauter bunten Glasperlen und sucht sich die schlichtesten blauen aus. Diese Ringperlen gehen auf die römische Zeit zurück. Die in der Schublade sind vielleicht 400 Jahre alt und kommen aus Baktrien im Norden Afghanistans. Die Stuttgarterin wird einen Lederriemen durchziehen und hat dann eine Halskette.

Neben einem Stand, der sich mit dem Spruch schmückt: „Qualität ist das, was bleibt, wenn der Preis vergessen ist“, verkauft Erwin Huber von der Galerie In Art aus Aichtal Grötzingen Gemälde von Malern, die in der Region große Namen hatten. Ida Kerkovius, Adolf Hölzel oder den Nachlass des kürzlich verstorbenen Walter Gutbrod aus Ludwigsburg. Wie denn so ein Verkauf abgewickelt wird? Haben die Leute tatsächlich ein paar Tausend Euro Bargeld dabei? „Ja“, sagt er, da gibt es Leute, die holen 3000 Euro aus der Hosentasche.“ Schwarzgeld sei das nicht, ein Investment in Kunst sei zu kompliziert, um Geld zu waschen.

Inmitten seiner Schätze sitzt Dieter Uhrig aus Karlsruhe, seine Schätze sind Möbel mit filigranen Intarsienarbeiten. Sein Prachtstück ein Tabernakelschrank, etwa 1740, 18 000 Euro soll er bringen. Uhrigs Erwartungen sind zurückhaltend. „Wir leben in einer Erbengesellschaft“, sagt er, „und die wollen alle verkaufen.“ Der Antiquitätenmarkt leide unter einem Überangebot, das auch die Preise drücke.

Ein Händler hat eine einen Meter hohe Hindenburgstatuette dabei. Der Generalfeldmarschall ist auch auf vier Porzellantellern eines anderen Händlers abgebildet. Daneben liegt ein brauner Erinnerungsteller „Kriegsweihnacht 1939. 79. Infanterieregiment“. Der Versuch diesen zu fotografieren scheitert: Der Händler zieht ihn flink weg und schimpft von wegen Urheberrecht.

Der Veranstalter Michael Piesch wirbt um Verständnis für den Mann. Er begründet das mit den zunehmenden Leerverkäufen im Internet. Die Gegenstände, besonders Militaria, würden fotografiert und, noch bevor sie gekauft würden, im Internet wieder weiterverkauft. Natürlich mit Gewinn.

Die Antique & Art Reutlingen nimmt Abschied von der Listhalle
Zum letzten Mal in der Listhalle: die Antique & Art, hier mit einer Kirchenfigur aus dem Süddeutschland des 18. Jahrhunderts. Bild:Haas

Michael Piesch und seine Frau Andrea aus Gäufelden veranstalten seit 30 Jahren Messen in ganz Deutschland. Antique & Art haben sie dieses Jahr übernommen. Die letzte Schau in der Listhalle ist ihre Premiere, die Fortsetzung folgt in der neuen Stadthalle am 22. Februar 2013. Dreikönig ist gestrichen, der Termin ist für den städtischen Neujahrsempfang reserviert.

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01.10.2012, 12:00 Uhr

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