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Aufbruch in eine neue Welt

Die Arbeiterbewegung öffnete den dörflichen Horizont

Als im Jahre 1911 die Mitglieder des Bodelshäuser "Arbeiter Turn-und Sportvereins“ einmal eine Wanderung planten, ließ sich keine Einigung über das mögliche Ausflugsziel herbeiführen: der Uracher Wasserfall beispielsweise gilt übereinstimmend als "zu wenig spektakulär“. Ludwig Schüssler, selbst ein unspektakuläres Mitglied des Vereins, präzisierte, "dass wenn einer sein Glas Wasser über den Tisch hinunter leert, gerade so viel hinunter läuft wie bei dem Uracher Wasserfall.“

12.07.2000
  • Elke Thran

Offensichtlich hatten die in der Arbeiterbewegung engagierten Bodelshäuser seit Gründung des SPD-Ortsvereins 1895 bereits "so viel von der Welt gesehen“, dass selbst an Ausflüge hohe Ansprüche gestellt wurden. Die Einbindung der ortsan-sässigen Vereine in die nationale und internationale Arbeiterbewegung hatte demnach Wirkung gezeigt: Um den Kontakt mit "den Genossen“ zu festigen, politische Ideen auszutauschen und für die sozialistische Weltanschauung zu werben, war es selbstverständlich geworden, den dörflichen Horizont zu überschreiten und immer ausgedehntere Reisen zu unternehmen.

Nicht ohne Grund nannte man damals die Arbeiter-Radfahrer auch die "Rote Kavallerie der Arbeiterarmee“. Sogar der Gesangverein, ein eher unpolitischer Zusammenschluss älterer Herren, nahm an vielen Sängerfesten der Arbeiterbewegung etwa in Stuttgart oder Breslau teil.

Solche Unternehmungen waren durchaus mit großem finanziellem und zeitlichem Aufwand verbunden, den die Bodelshäuser "Arbeiterbauern“ nur schwerlich erbringen konnten, da sie neben der Fabrikarbeit auch noch eine Landwirtschaft betrieben. Gerade deshalb ist es sehr erstaunlich, über welch' großen Aktionsradius die Mitglieder der Arbeiterbewegung verfügten. Selbstverständlich informierten sie sich, welche Filme die "Freie Presse“, die damalige Reutlinger Arbeiterzeitung, in den dortigen Kinos empfahl.

Vom Vorsitzenden des Tunvereins wurde ihnen ein Besuch des Films "Im Westen nichts Neues“ besonders ans Herz gelegt. Auch die nur unzureichenden Zugverbindungen hinderten viele nicht an einem Besuch, obwohl die Fahrt zum Film länger als der Film selbst dauerte. Um ihr proletarisches Bewusstsein zu demonstrieren, schien kein Weg zu weit.

Die Turner waren die reiselustigsten Bodelshäuser, da sie zu den politisch aktivsten Sozialdemokraten des Dorfes gehörten. Ihnen war es vor allem wichtig, Kontakt zu ihrer Dachorganisation, dem Arbeiter-Turn- und Sport-Bund zu halten, der seinen Sitz in Leipzig hatte. Als der Bund 1922 ein Schulungszentrum errichten wollte, waren die Bodelshäuser Turner von dieser Idee dermaßen überzeugt, dass "verschiedene Mitglieder gleich höhere Beträge spendeten.“ Zur Einweihung der Schule entsandten sie 1926 ihren Vorsitzenden Robert Gutbrod, der begeistert berichtete: "Die Einweihung ging glänzend vonstatten und war wieder ein neuer Beweis der aufwärts strebenden Arbeiter-Turn- und Sportbewegung.

Aber nicht nur Vorsitzende nahmen an den Veranstaltungen des Bundes teil, auch andere Vereinsmitglieder machten sich auf die Reise: So fuhren 1929 sieben Bodelshäuser zum Arbeiter-Turnfest nach Nürnberg und am Sportfest in Ulm nahm sogar die gesamte Fußballabteilung teil.

Im Frühjahr 1930 fuhr der Nachfolger Gutbrods, August Steinhilber, zu einem Verwaltungskurs nach Leipzig. Dort lernte er nicht nur, wie man einen Verein zu leiten habe, wichtiger war die agitatorische und politische Schulung, die er dort erhielt. Von dieser Reise profitierte die gesamte Bodelshäuser Arbeiterbewegung: Im folgenden Winter hielt er im Ort Referate zu Verhütungsfragen, so genannte "sexuelle Vorträge“. Gerade in Arbeiterkreisen war dieses Thema von hoher Brisanz, weil eine große Kinderschar für sie hohe Kosten und Belastungen bedeutete.

Außerdem brachte Steinhilber von dieser Reise eine neue Kunstform ins Dorf: Zur Weihnachtsfeier 1931 ließ er einen Spechchor aufführen. Leider ist der Text dieses Stücks verloren gegangen, so dass wir nicht wissen, was sich hinter dem emphatischen Titel "Jugend: Vergangenheit und Gegenwart der deutsch-nationalen Kriegspropaganda im Verhältnis zu uns!“ verbirgt.

Der Höhepunkt des Engagements der Bodelshäuser sollte aber noch folgen: 1931 nahmen Gottlieb Steinhilber und Gottfried Rieker an der Roten Arbeiterolympiade in Wien teil. Um die Fahrt trotz der widrigen Zeitumstände mitten in der Weltwirtschaftskrise zu ermöglichen, mussten alle Kräfte mobilisiert werden. Aus der Vereinskasse erhielten "die WienFahrer“ eine Unterstützung von "10 Mark“, womit sich die Reise natürlich nicht finanzieren ließ. Deshalb blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Strecke nach Wien — immerhin über 800 Kilometer— auf dem Fahrrad und mit der roten Vereinsfahne im Gepäck zurückzulegen.

Die Arbeiterolympiaden waren vom erweiterten Ideal des olympischen Gedankens geprägt und umfassten sportliche, politische und kulturelle Veranstaltungen. Im Gegensatz zu den "offiziellen“ Spielen stand hier der Wettkampfgedanke nicht im Vordergrund, obwohl es die Arbeitersportler durchaus mit den bürgerlichen Olympioniken hätten aufnehmen können.

Im Stadion wurde vielmehr Brüderlichkeit und internationale Solidarität demonstriert, deren überwältigende Überschwenglichkeit ein englischer Korrespondent in folgende Worte fasste: "Auf den Spielfeldern von Eton können Kriege gewonnen werden, aber der Friede wird nur auf den demokratischen Sportfeldern der Intenationalen Arbeiter-Olympiade errungen.“

Während der Veranstaltung wurde sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Sportler nicht nur in den jeweiligen Spezialdisziplinen ihr Können zeigten, sondern sich auch an Massenübungen, Massenpyramiden, dramatischen Vorführungen und Sprechchören beteiligten. Spätestens zur Schlussfeier, als im Stadion "Die Internationale“ intoniert wurde — "ein jeder in seiner Sprache und gerade im Zusammenklang ein machtvoller Chor“ — sahen sich Steinhilber und Rieker nicht nur als Repräsentanten eines provinziellen Arbeitervereins, sondern als ein unverzichtbares Element dieser internationalen Bewegung.

Man kann sich also leicht vorstellen, welche Bedeutung die Bodelshäuser Arbeiterbewegung für die Menschen im Dorf hatte. Eine ganze Generation wuchs "im Verein“ auf und erhielt hier ihre politische Sozialisation. Für sie bedeutete das Engagement im Verein eine ungeheure Erweiterung ihrer Erfahrungsmöglichkeiten. Die internationale Arbeiterbewegung stellte für sie keine leere Ideolo-gie, sondern eine lebendige und neue Wirklichkeit dar.

Mit ihrer Hilfe hatten sie eine Weltoffenheit erlangt, die man in der schwäbischen Provinz nicht vermuten würde. Auch in ihrer Gedankenwelt war nichts mehr von der ursprünglichen Enge des bäuerlichen Lebens zu spüren. Wie in den Städten und Industriezentren richtete die selbstorganisierte Arbeiterschaft eine eigene Bibliothek ein, hielt Vorträge zu wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen und veranstaltete alljährlich eine kämpferische Maifeier. In Bodelshausen fand der Aufbruch in eine neue Welt statt.

Die Arbeiterbewegung öffnete den dörflichen Horizont
Aktive des Arbeiter-Turn- und Sportvereins Bodelshausen 1907. Aus diesem Verein gingen später der VfB und die TSG hervor.

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12.07.2000, 12:00 Uhr

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