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Ruggerichtsprotokolle künden von mangelhafter Armenfürsorge

Die Armenhäuser überfüllt

Von der mangelhaften Armenfürsorge im Königreich Württemberg des 19. Jahrhunderts künden die Ruggerichtsprotokolle im Mössinger Stadtarchiv. Archivarin Franziska Blum hat für uns hineingeschaut und ein paar interessante Einträge gefunden.

18.01.2012
  • Franziska Blum

Mössingen. Im Jahre 1856 wurde vor dem Mössinger Ruggericht die Beschwerde vorgebracht, dass sich im Belsener Armenhaus „Leute befinden, die arbeitsfähig seien“. Das Ruggericht war in der Zeit des Königreichs Württemberg eine jährliche Bürgerversammlung, bei der die jungen Männer der Gemeinde in das württembergische Staatsbürgerrecht aufgenommen und Anliegen der Einwohner gehört wurden.

1856 waren es 25 Mössinger und zwölf Belsener „Jünglinge“ im Alter von 16 bis 19 Jahren, die den Erbhuldigungseid auf König Wilhelm I. ablegten. Anschließend trugen Einwohner vor dem Gremium ihre Wünsche und Beschwerden sowie vermeintliche „Gebrechen der öffentlichen Verwaltung“ vor.

Die Armenhäuser überfüllt
Auf dem Bucheinband kleben Postmarken, denn dieses Ruggerichts-Rezessbuch wurde zwischen Rottenburg und Mössingen hin- und hergeschickt.

Das Ruggerichtsgremium setzte sich aus dem von Rottenburg angereisten Oberamtmann sowie dem örtlichen Gemeinderat und Bürgerausschuss zusammen. Es ließ das Gehörte in der Regel protokollieren und Verbesserungen anordnen. Während das Protokollbuch im Rottenburger Oberamt aufbewahrt wurde, verblieb die Abschrift im sogenannten Ruggerichtsrezessbuch in Mössingen, wo auch alle späteren Maßnahmen zur Mängelbeseitigung notiert wurden.

Für deren Nachweis bei der oberen Verwaltungsbehörde wurde das Rezessbuch von Zeit zu Zeit geschnürt und nach Rottenburg gesandt. Das im Stadtarchiv Mössingen aufbewahrte Exemplar weist deshalb auf dem Buchdeckel noch entsprechende Postmarken auf.

Der Beschwerde über die unrechtmäßig im Armenhaus Belsen Wohnenden wurde nachgegangen. Ebenso sollten sämtliche Fälle von bettelnden Kindern, die in Belsen zu beobachten waren, zur Anzeige kommen. Die Not in den Steinlachgemeinden war sehr groß, und die Armenhäuser waren überfüllt.

Der im Realteilungsgebiet Württemberg über Generationen unter den Nachkommen aufgeteilte Grundbesitz reichte für viele Einwohner kaum mehr zum Überleben. Viele Familien wählten deshalb den Weg der Auswanderung. Allein zwischen 1804 und 1842 verließen 71 Mössinger Familien ihre Heimat in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Südrussland.

Die Armenhäuser überfüllt
Hier, in dem Haus direkt neben der Geschäftsstelle des Steinlach-Boten, war früher das Mössinger Armenhaus untergebracht. So sah es in den 1920er-Jahren aus – damals war es das Gasthaus Zum Kreuz.

Nicht wenige in der Heimat Verbliebene traf das Schicksal der Armut. Für deren Versorgung und Unterbringung unterhielt die Gemeinde Armenhäuser. Die Gemeindebauakten geben Aufschluss, dass 1828 das alte Armenhaus am Mössinger Fritzenrain erneuert und vergrößert werden sollte. Anfang der 1830er Jahre kaufte die Gemeinde zudem das ehemalige Wirtshaus zur „Goldenen Traube“ (heute: Falltorstraße 62), um es bis 1844 als Armenhaus zu nutzen.

Einige Jahre zuvor hatte man im neu gebauten Belsener Gemeindehaus Arme untergebracht. Die Armenhäuser werden in den zeitgenössischen Akten häufig als überfüllt und in schlechtem baulichen Zustand beschrieben. So wurde 1856 der Boden im „unteren kleinen Armenhaus“ in Mössingen als „ganz schadhaft“ bezeichnet. Man beklagte zudem, dass es durch seine abgelegene Lage der „nötigen Aufsicht“ entzogen war. Die Gemeinde ließ es wieder herrichten und unter Polizeiaufsicht stellen.

Um den Zuständen im Belsener Armenhaus entgegen zu wirken, ordnete das Ruggericht an, „ohne Verzug Alle aus solchem zu entfernen, die sich ihr Unterkommen selbst verschaffen können“. Doch das Vorgehen war erschwert, „da Einzelne mit der Krätze behaftet“ waren. Um weitere Ansteckungen zu vermeiden, beauftragte man einen Arzt, alle Armenhausbewohner zu untersuchen und zu behandeln. In einem weiteren Schritt wurde sogar ein eigenes Haus für Krätzekranke eingerichtet.

Die Rügegerichte oder Ruggerichte gehen zurück auf das strafrechtliche Rügeverfahren des fränkischen Rechts, bei dem nicht der Geschädigte selbst (meist in Mordfällen), sondern ein von der Herrschaft vereidigter Rügegeschworener oder Rügezeuge als Ankläger auftrat; sie sind damit indirekte Vorläufer des heutigen Strafrechts.

Im Königreich Württemberg wurden unter der Bezeichnung Ruggericht regelmäßige Bürgerversammlungen einberufen, auf denen Beschwerden der Bürger über die Amtsführung der Verwaltung vorgebracht werden konnten. So konnten zum Beispiel Straftaten innerhalb der Exekutive aufgedeckt und Verwaltungsstrukturen verbessert werden.aus Wikipedia

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18.01.2012, 12:00 Uhr

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