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Musical

Die Bachelorette schmachet „Wehrlos“

Eine fragwürdige Geschichte, aber „Die Päpstin“ im Theaterhaus Stuttgart bietet ein Star-Ensemble auf.

05.03.2018

Von CHRISTOPH A. SCHMIDBERGER

Anna Hofbauer ist als Päpstin zu erleben. Foto: alexwolfanger.com

Stuttgart. Donna W. Cross´ historischer Roman „Die Päpstin“ ist eine multimediale Erfolgsgeschichte: Was als Bestseller auf dem deutschen Buchmarkt begann, wurde 2009 von Sönke Wortmann erfolgreich fürs Kino adaptiert und zwei Jahre später in einer erweiterten Fassung ins Fernsehen gebracht. Zur selben Zeit wurde in Fulda der Stoff erstmals als Musical umgesetzt.

Eine Neuinszenierung dieser Produktion durch Benjamin Sahler feierte nun vor mehr als 1000 Besuchern im Theaterhaus Stuttgart eine gelungene Premiere. Gelungen vor allem deshalb, weil ein Starensembles der Musical-Szene stark auftrat, allen voran Anna Hofbauer in der Titelrolle, die einem breiten TV-Publikum auch als „Bachelorette“ oder als Siegerin der Tanzshow „Stepping Out“ bekannt ist. Sie sang sich an der Seite ihres Bühnenpartners Jan Ammann mit Schmachtfetzen wie „Wehrlos“ in die Herzen des Publikums. Als Gerold, die heimliche Liebschaft des weiblichen Papstes, sorgte Ammann für Gefühlswallungen bei den weiblichen Gästen, die lautstark applaudierten.

Uwe Kröger spielte mit Würde und Eleganz den Gelehrten Aeskulapius; ihm als Antagonist auf Augenhöhe begegnete „Falco“-Darsteller Alexander Kerbst in der Rolle des schurkischen Arsenius, der seinen missratenen Sohn, Kardinal Anastasius, mit allen Mitteln auf den päpstlichen Thron bringen möchte. Christopher Brose sammelte in dieser Rolle trotz aalglatter Widerwärtigkeit Sympathiepunkte: Der Bombast-Rock von „Zum Ruhme der Familie“ bereitete ihm die passende Bühne dafür.

Der überzeugende Cast ist einen Besuch des Theaterhaus wert (Aufführungen noch heute und am Dienstag). Das kann man von der Bühnen-Story leider nicht behaupten. Die krankt, wie schon die Romanvorlage, an einem fragwürdigen Mittelalterbild, das in politisierender Weise den wichtigen und wünschenswerten Gender-Diskurs des 21. Jahrhunderts ahistorisch auf die Welt des frühen Mittelalters überträgt. Ob man nun der wackeligen These vom weiblichen Papst Johannes Angelicus, eine Legendenbildung um den historischen Johannes VIII., folgen mag oder nicht, spielt für diese Einschätzung keine Rolle. Johanna ist im Grunde eine moderne junge Frau, die sich dem Rollenbild nicht unterordnen möchte.

Sie gerät in der mit stimmungsvollen Bildern, aber spärlichen Kulissen erzählten Handlung mit dezentem Gruselfaktor (gregorianische Mönchsgesänge, Normannenüberfall im Nebel) in eine Situation, in der sie gerade nicht eine Existenz als selbstbestimmte Frau führen kann, sondern als Papst in Rom eine Lüge leben muss, die ein tragisches Ende findet. „Die Päpstin“ ist hochprofessionelle Kolportage mit Unterhaltungsgarantie und Gefühl – das Gefühl für die Epoche ist nicht vorhanden. Christoph A. Schmidberger

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Erstellt:
5. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
5. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. März 2018, 06:00 Uhr

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