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Die Bachnersche Brauerei und das „Waldhörnle“
Fuhrmanns-Gasthof mit schlagendem Erfolg

Die Bachnersche Brauerei und das „Waldhörnle“

Eine einsame Kelter stand abgelegen am Fuße der Derendinger Weinberge, durch einen Pfad mit der staubigen Hauptstraße im Steinlachtal verbunden. Diese „Schweizer Straße“, die heutige B 27, war schon vor 200 Jahren eine der Hauptverkehrsadern Württembergs. Post- und Reisekutschen nahmen diesen Weg, um von Stuttgart bis nach Schaffhausen zu gelangen. Die Geschichte des Gasthofs „Waldhörnle“ beginnt genau hier, im Jahre 1800.

10.02.2007
  • Eike Freese

Damals erwarb der Wirt des Derendinger „Ochsen“, Johann Jakob Röhm, den kaum genutzten Platz mit der überaus günstigen Lage. Auf der „Schweizer Straße“, die 1790 ins Steinlachtal verlegt und zur Chaussee ausgebaut wurde, war auch schon in jenen Jahren viel Verkehr.

Schon früh wollte der Ochsen-Wirt eine Gastwirtschaft einrichten. Der Ortskern von Derendingen, wo Röhm früher gewirtschaftet hatte, lag damals nämlich weit abseits der belebten Straße und profitierte nur wenig vom regen Verkehr. Die örtlichen Gastwirtschaften dämmerten vor sich hin.

Einfacher Kutschen-Stop

Erst im Jahre 1807 konnte Röhm den Bau der erträumten Gaststätte endlich in Angriff nehmen: So lange musste er warten, bis sich der Krieg und die politischen Unruhen um Napoleon in der weiteren Region so weit gelegt hatten, dass das Schultheißenamt Derendingen eine neue Wirtschaft genehmigte. Röhm konzipierte das „Waldhörnle“ als einfachen Fuhrmanns-Gasthof.

Schon bald liefen die Geschäfte der neuen Post- und Raststation. Spätestens ab 1815 braute Röhm hier auch sein eigenes Bier. Noch aber reichte die Produktion nicht für die Lieferung über Derendingens Ortsgrenzen hinaus: Nur in den großen Gasträumen, die Röhm mehrmals erweiterte, wurde das Bier in den folgenden Jahren frisch ausgeschenkt – nach Röhms Tod im Jahre 1819 von zahlreichen verschiedenen Wirten. Das „Waldhörnle“ hatte sich da schon längst einen Namen gemacht als ein „am häufigsten besuchter Ausflugsort der Inwohner von Tübingen“, wie ein städtisches Schriftstück aus jener Zeit vermerkt. Regelmäßig wurde das verdiente Geld in den florierenden Betrieb reinvestiert, der Garten erweitert und das Gasthofs-Gebäude ausgebaut.

Begehrtes Bachner-Bier

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts übernahm Franz Bachner die Kesselräume und die Wirtschaft und legte den Grundstein für seine beliebte Brauerei. Bachner verstand etwas vom Bier. Innerhalb von wenigen Jahren war der süffige Gerstensaft aus Derendingen weit über die Grenzen Tübingens hinaus bekannt geworden – und das riesige „Waldhörnle“ war der Stolz der Stadt. Viele Kneipen in Tübingen und auch der Region schenkten das Bachner-Bier aus.

1867 wurde im Sudhaus ein großer, moderner Dampfkessel eingerichtet. Im beliebten Biergarten und in den riesigen Sälen auf zwei Stockwerken tummelten sich nun bevorzugt die Studenten der schlagenden Verbindungen. Das Obergeschoss des „Waldhörnle“ wurde zum Austragungsort von Mensurgefechten und rüden Besäufnissen. Im nahen Wald gab es einen Fechtplatz für Duelle. Eine zeitgenössische Chronik beschreibt die Wirtschaft als „Schauplatz mancher Heldenthaten der akademischen Jugend.“ Die blutenden Gesichter konnten sich die Jungakademiker im wirtshauseigenen „Flickraum“ vom „Paukarzt“ wieder zusammennähen lassen. Die studentischen Zusammenkünfte sind bis in die 1930er Jahre hinein verbrieft.

Tübingens größte Kneipe

Zu dieser Zeit hatte Derendingen schon etwa 1500 Einwohner. Fünf Wirtschaften sorgten für das leibliche Wohl der Einwohner. Das „Waldhörnle“ mit seiner Kegelbahn war mit Abstand die größte. Ein lauschiger Biergarten gehörte zu dieser Zeit zur Wirtschaft und zur Brauerei. Japanisch anmutende Pagoden luden die Besucher zum Verweilen ein.

Eine Arbeitsordnung aus dem Jahre 1902 beschreibt den schweißtreibenden Alltag der Beschäftigten der Bachnerschen Brauerei, Wochenenden eingeschlossen: Morgens um fünf Uhr begann das Geschäft mit dem Bier. Abends um sieben war für die Brauer, Maschinisten und Heizer Feierabend. Bis dahin hatten die Mitarbeiter gerade einmal drei kurze Pausen. Immerhin bekamen die Angestellten neben ihrem Gehalt auch flüssigen Lohn: Stolze sechs Liter Bier durfte jeder Arbeiter über den Tag zur freien Verfügung halten. Am Sonntag waren es drei Liter.

1927 erwarb der Trossinger Friedrich Keck das Lokal. Bald schon richtete der gelernte Koch mehrere Fremdenzimmer ein, um vom Reiseverkehr der heutigen B 27 zu profitieren. Die vier Schlafräume im „Waldhörnle“ waren in den folgenden Jahren gut belegt. Aus Kecks Zapfhähnen floss weiterhin das Bier aus Derendingen. Nur der Name hatte sich geändert: Aus der „Bachnerschen Brauerei“ wurde die „Vereinigte Brauereien Stuttgart-Tübingen, Filiale Waldhörnle“ und schließlich die „Brauerei zum Waldhörnle Robert Woerner“.

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Friedrich Keck aufgrund seiner Verbindungen zu den Nazis interniert. Die französische Besatzungsmacht beschlagnahmte schon bald das Lokal mit den riesigen Räumen. Im schön gelegenen „Waldhörnle“ wurde ein Erholungsheim für französische Kinder eingerichtet, das meistens „voll belegt“ war, wie eine Akte vermerkt.

Lukratives Kaufobjekt

In dieser Zeit bewarben sich zahlreiche Interessenten um das Lokal, das nominell noch dem abwesenden Friedrich Keck gehörte. Finanziell potente Bieter aus ganz Württemberg wiesen ihre Nicht-Mitgliedschaft in Nazi-Organisationen nach und versuchten den Kauf. Das „Waldhörnle“ mit seinem politisch in Ungnade gefallenen Wirt erschien als lukratives Schnäppchen.

Es war aber der heimgekehrte, als „Mitläufer“ eingestufte Friedrich Keck, der im Jahre 1949 das Lokal wieder eröffnete. Über vierzig Jahre stand unter der Ägide der Kecks die Wirtschaft für Ausflügler und Reisende offen. Das „Waldhörnle“ wurde wieder lebendig. Dass ein damaliger Filmstar wie Inge Meisel in der Derendinger Wirtschaft einkehrte, zeigt: Das „Waldhörnle“ hatte sich wieder als respektable Institution in Tübingen etabliert.

Der angenehme Garten-Charme des „Waldhörnle“ ging allerdings im Laufe der Jahrzehnte immer mehr verloren. Die ehemalige „Schweizer Straße“ war zur lärmenden B 27 geworden. Wo früher noch Kutschen fuhren, dröhnte jetzt der Fernverkehr. Den ansässigen Tübingern, die speziell am Wochenende Erholung suchten, gefiel das „Waldhörnle“ immer weniger.

Heute spielt in den einstigen Brauereigebäuden wieder die Musik, im wahrsten Sinne des Wortes. Jung und alt treffen sich in den Bars des „soziokulturellen Zentrums“, das auf den Namen „Sudhaus“ hört. Das ehemalige Gebäude der Gastwirtschaft „Waldhörnle“ verfällt. Die seit Jahren leerstehende Ruine des Wirtshauses wurde vom letzten Wirt, Karl Keck, im Jahre 1990 auf Abriss an die Trans-Contor Betriebs-GmbH verkauft. Das „Sudhaus“ dagegen hat sich längst als renommierter Veranstaltungsort in der Region etabliert. Auch einen Biergarten gibt es wieder. Aber der liegt weiter hinten im Wald, wo der Straßenlärm nicht hinreicht.

Die Bachnersche Brauerei und das „Waldhörnle“
Die idyllische Lage am Waldrand und die gute Anbindung an die belebte Schweizer Straße machten das „Waldhörnle“ so attraktiv

Die Bachnersche Brauerei und das „Waldhörnle“
Der Gasthof „Waldhörnle“ im Jahre 1904, fotografiert von Paul Sinner. Asiatisch inspirierte Pagoden (im Hintergrund rechts) schmückten die Frontseite des Geländes. Bis etwa 1935 schlugen sich Verbindungen im lokaleigenen „Pauksälchen“ (kleine Bilder unten links).

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10.02.2007, 12:00 Uhr

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