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„Die Baustellen sind mir das Liebste“
Armin Petras inszeniert im Opernhaus. Foto: Fabian Schellhorn
Interview

„Die Baustellen sind mir das Liebste“

Stuttgarts Schauspielchef Armin Petras inszeniert nebenan im Opernhaus jetzt Operette.

28.11.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. Sein Büro oben im 3. Stock des Schauspielhauses ist ein kleines Kabuff mit einer Auswahl abgenutzter Stühle aus der Requiste. Auf einem Holztischchen liegt ein Laptop. Mehr benötigt Armin Petras offenbar nicht. Jeans, Jeansjacke, graue Wollmütze: Der 52-Jährige passt perfekt ins brechtische Klischee linker Theatermacher. Und das in Stuttgart? Gerade hat der nicht unumstrittene Intendant erklärt, dass er das Staatstheater 2018 vorzeitig verlassen werde, aus „persönlichen und familiären Gründen“. Ein Interview morgens um 10 sei für einen Theatermenschen, der nicht vor eins ins Bett komme, früh, aber dann spricht er so offen wie gut gelaunt über seine Arbeit. In Basel hat Petras schon Oper inszeniert, Janaceks „Katja Kabanowa“, jetzt bringt er in Stuttgart, gegenüber bei den Kollegen, im feinen Opernhaus, Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ mit dem höllischen Can-Can heraus.

Der Schauspielchef macht auf komische Oper?

Armin Petras: Wir haben lustige Stücke auch bei uns, den „Raub der Sabinerinnen“ zum Beispiel, dagegen ist nichts zu sagen. Wir leben in einer Zeit, die so lustig nicht ist. Operette ist so etwas wie Schockbefreiung: Alle Probleme werden reingeschmissen, aber nicht so ernst genommen, der Alltag wird angehalten, man lacht sich kaputt über die Idioten, und wenn man wieder rausgeht, sind die Muskeln lockerer.

„Orpheus in der Unterwelt“ ist eine Satire aus dem Paris der Mitte des 19. Jahrhunderts und nimmt das saturiert bürgerliche Zweite Kaiserreich Napoleons III. schmissig aufs Korn. Wie lässt sich die Geschichte in unsere Zeit transportieren?

Auch in Stuttgart gibt es die besseren Fünftausend, die auf der halben Höhe wohnen und sich zutiefst langweilen. Weil ich an sozialen Themen interessiert bin, kommt Eurydike aus der Arbeiterklasse und nimmt schon im Vorspiel die erste Stufe zur bürgerlichen Gesellschaft: Ein Professor verliebt sich in sie. Eine fantastische Idee der Librettisten ist der Betriebsausflug der Götter in die Hölle. Die Unterwelt ist bei uns eine Ecstasy-Party in einer Art Techno-Club der 90er Jahre. Da ist Eurydike nahe an ihrer proletarischen Welt, sie bleibt eine Priesterin des Bacchus und ist zuständig dafür, die Drogen zu verteilen.

Im Musiktheater redet aber auch noch der Dirigent ein gewichtiges Wort mit.

Mit jemandem wie Sylvain Cambreling habe ich noch nie zusammengearbeitet, da kann ich mich nur bis zum Boden verneigen: ob der Kenntnis, der Kollegialität, der Heiterkeit einem unerfahrenen Opernregisseur gegenüber. Und er ist in fast jeder Probe dabei. „Maestro“, sage ich, „gehen Sie doch mal in die Kantine.“ „Nein, nein“, entgegnet er: „Ich bin interessiert daran, was Du machst.“ Großartig!

Und die Sänger?

Das hätte ich nicht erwartet, dass sie gerne heitere Muse machen. Ich hatte eher gedacht, sie empfinden das, als würden sie abgeschoben. Im Gegenteil, sie sagen: Endlich mal Operette!

Die Öffentliche Meinung spielt eine wichtige Rolle in Jacques Offenbachs Operette. Sie haben als Schauspielchef auch so Ihre Erfahrungen mit der Presse gemacht.

Das kann man wohl sagen, aber es gibt in meiner Inszenierung keinerlei Anspielungen gegenüber der Stuttgarter Presse. Das wäre albern. Ich habe Texte von Karl Kraus genommen für die Figur der Öffentlichen Meinung. Es ist absolut erstaunlich, welche radikale Kraft die Presse schon zu Offenbachs Zeiten in Paris hatte. Der Komponist hat sehr darunter gelitten, aber trotz einer wahnsinnig schlechten Kritik nach der Uraufführung wurde „Orpheus in der Unterwelt“ ein Kassenschlager.

Sie haben eine eigene Fassung geschrieben?

Ja, die Dialoge. Die Songs sind geblieben.

Sie sagen salopp „Songs“?

Ich habe extra den Maestro gefragt, und Cambreling entgegnete: „Das darfst Du machen, ich nenne es Couplets.“

Prallen verschiedene Kulturen aufeinander, wenn der Schauspielchef, der auf Rock steht, im Opernhaus Regie führt?

Ich habe es vom ersten Tag an genossen, in der Kantine zierliche Tänzerinnen zu sehen mit verrenkten Füßen auf dem Tisch und daneben zwei Meter große Bassisten. Der Teppich im Opernhaus, die ernsten Menschen – und bei uns die herumrennenden und ewig schreienden jungen Schauspieler. Das Stuttgarter Dreispartenhaus führt verschiedene Kulturen zusammen, das ist fantastisch. Ich bedaure nur, dass wir in nicht mehr Produktionen zusammengearbeitet haben.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Es ist ein täglicher Kulturkampf, aber man kann's auch positiv sehen: dass einem eigentlich so Marginalem wie dem Theater eine derartige Bedeutung zugemessen wird. Wichtig ist, dass man weiß, woher der Angriff kommt, am schlimmsten sind anonyme Blogger im Netz. Bei einem Gerhard Stadelmaier von der FAZ, der mich 15 Jahre lang verrissen hat, wusste ich, er liebt Peter Stein, Andrea Breth und die Schaubühne, damit ist er aufgewachsen, das findet er gut, das verteidigt er. Sowieso ist mir ein Journalist, der mich verreißt, lieber als ein schweigender Börsenbericht.

Wie sind die Reaktionen auf die Ankündigung ausgefallen, Ihren Vertrag als Stuttgarter Schauspielintendant aus persönlichen und familiären Gründen 2018 vorzeitig zu kündigen?

Sehr unterschiedlich in der Presse, zwischen „vielen Dank und auf Wiedersehen“ und großem Bedauern. Die Fakten sagen doch, dass wir sehr erfolgreich sind, zweimal eingeladen wurden zum Berliner Theatertreffen in drei Jahren; auch zu den Mülheimer Theatertagen. Die kleinen Spielstätten sind fast immer ausverkauft. Herausforderungen gibt's im Schauspielhaus bei Aufführungen, die anders sind.

Als Sie nach Stuttgart kamen, sagten Sie, das sei die Ihnen „fremdeste Stadt“ in Deutschland. Hat sich das geändert?

Aber ja: Ich habe Stuttgart kennengelernt! (lacht) Die Baustellen sind mir das Liebste, aber die Autobahn, die durch die Stadt geht, hasse ich – und dass sich niemand für den wunderbaren Fluss, den Neckar, interessiert.

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28.11.2016, 06:00 Uhr

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