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Hans-Jörg Stemmlers Erinnerung an die Luftangriffe

Die Brücke am Stauwehr

Am 21. April 1944 fielen Bomben auf Tübingen. Sie sollten wohl den Güterbahnhof und die Hindenburg-Kaserne treffen. Ein Foto im TAGBLATT erinnerte einen Tübinger an seine Erlebnisse.

20.06.2011
  • Michael Sturm

Tübingen. Die Schaffhausenstraße lag im Abwurfgebiet der Flieger, einige Wohnhäuser wurden zerstört und die Straße war nach dem Angriff wegen der Bombenkrater unpassierbar.

„Wir hatten eine Kleiderordnung“, erinnert sich Stemmler. Bei Fliegeralarm musste man sich so schnell wie möglich im Dunkeln ankleiden und in den Keller fliehen.

Die Brücke am Stauwehr
Auf diesem kürzlich im TAGBLATT veröffentlichten Zeitzeugnis-Foto von der Neckargasse vor dem zerstörten Uhlandhaus erkannte sich Hans-Jörg Stemmler. Es war März 1944, und er ist der Junge mit dem Schulranzen. Sein Freund rechts neben ihm wohnte in der Gartenstadt.

„Die Luftmine kam um die Mittagszeit herunter“, erinnert sich Hans-Jörg Stemmler, dessen Vater, der über Tübingen hinaus bekannte Gärtnermeister Alfons Stemmler, im Jahr zuvor an der Ostfront gefallen war. Hans Jörg Stemmler, damals sieben, wuchs in der Schaffhausenstraße 35 auf. Bei einem Luftangriff drei Tage zuvor war das Dreifamilienhaus in Mitleidenschaft gezogen worden. In der Straße wurden später 87 Tote gezählt. Der Krankenwagen kam über die von Bombenkratern übersäte Straße nicht hindurch. Stemmler überlebte mit Teilen der Familie im Keller. „Daraufhin bekamen wir die Erlaubnis, uns bei weiteren Angriffen in den Bunker in der Gartenstraße flüchten zu können.“

Stemmler hatte allerdings ein Problem: Weil er der Brücke über das Stauwehr misstraute („Ich hatte eine richtige Phobie“) nahm er stets den langen Umweg über die Eberhards-Brücke in Kauf.

Die Brücke am Stauwehr
Hans-Jörg Stemmler.

Bei einem späteren Angriff im Frühjahr 1945, laut Stemmler „zehn, zwölf Tage vor Kriegsende“, reichte die Zeit dafür allerdings nicht mehr. An diesem Tag hatte er seinen Cousin Manfred in Obhut, den er im Kinderwagen vor sich her schob. In der Bismarckstraße hörte er die Jagdbomber kommen. „Ich habe das Kind aus dem Wagen geschnappt und bin zum Neckar runter.“

Zunächst versteckte er sich dort auf der Höhe des Rudervereins „Fidelia“ unter einem Stocherkahn. Die Brücke musste er aber trotz aller Ängste überqueren, „obwohl ich nicht wollte. Links war das Wasser tief, rechts war die Gischt.“ Er steckte das Baby zurück in den Wagen und rannte so schnell drüber, wie er konnte. Als er etwa zur Hälfte drüber war, kamen Tiefflieger. Dennoch erreichte er mit dem Kind noch rechtzeitig den Bunker.

Die Brücke am Stauwehr
Frühjahr 1945 vor der Schaffhausenstraße 35 Hans-Jörg Stemmler (links) und sein Bruder Wilfried (rechts) mit einem Nachbarsjungen, der mit Nachnamen Fischer hieß. Bild: privat

Der Grund der Bombardierung waren die Versorgungszüge, die am Güterbahnhof auf ihre Abfahrt an die Westfront warteten. Die wurden nach dem Angriff geplündert, denn es waren Lebensmittel darin, unter anderem Zucker und große Büchsen mit Mehl. Als Stemmler ein paar Tage später nochmal nachschaute, ob noch etwas zu finden war, stieß er auf einen einzigen Karton. Mit dessen Inhalt habe er überhaupt nichts anfangen können: Es handelte sich um Damenbinden.

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20.06.2011, 12:00 Uhr

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