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Die „Bürgerinitiative Dettenhausen“ droht kirchlichen Veranstaltern eines Vortrags
Seit Dienstag hängen diese Plakate in Dettenhausen, aufgehängt von einem „Freundeskreis Mehr Demokratie, unterstützt durch die Bürgerinitiative Dettenhausen“. Privatbild
Rechte machen gegen Friedensdekade mobil

Die „Bürgerinitiative Dettenhausen“ droht kirchlichen Veranstaltern eines Vortrags

Seit Monaten tauchen in Dettenhausen immer wieder Aufkleber und Transparente mit fremdenfeindlichen Sprüchen auf. Auch Hakenkreuze wurden schon geklebt. Seit einem Jahr diffamiert im Internet eine anonyme „Bürgerinitiative Dettenhausen“ unter dem Motto „Keine Asylbetrüger in unserer Gemeinde“ gegen Geflüchtete und ihre Unterstützer.

11.11.2016
  • Uschi Hahn

Auf ihrer Homepage findet sich auch ein Aufruf zum „Tag der Deutschen Arbeit“ am 1. Mai 2017 in Halle. In dem Text wird unter anderem der Propaganda-Minister des Dritten Reichs Joseph Goebbels zitiert und der „rigorose Kampf der Nationalsozialisten gegen das Pestgeschwür Kapitalismus“ hervorgehoben. „Für uns als nationale Sozialisten gilt es auch in Zukunft den Protest gegen die herrschende kapitalistische Ausbeuterpolitik auf die Straße zu tragen“, heißt es dort weiter.

Unverhohlen rechtsextremistisches Gedankengut also. Und Grund genug für das „Forum für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung der Evangelischen und Katholischen Kirchengemeinde“ im Zuge der diesjährigen Friedensdekade den Tübinger Journalisten und Rechstextremismus-Experten Lucius Teidelbaum nach Dettenhausen einzuladen. Doch nun ist fraglich, ob dessen Vortrag über „Rechte Umtriebe im Ländle – auch in Dettenhausen?“ am kommenden Mittwoch stattfinden wird.

Am vergangenen Montag postete die „Bürgerinitiative“ unter der Überschrift „Kirche ruft zur politischen Verfolgung auf“ einen Beitrag, in dem den Vortrags-Veranstaltern Hetze „gegen politisch Andersdenkende“ und der „Aufruf zur politischen Verfolgung“ vorgeworfen wird. Teidelbaum, der seit Jahren in Vorträgen und Büchern über die Strukturen der Neuen Rechten aufklärt, wird als „Hassprediger“ diffamiert, sein geplanter Vortrag im evangelischen Gemeindehaus als „linksextremistische Hetz-Veranstaltung unter dem Deckmantel der Kirche“ bezeichnet.

Und damit nicht genug. Die Anhänger der Initiative werden aufgefordert, sich „gut zu merken“, wer an der Veranstaltung teilnehme. Am Ende dann die offene Drohung: Man werde „diesen antidemokratischen Bestrebungen der Kirchengemeinde Dettenhausen nicht tatenlos zusehen“.

Im Netz machten diese Einschüchterungsversuche die Runde. Auf Facebook wurde der Eintrag bis gestern Nachmittag
von drei rechten Initiativen geteilt, dem „Grenzgänger Neckar-Alb Schönbuch“, dem „Patriotischen Freundeskreis Stuttgart“ und der Gruppe „Ohmenhausen sagt Nein“.

Auch der Staatsschutz schaute hin. Nach einem ersten Telefonat trafen sich am gestrigen Donnerstagmorgen Polizeivertreter mit den kirchlichen Veranstaltern und Dettenhausens Bürgermeister Thomas Engesser im Dettenhäuser Rathaus. Die Polizei habe „vor einer erhöhten Gefahrenlage“ an dem Abend gewarnt, sagt Dettenhausens evangelischer Pfarrer Martin Kreuser. Als Reaktion auf die Mobilmachung der Rechten sei auch damit zu rechnen, dass Leute aus dem linken Spektrum zu dem Vortrag kämen. Die Dettenhäuser Friedensaktivisten hat das kalt erwischt. „Ich habe mit ein bisschen Turbulenzen gerechnet“, sagt Kreuser, „aber nicht damit.“

Jetzt sind die Veranstalter vom ökumenischen „Forum für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ ratlos. Einerseits wolle man den Rechten im Ort nicht das Feld überlassen, so Stefan Dipper. Andererseits, so der 77-Jährige, sei es vor dem Hintergrund vielleicht besser, die Veranstaltung zu verschieben und in einem größeren Rahmen mit Teilnehmern aus verschiedenen politischen Parteien nachzuholen, so ein Vorschlag des Bürgermeisters. Entschieden war gestern bis Redaktionsschluss noch nichts.

Die Polizei hält sich bedeckt. „Es liegt am Veranstalter, ob er das durchführt“, sagt der Reutlinger Polizeisprecher Josef Hönes, „wir wären auf jeden Fall vorbereitet.“ Man werde aber „erst einschreiten, wenn es Probleme gibt“. Die Polizei sei „nicht präventiv einfach da“, betonte Hönes.

Dass die rechte Szene keinen Gefallen an der in Dettenhausen geplanten Aufklärung über ihre Machenschaften hat, wundert den Polizeisprecher nicht. „Der macht das provozierend. Der ist ein gefundenes Fressen für die Rechten“, sagt Hönes über den Referenten Lucius Teidelbaum.

Der extremen Rechten auf der Spur

Lucius Teidelbaum, Jahrgang 1984, ist Historiker und recherchiert als Journalist seit Jahren auf dem Gebiet der extremen Rechten. In diesem Jahr erschien sein Buch über „Pegida – die neue deutschnationale Welle auf der Straße“.

In etlichen Vorträge hat er sich unter anderem mit Burschenschaftern, aber auch mit den Kontakten des NSU in den Südwesten beschäftigt.

„Noch nie“, sagt Teidelbaum, sei eine seiner Veranstaltungen von Rechten gesprengt worden. Es sei aber schon so „dass diese Leute gerade Oberwasser haben“.

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11.11.2016, 01:00 Uhr

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