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„Die CSU wollte die Natur betonieren“
Anton Hofreiter, der Co-Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, ist besorgt, weil die Klimapolitik seiner Ansicht nach ins Hintertreffen geraten ist. Foto: Imago/Inga Kjer
Grüne

„Die CSU wollte die Natur betonieren“

Für den Co-Fraktionschef und bekennenden Bayer Anton Hofreiter gehören Heimat und Umweltschutz zusammen – anders als für die Regierungspartei, sagt er.

27.03.2018
  • MICHAEL GABEL UND DOROTHEE TOREBKO

Berlin. Anton Hofreiter ist Co-Fraktionschef der Grünen, ein gebürtiger Bayer – und er steht in seiner Partei für den linken Flügel. Er macht sich dafür stark, die blaue Plakette einzuführen und Dieselfahrzeuge zu Lasten der Hersteller nachzurüsten. Das sagte der 48-jährige Bundestagsabgeordnete im Interview.

Die neue Regierung ist holprig gestartet. Sie streitet über den Islam und Hartz IV. Wird man da als Opposition noch wahrgenommen?

Anton Hofreiter: Alle drei Regierungsparteien sind mit sich selbst beschäftigt. Die Union ist gespalten in einen Merkel-Flügel und einen Spahn-Flügel, bei der CSU gibt es einen populistischen Überbietungswettbewerb zwischen Söder und Seehofer, und die SPD befindet sich noch in der Selbstfindungsphase. Da muss Oppositionsarbeit ansetzen. Die Opposition muss die Bundesregierung darauf hinweisen, dass sie Verantwortung für dieses Land hat und dass sie endlich dieses Land vernünftig regieren soll.

Mit der Regierung streiten Sie über die Einführung der blauen Plakette für Dieselfahrzeuge. Viele müssten dann ihre Fahrzeuge nachrüsten. Trifft die Plakette nicht die Falschen?

Wir fordern die blaue Plakette und die Nachrüstung dreckiger Dieselautos. Die Kosten der Nachrüstung der Fahrzeuge muss aber selbstverständlich die Autoindustrie übernehmen, und nicht die Bürgerinnen und Bürger.

Wird sich das Problem nicht von alleine lösen, wenn nur noch saubere Diesel hergestellt werden?

Ich glaube nicht, dass sich in den stark betroffenen Städten das Problem innerhalb weniger Jahre von alleine löst. Die Hauptursache für die dreckige Luft sind die normalen Diesel-Pkw. Moderne Diesel-Pkw produzieren mehr Stickstoffdioxid als Lkws und Busse. Wir fordern die Nachrüstung ja nicht, weil wir die Autoindustrie ärgern wollen, sondern es geht um die Gesundheit vieler Menschen. Und es geht insbesondere um die Gesundheit von Menschen mit geringem Einkommen, weil diese oft an den vielbefahrenen Straßen leben, wo die Mieten am niedrigsten sind.

Ein Schattendasein führt die Klimapolitik. Als Grüne könnten Sie doch eigentlich froh sein, dass Ihnen bei diesem Thema keiner Konkurrenz macht.

Nein, ich bin nicht froh. Weil man ohne Klimaschutz die Lebensgrundlagen von uns allen gefährdet. Es macht mir als Bürger und Biologe wirklich Sorgen, dass sich die Klimakrise noch deutlich schneller vertieft, als man das noch vor Kurzem dachte. Deshalb wird das einer der Punkte sein, bei dem wir massiven Druck auf die Bundesregierung ausüben werden.

Wie sehr bedauern Sie es, dass Sie nicht selbst das Regierungshandeln mitbestimmen könne, weil eine „Jamaika“-Koalition geplatzt ist?

Wir wären bereit gewesen, Regierungsverantwortung zu übernehmen, aber es ist nicht so gekommen. Jetzt werden wir aus der Opposition heraus die Regierung bei vielen Themen in unsere Richtung drücken.

Oder sind Sie froh, dass Sie nicht mit einem Minister Horst Seehofer zusammenarbeiten müssen?

Es wäre sicher schwierig geworden, aber man kann es auch so sehen: Wir hätten viel grüne Politik umsetzen können. Für Klimaschutz, für soziale Gerechtigkeit und für ein starkes Europa.

Seehofer ist auch Heimatminister. Wie definieren Sie Heimat?

Für mich ist Heimat da, wo ich herkomme. Die CSU war in Bayern übrigens immer der schärfste Gegner unserer Heimat. Sie wollte die Natur betonieren, sie in Gewerbegebiete verwandeln, die Flüsse in Kanäle verwandeln und die Täler in Autobahnen. Dazu kommt, dass ein Heimatbegriff für uns nur inklusiv sein kann. Das heißt, dass alle dazugehören, die vor Ort sind, auch die, die zugezogen und zugewandert sind.

Bedauern Sie, dass nicht Sie auf die Idee mit dem Heimatministerium gekommen sind?

Heimat ist etwas Regionales. Aber auf Bundesebene mit Herrn Seehofer hat man eher den Eindruck, dass er aus seinem Ministerium ein Heimatmuseum machen wird. Mit seinen Äußerungen zum Islam hat er vielen Menschen die Heimat abgesprochen und damit genau das Gegenteil von dem gemacht, was er eigentlich machen müsste: Den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken.

Die Grünen möchten dagegen alle Menschen ansprechen. Gilt das auch für AfD-Wähler?

Man muss versuchen, die Menschen von der Demokratie zu überzeugen. Ich möchte aber nicht Wähler dadurch gewinnen, dass ich diskriminierenden und fremdenfeindlichen Ansichten hinterherlaufe, sondern mit unserer sozialen, ökologischen und weltoffenen Haltung.

Wie wollen die Grünen die Menschen wieder von der Demokratie überzeugen?

Ich war vor kurzem in Duisburg. Da bieten die Grünen auch in den schwierigsten Stadtteilen mit einem hohen Anteil von AfD-Wählern für jeden eine Sozialberatung an. Sie helfen beim Ausfüllen von Anträgen zu Hartz IV und Wohnungsgeld. Das ist mühevolle, harte Beratungsleistung und Überzeugungsarbeit im Detail. Aber sie lohnt sich.

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27.03.2018, 06:00 Uhr

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