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Die Dekadenz Europas
Botschafter in Berlin: Andrzej Przyłebski.. Foto: F. Maedje Foto: F. Maedje
Interview

Die Dekadenz Europas

Eine starke EU Ist im Interesse Polens. Kulturelle Einmischung lehnt der Botschafter in Berlin, Andrzej Przyłebski, aber ab.

20.12.2016
  • DIETRICH SCHRÖDER

Berlin. Der Kulturphilosoph Andrzej Przyłebski wurde von der polnischen Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) vor einigen Monaten zum Botschafter in Berlin ernannt.

Herr Botschafter, Sie kennen Deutschland seit Langem.

Das stimmt. 1987 kam ich zu einem Sprach- und Kulturkurs nach Heidelberg. Später konnte ich als Forschungsstipendiat der Humboldt-Stiftung an der dortigen Universität arbeiten und lebte mit meiner Familie zwei Jahre in Deutschland. Unsere beiden Söhne sind hier aufgewachsen. Einer von ihnen arbeitet heute als Vertreter eines polnischen Unternehmens in Deutschland.

Trotzdem kann man in Aufsätzen, die Sie als Professor in Posen verfasst haben, von der Gefahr lesen, dass Deutschland die EU oder auch Polen dominieren würde.

Wissen Sie, als Kulturphilosoph bin ich skeptisch gegenüber gewissen Entwicklungen in Europa, die zwar nicht vorrangig von Deutschland ausgehen, an denen sich Deutschland aber beteiligt. Mit Kollegen aus Ungarn, Tschechien und der Slowakei sprechen wir oft über die Dekadenz der westlichen Kultur. Wir warnen davor aus Sorge um die Zukunft Europas.

Es gibt einen Widerspruch zwischen der großen Zustimmung der polnischen Bevölkerung zur EU und der Kritik Ihrer Regierung an der EU.

Ein starkes Europa liegt ganz klar im polnischen Interesse. Doch die EU muss sich nach dem Brexit und der Euro-Krise besinnen. Eine Grundregel sollte sein, dass Brüssel nur in solche Fragen eingreift, die die einzelnen Nationalstaaten nicht regeln können. Das wären gewisse Sicherheitsfragen, der Kampf gegen den Terrorismus oder auch gemeinsame wirtschaftliche Regeln. Aber nicht Fragen von Kultur und gesellschaftlichen Traditionen. Ungarn hat kürzlich in seiner Verfassung die Ehe als Verbindung von Mann und Frau definiert. Ich kann die Empörung, die das ausgelöst hat, nicht verstehen. Denn damit wird niemand bedroht, auch nicht Homosexuelle, die ja ihre Verbindungen haben können, welche man aber nicht als Familien anerkennen sollte. Wenn man das in Deutschland will, ist das auch okay. Wir protestieren nicht dagegen, würden aber protestieren, wenn uns so eine Moral aufgedrängt werden sollte. Man sollte beispielsweise auch akzeptieren, dass ein Verfassungsgericht in Polen eine andere Rolle hat als etwa ein Verfassungsgericht in Deutschland oder Frankreich. Es gibt nicht das ideale Verfassungsgericht. In dieser Frage wird Kritik von der EU an Polen geübt, die ohne Kenntnis der polnischen Verfassung erfolgt.

Die vielen Demonstrationen in Ihrem Land zeigen doch aber, dass auch viele Polen selbst mit der Politik der Regierung nicht einverstanden sind. Sie brauchen keinen Oberlehrer Jaros?aw Kaczynski, der ihnen in jeder Situation vorschreibt, wie man leben sollte.

Es stimmt, dass es eine Spaltung in der Gesellschaft gibt. Aber nicht in zwei Hälften. Ich würde eher sagen, dass sich vielleicht ein Viertel der Bevölkerung an die neuen Verhältnisse gewöhnen muss. Das Problem unseres Landes nach 1989 war einfach, dass wir die vollständige Befreiung der Gesellschaft vom Kommunismus nicht erreicht haben. Eine Gruppe von Ex-Kommunisten, die nach der Wende viele Privilegien hatte, ist mit den Veränderungen jetzt unzufrieden. Das ist zumindest ein Teil der jetzt Demonstrierenden.

Aber der Runde Tisch galt doch gerade als Errungenschaft Polens. Ist es nicht tragisch, wie etwa die Ikone Lech Wałesa jetzt kritisiert wird?

Für mich war Wałesa seinerzeit auch ein Held. Aber wenn jetzt aus Dokumenten hervorgeht, dass er mehrere Personen verraten hat, dann sollte er ein Held bleiben und sich zurückziehen. Doch er ist jetzt ein Anführer der Opposition. Zum Runden Tisch: Ja, das war ein Erfolg und in dieser Situation vielleicht die einzig mögliche Lösung. Aber nach ein paar Jahren hätte man den faulen Kompromiss mit den Kommunisten beenden sollen. Weil viele alte Funktionäre, Bankdirektoren oder Geheimdienstleute übernommen wurden, gab es keine Gerechtigkeit. Jetzt kommt endlich eine Regierung für die Menschen, die auf Gerechtigkeit gewartet haben.

In der Uckermark gibt es Orte, in denen die Grundschule auch deshalb noch existiert, weil sich polnische Familien angesiedelt haben. Würden Sie das als ideales Europa betrachten?

Das ist sicher eine Lösung, von der beide Seiten profitieren. Aber ich finde es auch bedauerlich, dass so viele Menschen aus Ostdeutschland abwandern und deshalb die Dörfer leer werden. Gut ist natürlich, wenn polnische Kinder zweisprachig aufwachsen und so zum Verständnis zwischen unseren Ländern beitragen.

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20.12.2016, 06:00 Uhr

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