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Schauerballaden von Kegelbrüdern: Die Roigel-Kegelbahn wurde schon von Mörike besungen

Die Denkmalstiftung bezuschusst die Instandsetzung

Vermutlich hat schon Eduard Mörike seinerzeit am Fuße der Tübinger Schlossmauer gekegelt. Immerhin existiert die Kegelbahn im Garten des Roigelhauses bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts. Damals stand dort anstelle des Roigelhauses allerdings noch die ehemalige Schlossküferei. Die Kegelbahn wird derzeit saniert.

13.07.2015
  • Angelika Bachmann

Mancher Tübinger hat hier als Bub Sommerfeste verbracht und, lange bevor es allerorten Bowling-Bahnen gab, sein Glück im Kegeln versucht. Und Glück brauchte man tatsächlich. Denn die Betonbahn, auf der die Kugeln rollten, war bereits in den 60er Jahren alles andere als ebenmäßig. „Das war Kegeln mit Schlaglöchern“, erinnert sich der langjährige Hauswart der Königsgesellschaft Roigel, Dietrich Gradmann.

Für den Bestand der historischen Kegelbahn im Garten des Roigelhauses weitaus gefährdender als der löchrige Untergrund war freilich, dass das Gebälk der Überdachung an vielen Stellen morsch und ein beträchtlicher Teil der Ziegel kaputt waren. Die Kegelbahn musste deshalb saniert werden, wollte man nicht riskieren, dass künftigen Keglern irgendwann das Dach auf den Kopf fällt.

Eigentümer der Kegelbahn ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Tübinger Königsgesellschaft Roigel. Sie hat das Areal der alten Schlossküferei unterhalb des Schlossportals zur Jahrhundertwende gekauft. Im Garten der Küferei war wohl schon Mitte des 18. Jahrhunderts eine Schankwirtschaft samt Kegelbahn eingerichtet worden. Die Küferei wurde Anfang des 20. Jahrhundert abgerissen. Auf dem Fundament bauten die Roigel ein Veranstaltungshaus, das heute noch rege genutzt wird.

Während von der alten Schlossküferei deshalb nur noch Bilder zeugen, ist das Ensemble im Garten noch weitgehend so erhalten, wie es vor mehr als 200 Jahren entstanden ist: Entlang der nördlichen Schlossmauer erstreckt sich eine überdachte Kegelbahn. Diese endet an einem Verhau am Rande des Gartengrundstücks, dem ehemaligen Schweinestall. Der Beginn der Kegelbahn, dort wo die Kugeln abgeworfen werden, wird von einem auf Säulen stehenden Gartenhäuschen überdacht.

Die Balken wurden auf dem Neckar geflößt

Bevor die Handwerker anrückten, haben die Denkmalpfleger des Tübinger Regierungspräsidiums den Esslinger Bauforscher Markus Numberger und den Tübinger Mittelalterhistoriker Tilmann Marstaller damit beauftragt, die Geschichte und den Bestand des Bauwerks zu dokumentieren. Dendrochronologische Untersuchungen haben jetzt ergeben, dass die Bauhölzer für das Gartenhaus und die Kegelbahn im Jahr 1781 geschlagen wurden, und zwar sehr wahrscheinlich im Schwarzwald. Die Balken weisen triangelförmige sogenannte Wiedlöcher auf – typische Merkmale von Hölzern, die auf dem Neckar geflößt wurden. Renoviert wurde die Bahn dann ein erstes Mal 1813. Bilder aus dieser Zeit zeigen die Bahn weitestgehend so, wie sie heute ist. Und wie sie erhalten werden soll. Dafür sind aber rund 45 000 Euro notwendig – allein für die Instandhaltung, sagt Gradmann. Das Denkmalamt übernimmt 9000 Euro, die Denkmalstiftung Baden-Württemberg gibt ebenfalls 9000 Euro. Damit wird das Gartenhäuschen wieder auf solide Stelzen gestellt.

Die Stube in diesem Gartenhäuschen, von der man einen grandiosen Ausblick über Tübingen hat, wurde von den Studenten seit mehr als hundert Jahre als Feststube genutzt und trägt den Namen „Villa Rattenkull“. Der Name geht zurück auf einen Roigel namens Kull, der Anfang des 20. Jahrhunderts ins Gartenhäuschen eingezogen sein soll. Eine Schauerballade erzählt dessen Geschichte und lässt dabei offen, ob er nur unter Ratten gehaust, ob er diese verzehrt oder ob er gar selbst von diesen aufgefressen wurde.

Balladen gibt es im Roigelhaus oft zu hören. So passt es auch, dass einer der Säulenheiligen des Hauses, Eduard Mörike, dereinst das Anwesen in Reimform gewürdigt hat. Der einstige Stiftler muss selbst wohl öfters in der Gastwirtschaft der alten Schlossküferei gesessen haben, wo das eine oder andere Viertele die Entstehung von „Des Schlossküpers Geister zu Tübingen“ (1838) inspiriert haben dürfte:

Ins alten Schloßwirts Garten

Da klingt schon viele Jahr kein Glas

Kein Kegel fällt, keine Karten,

Wächst aber schön langes Gras.

Ich mutterseelalleine

Setzt mich an einen langen Tisch;

Der Schloßwirt regt die Beine,

vom Roten bringt er frisch.

Und läßt sich zu mir nieder;

Von alten Zeiten redt man viel,

Man seufzet hin und wieder;

Der Schöpplein wird kein Ziel. (…)

Was der Schlosswirt dann zu erzählen hat, von „Studiosen aus der Zopf- und Puderzeit“ und vom Schoppenkönig, der im Gewölbe des Schlosskellers zu Grabe getragen wird, ist irgendwo zwischen Zauberlehrling und der Legende von König Barbarossa angesiedelt. Und passt auch irgendwie zu der Königsgesellschaft Roigel, die es zu Mörikes Zeiten ja noch gar nicht gab, die sich aber auch heute noch gern, das Weinglas in der einen, das Balladenbuch in der anderen Hand, selbst auf die Schippe nimmt. Im Roigel-Haus bevorzuge man das „verbale Fechten“ sagt Gradmann.

Unterm Dach der Villa Rattenkull haben die Handwerker, als sie dieser Tage die Ziegel abnahmen, übrigens etwas gefunden, von dem die Roigel gar nicht mehr wussten, dass es überhaupt noch existiert. Denn der Zugang zu diesem Dachgeschoss war seit irgendeiner Renovierung dicht gemacht. Dort lagen Gipsabgüsse der Figuren, die an der Fassade des Roigel-Hauses die Burgsteige überblicken: Fuchs, Kater, Sau und Eule. Gezeichnet sind die Abdrücke mit dem Namen „Kiemlen“. Der Bildhauer Emil Kiemlen habe im Stuttgarter Raum zahlreiche Brunnen und Statuen gestaltet, so Gradmann. Über die Verbindung zum Roigel-Haus sei aber bislang nichts bekannt.

Die Denkmalstiftung bezuschusst die Instandsetzung
An die nördliche Schlossmauer von Hohentübingen schmiegt sich die denkmalgeschützte Kegelbahn der Königsgesellschaft Roigel. Das morsche Gebälk wird derzeit saniert und stellenweise ersetzt. Bild: Markus Numberger

Die Denkmalstiftung bezuschusst die Instandsetzung
Früher mussten die Roigel die Kegel von Hand aufstellen. In den 70er Jahren wurde ein Automat eingebaut, den man aus einer Gaststätte aufgekauft hat. Bild: Metz

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13.07.2015, 12:00 Uhr

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