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Post aus Polen

Die Deutschen und ihre Vorurteile

Post aus Polen schickt Tobias Zug – unser Sportredakteur berichtet in loser Reihenfolge über seine Eindrücke von der Fußball-Europameisterschaft.

22.06.2012
  • Tobias Zug

Halbzeit bei der Fußball-Europameisterschaft. Und die Euphorie ist abgeflacht: Den Polska-Schal konnte ich am Dienstag am selben Stand, wo er die Woche zuvor noch 40 Zloty gekostet hat, am Dienstag für 25 kaufen (umgerechnet etwa sechs Euro). Die Zeitungen suchen täglich nach Schuldigen für das Ausscheiden und nach einem neuen Nationalcoach, die Menschen nach Teams, die sie jetzt unterstützen – das Übliche hier nach Turnieren, wie mir eine polnische Freundin versicherte. Manche hielten es noch mit dem Co-Gastgeber Ukraine, generell sind die südeuropäischen Teams wie Spanien oder Italien bei den Polen hoch im Kurs. Zu den Deutschen haben viele angesichts der Historie ein eher distanziertes, aber doch respektvolles Verhältnis, das sich in den vergangenen Jahren merklich gebessert hat. Auch wenn die meisten das tradierte Bild der Deutschen mit ihren Sekundärtugenden haben: diszipliniert, ordnungsliebend, pünktlich. Für die polnische Freundin brach im Vorjahr ein regelrechtes Weltbild zusammen, als sie mit einem Regionalexpress der Deutschen Bahn verspätet in Nürnberg ankam. Vorgestern klingelte es an der Tür bei der Familie, bei der ich wohne. Da stand ein etwa dreißigjähriger, kaugummikauender Mann mit Basecap auf dem Kopf und einer Packung Toilettenpapier in der Hand. Mit den paar Brocken Polnisch versuchte ich ihm zu erklären, dass ich nix verstehe, weil ich Deutscher sei. „Ah, Niemcy”, erwiderte der – und mimte mit seinem rechten Fuß einen Schuss. Die Deutschen spielen den besten Fußball bei der EM, sagte er. Und drückte mir ein Prospekt in die Hand. Ich begriff erst später, dass es hier Firmen gibt, die Klopapier und WC-Reiniger auf Bestellung frei Haus liefern.

Polen ist für die meisten Deutschen immer noch unbekannt, ein Großteil war noch nie im Nachbarland. Um deshalb mal mit dem größten Klischee aufzuräumen: In bisher drei Aufenthalten in Polen habe ich noch von keinem einzigen Autodiebstahl gehört. Im Gegenteil: Ich habe schon den Geldbeutel, das Handy und auch mal nur einen Kugelschreiber in der Bahn und Restaurant liegen lassen – fast kein Wunder bei einer dicken Fotoapparatur-Truhe, mit der ein polnischer Freund und ich bei meist schwülem Wetter durch die Austragungsorte latschen mussten, zwei Kabeltrommeln, zwei Klappstühlen, die Hosentaschen voll mit zwei Handys, Schlüsseln, Mediengepäck von der Uefa. Wir merkten den Verlust immer erst, als jemand hinter uns herrannte, um uns die verlorenen Gegenstände zurückzugeben.

Die Deutschen und ihre Vorurteile

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22.06.2012, 12:00 Uhr

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