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Stadt arbeitet Geschichte auf

Die Ehrenbürgerbürde - Entscheidung vertagt

Zur Geschichte Tübingens gehören auch Ehrenbürger, die der Auszeichnung heute nicht mehr für würdig gehalten werden. Ob sie aus der Liste gestrichen werden, bleibt vorerst offen. Einig waren sich die Verwaltung und die Fraktionen des Kulturausschusses am Donnerstag aber, dass konkret etwas zur Aufarbeitung getan werden muss.

30.06.2012
  • Gernot Stegert

Tübingen. Lang hat es gedauert, doch jetzt stellt sich die Stadt der NS-Vergangenheit einiger ihrer Ehrenbürger und wird tätig. Die Fraktionen im Kulturausschuss waren zufrieden mit einer Vorlage der Verwaltung. Die sieht Folgendes vor: In einem ersten Schritt schreibt Stadtarchivar Udo Rauch bis Ende des Jahres einen Aufsatz über die Ehrenbürgerliste, um diese zu erklären und einzuordnen.

Ferner werden aufklärende Informationen zur Schuld des Philosophen Theodor Haering im Schaukasten des Haering-Hauses veröffentlicht. Das geht schneller als das Anbringen einer Tafel. Außerdem bereitet das Stadtmuseum bis zum Jahr 2014 eine Ausstellung zu den Ehrenbürgern vor.

In einem zweiten Schritt soll die Rolle des langjährigen Oberbürgermeisters Hans Gmelin im Nationalsozialismus erforscht werden. Zwar sind die Vorwürfe der Mitwirkung an Kriegsverbrechen in der Slowakei bekannt, aber eine wissenschaftliche Untersuchung wird bei Gmelin noch vermisst. Im Unterschied zu Haering und Adolf Scheef, Oberbürgermeister aus der NS-Zeit.

Ebenfalls im zweiten Schritt sollen die Opfer des Nationalsozialismus geehrt werden. Nicht durch Aufnahme in die Ehrenbürgerliste, sondern beispielsweise durch Umbenennung von Straßennamen und begleitende Informationsveranstaltungen.

Vor allem in den beiden Punkten des zweiten Schrittes soll die Verwaltung noch Zahlen und Zeitpläne nachliefern. Das Thema kommt dann in der ersten Sitzung des Kulturausschusses nach der Sommerpause wieder auf die Tagesordnung. Bis dahin bleibt auch die strittige Frage offen, ob die Stadt eventuelle Unehrenbürger aus ihrer Liste streicht.

In der sehr sachlichen und ungewöhnlich einmütigen Debatte im Ausschuss zeichneten sich zur Streichung zwar unterschiedliche Positionen ab. Doch wurde auch deutlich, dass es für alle Stadträte gar nicht der wichtigste Punkt ist. Ohnehin wäre ein Tilgen aus einer Liste nur ein symbolischer Akt, weil die Ehrenbürgerwürde bereits mit dem Tod erloschen ist. Einhellig wurde am meisten Wert auf die öffentliche Aufklärung und auf Zeichen wie die Umbenennung von Straßen gelegt.

Für ein „symbolisches Aberkennen“ der Ehrenbürgerwürde sprach sich Bruno Gebhart-Pietzsch (AL/Grüne) aus. Er forderte die Verwaltung auf, „zügig weiter zu machen“. „Wir können Geschichte nicht abschaffen“, erklärte dagegen Albrecht Kühn (CDU). Widerspruch erntete er, als er eine Information am Haering-Haus ablehnte, solange es der Stadt gehöre: „Wir müssen das Haus weiterverschenken.“ Worauf Anton Brenner (Linke) meinte, das Geschenk des Philosophen an die Stadt sei ohnehin ein „Deal zwischen Gmelin und Haering gewesen: Haus gegen Ehrenbürgerschaft“.

Dorothea Kliche-Behnke (SPD) berichtete, dass eine Entziehung der Ehrenbürgerwürde in ihrer Fraktion kontrovers diskutiert wurde, aber nur eine Person dagegen sei. Auch sie forderte eine historische Einordnung der Liste und die Umbenennung von Straßennamen. „Wir sind einen Schritt weiter“, freute sich Kurt Sütterlin (FDP), vor allem der Stolperstein Gmelin sei ausgeräumt. Auch Brenner lobte die Vorlage der Stadt, bedauerte aber, „dass es bis heute fünf Jahre gedauert hat“. Er mahnte mehr Tempo bei Schritt zwei an und forderte vor allem, die Opfer stärker zu berücksichtigen.

Oberbürgermeister Boris Palmer stellte gegen Ende zufrieden fest: „Wir sind uns einig im Zweck“ der Aufarbeitung und Aufklärung, wenn auch noch „uneinig in einzelnen Mitteln.“ Der Grundkonsens mache ihn „gelassen“. Konkret versprach er, die Arbeit bis zur nächsten Ausschusssitzung voranzutreiben: „Was gewünscht wurde, habe ich zugesagt.“

Vertagt hat der Kulturausschuss aus Zeitgründen ein zweites historisches Thema: die Form des Gedenkens an die Mitglieder des Gemeinderats, die 1933 ihr Amt verloren haben.

Die Ehrenbürgerbürde - Entscheidung vertagt
Zwei mit Vergangenheit: Oberbürgermeister Hans Gmelin 1957 bei der Verabschiedung von Theodor Haering aus dem Gemeinderat.


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