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Ganz Unten

Die Ente, das Meer, der Mensch als Nudel

Auf der Neckarinsel fasste ich mir ein Herz und sprach sie an, ich sagte: „Eigentlich seltsam, dass wir von der Neckarinsel, den Fidschiinseln, den Faröer Inseln sprechen oder vielleicht noch von England, wenn wir ‚Die Insel‘ sagen. Dabei ist auch Australien eine Insel. Auch Afrika, jedenfalls seit es den Suezkanal gibt.“ „Af-ri-ka“ wiederholte ich und blickte ihr tief in die Augen.

05.11.2012
  • Peter Ertle

„Schon mal gehört?“

„Kwak“, sagte die Ente.

„Streng genommen“, fuhr ich fort, „ist noch das größte zusammenhängende Land auf dem Globus eine Insel, man kann immer irgendwie auf dem Wasserweg drumrum, auch wenn’s noch so lang dauert, umgekehrt nicht: Kein durchgehender Landweg führt um den Indischen oder den Atlantischen oder den Pazifischen Ozean. Ja, das ist schon was anderes als der Neckar oder der Anlagensee, meine Liebe.“

Die Ente plusterte sich kurz auf und hockte sich wieder hin.

Ich sagte: „Du hast ja keine Ahnung, wie viel Wasser es auf der Welt gibt. Statt Erde oder Erdball müsste es eigentlich Meer oder Meerball heißen. Das ist nicht wie das halbvolle oder halbleere Wasserglas. Auf der Erdoberfläche stehen 70,7 Prozent Wasser 29,3 Prozent Festland gegenüber, ist dir das klar?“

Der Ente wurde es ungemütlich, sie watschelte los, ich folgte, ich sprach: „Auch der menschliche Körper enthält zwischen 60 und 70 Prozent Wasser. Und 150 bis 300 Gramm Salz. Man probiere nur mal Tränen oder Schweiß: Meerwasserkonzentration. Ich weiß ja nicht, wie das bei dir ist. Deine Talgdrüse zum Einfetten ist doch sicher auch ein bisschen salzig, oder?“

Die Ente fühlte sich nun offensichtlich massiv bedroht, sie flatterte ein paar Mal mit den Flügeln auf und ab, stieß ein viergliedrig-langgedehntes Kwaaaak-kwak-kwak-kwak aus und trippelte schneller davon, Richtung Wasser.

Aber ich war noch nicht fertig. Ich sprach weiter: „Wir tragen die 37 Grad Celsius aus dem Urmeer immer noch als Körpertemperatur in uns herum, du sogar ein paar Grad mehr. Man kann sagen: Jeder Mensch eine Welt in sich, also jeder Mensch viel Meer, vermutlich auch jede Ente, du schwimmst ja sogar noch. Aber lass dir gesagt sein: Wir schwimmen auch im Leben, auch wenn wir uns immer den Anschein geben, alles fest im Griff zu haben.“

Ich machte eine Kunstpause, um die Wirkung meiner überraschend ins Metaphorische und Sprichwörtliche wechselnden Worte zu verfolgen, aber die Ente schien keinerlei Sinn dafür zu haben, sie hob bereits ab. Ich rief noch hinterher: „Gut, auch die Nudel schwimmt im Salzwasser und kommt deshalb nicht auf die Idee, eine innere Wesensverbindung zum Meer herzustellen. Der Mensch ist eben eine Nudel, die denkt, Ente. Aber wer bist du?“

Weit draußen sah ich sie auf dem Fluss landen.

„Sinnlos“ murmelte ich, „völlig sinnlos“, und stieg die Treppen zur Neckarbrücke hoch.

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05.11.2012, 12:00 Uhr

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