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Neustart mit Torten am 1. September 2016

Die Entscheidung ist gefallen: Pfalzgraf Konditorei will nach der Brandkatastrophe wie ein Phönix aus der Asche neu aufbauen

Das Unternehmen Pfalzgraf wird weitermachen. Acht Wochen nach der Brandkatastrophe, bei der in einer Nacht der gesamte Betrieb, 20 000 Quadratmeter Produktionsfläche, zerstört wurden, sind in den letzten Tagen die wegweisenden Entscheidungen von der Besitzerfamilie getroffen worden. Gestern setzte Geschäftsführer Dirk Brünz eine Zielmarke: „In einem Jahr, am 1. September 2016, werden hier wieder die ersten Torten vom Band laufen!“

21.07.2015
  • Siegfried Schmidt

Pfalzgrafenweiler. Bewegte Tage zuletzt bei dem durch die Brandkatastrophe komplett außer Gefecht gesetzten Back-Großbetrieb, dem Marktführer in der Großkonditorei-Branche.

Am Mittwoch vergangener Woche haben die Gutachter und Brandexperten ihre Ermittlungen abgeschlossen und ihren Abschlussbericht präsentiert.

Die Gebäudebrandversicherung hat daraufhin die Absicht bekundet, den Brandschaden, der nach vorläufigen Schätzungen sich auf rund 40 Millionen Euro belaufen soll, zu regulieren und die Zeitwertsumme für Gebäude und Maschinen auszubezahlen.

Mit Vorliegen des Gutachtens der Brandursachenforscher und dem Versicherungsbescheid haben Unternehmensgründer Roland Brünz und der Inhaber/Gesellschafter Dirk Brünz die schwierige Entscheidung getroffen, die Pfalzgraf Konditorei am Standort Pfalzgrafenweiler schnellstmöglich wieder aufzubauen. In gut einem Jahr soll eine erste Backfabrikanlage bereits wieder in Betrieb gehen und Torten produzieren.

Gestern wurden die Mitarbeiter der durch den Brand zwangsweise beschäftigungslosen Belegschaft vom Firmenchef über den Wiederaufbau-Zeitplan, die produktions- und vertriebstechnischen Zwischenlösungen und über die „neuen Rahmenbedingungen“ des künftigen Werks Pfalzgraf im Rahmen einer Betriebsversammlung informiert. Kurz gefasst: Es wird, ja muss Veränderungen geben. Das Unternehmen Pfalzgraf wird zunächst in verkleinerter Form neu starten. Die Belegschaft kann nicht in ihrer gesamten Größe übernommen werden, es gibt betriebsbedingte Kündigungen und freiwilliges Ausscheiden, aber auch „faire finanzielle Abfindungen“.

Während die Hallen-Abbrucharbeiten gestern auf dem Pfalzgraf-Gelände weiterliefen, hatte Geschäftsführer Dirk Brünz eine riesige Halde an Informationen weiter zu tragen. In den letzten acht Wochen, seit der Schicksalsnacht, als 27 Jahre erfolgreiche Unternehmensentwicklung mit einem Mal ausgelöscht wurden, hatte der Firmenchef kaum eine ruhige Minute. Brünz hat jedoch die Tage und Stunden genutzt, um, wie er sagte, „die Katastrophe aufzuarbeiten“. Macht es Sinn weiterzumachen? Eine Vielzahl von Terminen musste absolviert werden, Gespräche mit Gutachtern, Versicherern, den Brandverlaufs-Ermittlern, dem engeren Führungskreis des Unternehmens, mit der Branchenkonkurrenz und den angestammten Firmenkunden hielten den Unternehmer beständig auf Trab. Für Dirk Brünz eine außergewöhnliche, ja schier unwirkliche Erfahrungszeit, doch „jeden Tag“ sei er in Sachen Entschlossenheit und wiedererstarkendem Glauben dabei „stabiler geworden“. Erklärte er gestern gegenüber der Presse.

Die Brandursache:

Die Brandermittler haben festgestellt, dass sich in einem Hohlraum des Neubaus BA II Rauchgas angesammelt haben muss. Wohl über Stunden. Wie diese Rauchgasansammlung entstehen konnte, ob durch technischen Defekt, durch Schweißarbeiten dort tätiger Handwerker oder andere Ursachen, ist unklar. Alles „verwertbare Material, so heißt es in dem Gutachtenbericht, ist durch den Großbrand vernichtet worden.

Diese Rauchgasmenge ist jedoch um 21.50 Uhr an jenem Schicksalsabend gewaltig explodiert – eine Überwachungskamera zeichnete den hellen Feuerschein auf – und setzte damit die Unglücks-Verkettung in Gang. Dirk Brünz: „Wenn das einen Tag vorher zur Spätschicht passiert wäre, hätte wir Opfer und Verletzte gehabt!“

Der Brandverlauf:

Weil der Neubau BA II, der erst eine Woche probegefahren wurde, lediglich durch eine hölzerne Staubwand vom benachbarten Fabrikteil (BA I, erstellt 2009) abgeschirmt war, konnte das Feuer rasch übergreifen. Die Brandmelder lösen unvermittelt aus, die Brandschutzklappen an den Wänden und im Dachbereich des Fabrikteils I öffnen sich, schaffen so Flucht- und Löschangriffsflächen, doch lassen auch Sauerstoff zuströmen. Ostwind treibt die Feuerwalze noch verstärkt dem Altbau, dem ältesten Betriebsteil zu, der schließlich auch nicht verschont bleibt. Eine Verkettung der Unglücksumstände: Weil die Pfalzgraf-Konditorei aus hygienischen Gründen geschlossene Räume und dichte, abgeschirmte Oberflächen generieren musste, werden die Kunststoff-Wände mit hinterlegten Dämmstoffen zur „hohen Brandlast“. Nur eins weiß Dirk Brünz seit das Gutachten erstellt und die Brandursachenforschung von der Kripo eingestellt ist: Gegen das Unternehmen und seine Geschäftsleitung werden keine Verwürfe aufgrund von Obliegenheitsverletzungen erhoben. Selbst jener Schweißarbeiter, der zuletzt im neuen Werk gewerkelt hat, war entfernt des Ortes, wo die Rauchgasbildung vonstatten ging. Brünz: „Ich bin sehr froh, dass ich niemand einen Vorwurf machen muss.“ Auch eine Sprinkleranlage, wie von Beobachtern immer wieder angemerkt, hätte laut Geschäftsführer „diesen Brand nicht verhindert“.

Die Entscheidung:

Als die Versicherung den positiven Bescheid erteilt, dass der Brandschaden reguliert und bezahlt wird, bleiben der Unternehmerfamilie zwei Möglichkeiten:

1. Die Eigentümer lassen sich die Summe für die Gebäude und die Maschinen nach Zeitwerthöhe ausbezahlen und beenden ihre Geschäftstätigkeit.

2. Sie nutzen die Versicherungssumme, um den Konditorei wieder neu aufzubauen.

Brünz gestern: „Mir war klar, dass, wenn uns keine Steine in den Weg gelegt werden, wir weiter machen werden.“ „Wir, d.h. mein Vater und ich, haben uns schnell entschieden und keine Sekunde gezögert und beschlossen, dass die Pfalzgraf Konditorei hier am Standort wieder aufgebaut wird.“ Ein Mittragen dieses Entschlusses durch den engen Führungskreis, den Prokuristen und die Entwickler, war allerdings maßgebend. „Ohne dieses Team würde es nicht klappen, aber alle haben ihre Absicht klar signalisiert!“ so Brünz.

Das neue Start-Konzept:

Die Pfalzgraf Konditorei bedient sich einer Übergangs- oder Zwischenlösung, bis ein neues Werk steht, und das neue Stammwerk wird in einer „kleineren Version“ den Neubeginn bestreiten.

Seit zwei Wochen lässt die Konditorei, die zuletzt einen Marktanteil deutschlandweit von 35 Prozent besessen hat (Marktführung), in vier externen Produktionsbetrieben ein „Übergangssortiment“ produzieren.

Das sind 15 sogenannte „Top-Artikel“ aus dem existierenden Produktprogramm mit vorwiegend gebackenen Kuchen wie der Gourmet Apfeltorte, Käsekuchen, Marmorkränzen und Blechkuchen. Denn die Marke Pfalzgraf „muss am Markt bestehen bleiben“ (Brünz). Dabei hat sich Pfalzgraf an die Rezepte der Produzenten/Konkurrenten angelehnt, man lässt aber durch eigene Mitarbeiter die Herstellung begleiten und kontrollieren.

Die externe Produktion der Pfalzgraf-Ware findet in Polen, Frankfurt, in Koblenz und bei Aachen statt. „Eine reine Übergangslösung“, betont Brünz nochmals.

Das Unternehmen ist entschlossen, „sehr schnell“ wieder aus eigener Kraft zu produzieren. Dazu wird ein kleinerer Baukörper auf dem Areal des zuletzt neuen BA II errichtet. Die Arbeiten dafür beginnen sofort, nachdem die umfangreichen Abbrucharbeiten der Brandruinen in ca. acht Wochen abgeschlossen sind. Beschleunigt werden die Aufbauarbeiten dadurch, dass ja grundlegende Pläne vorliegen und keine neuen Baugenehmigungen erforderlich werden. Außerdem haben fast alle angestammten Handwerker ihre Bereitschaft erklärt, zu alten Bedingungen zu arbeiten. So sind kaum Neuausschreibungen vonnöten.

Der alte Unternehmensteil wird übrigens weitgehend vollständig abgetragen. Dort wird eine großzügige Hofeinfahrt für die Rohware-Anlieferung entstehen.

Die Entscheidung ist gefallen: Pfalzgraf Konditorei will nach der Brandkatastrophe wie ein Phönix
Acht Wochen nach dem Katastrophenfall: Pfalzgraf-Geschäftsführer Dirk Brünz auf einer teilgeräumten Betriebsfläche. Im Hintergrund sein provisorisches Büro.

Die Entscheidung ist gefallen: Pfalzgraf Konditorei will nach der Brandkatastrophe wie ein Phönix
Unternehmer Dirk Brünz zeigt auf die Abbrucharbeiten und deutet an, was dort neu entstehen soll. Bilder: sis

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21.07.2015, 12:00 Uhr

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