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Ein Lehrstuhl ist (k)ein Leerstuhl

Die Evangelisch-theologische Fakultät hat ein Problem mit der Judaistik / Von Hans-Joachim Lang

22.04.2016

Das Theologicum der Eberhard-Karls-Universität in der Liebermeisterstraße Bild: Sommer

Ein Mathematiker muss kein Dreieck sein. Mit diesem Satz wurde Peter Schäfer schon öfter zitiert, wenn er sich mal wieder erklären musste. Denn Peter Schäfer ist einer der führenden Judaisten weltweit – und Katholik. Auf die Analogie mit dem Mathematiker und dem Dreieck ist nicht er gekommen, sondern Jacob Taubes. Taubes war 1966 der erste Judaistik-Ordinarius in Deutschland und er war Jude. Als Schäfer 1983 als dessen Nachfolger ans Institut für Judaistik an der Freien Universität Berlin berufen wurde, nahm ihn Taubes mit dem Bonmot gegen Kritiker in Schutz.

Dass ein Mathematiker kein Dreieck sein muss, passt im Grunde auf jeden Judaistik-Lehrstuhl. Man muss nicht Jude sein, um sich mit dem Fach Judaistik zu beschäftigen. Judaistik ist nach Selbstaussage des Verbandes der Judaisten in Deutschland „das wissenschaftliche, philologisch fundierte, kultur-, geschichts- und religionswissenschaftliche Forschung und Forschungsmethoden verbindende Studium des Judentums in allen seinen Erscheinungsformen: jüdische Religion, Geschichte, Kultur, Sprachen und Literaturen von der Antike bis zur Gegenwart“. Es ist eine penibel alle Winkel des Fachs ausleuchtende akademische Definition. Sie trifft auch auf die spezielle Ausprägung der Judaistik zu, wie sie in Tübingen angeboten wird: Zwar mit institutionellem Mittelpunkt im Institutum Judaicum an der Evangelisch-Theologischen Fakultät, gleichermaßen aber auf interfakultäre und interdisziplinäre Zusammenarbeit angelegt.

Diese Selbstvergewisserung hat eine externe Kommission aufgegriffen, als sie die im Bologna-Prozess geschaffenen Judaistik-Studiengänge mit Bachelor- und Master-Abschluss im Sommer 2011 akkreditierte. Ihr Prüfbericht ist im Internet veröffentlicht. Demnach wird die Judaistik auch in Tübingen als eine philologisch-historische Disziplin angeboten, die sich zwar als religionsbezogen versteht, aber als weltanschaulich neutral. Indem die Studiengänge im Zusammenwirken der Evangelisch-Theologischen mit der Philosophischen Fakultät eingerichtet wurden, soll sich erweisen: Die Tübinger Judaistik will nicht in die christlichen Theologien implantiert sein, sondern sieht diese als „Gegenüber“. Aber ist dieses Modell auch praxistauglich? Wie nah ist dieses „Gegenüber“ und welche Rolle spielt es bei der Besetzung eines Lehrstuhls, an dem Studiengänge angeboten werden müssen, deren Konstruktion auf Hochseilartistik angelegt ist?

Wer Judaistik lehrt, muss kein Jude sein. Aber ein Professor, der an der Universität Tübingen Judaistik lehrt, muss evangelisch sein. Das liegt daran, dass der Lehrstuhl für Religionswissenschaft und Judaistik ein Lehrstuhl der Evangelisch-Theologischen Fakultät ist. Nun ist es für einen Judaisten kein Makel, evangelisch zu sein. Aber für eine Berufungskommission, die über eine vakante Professur zu befinden hat, schränkt sich mit einer religiösen Vorgabe das Feld geeigneter Bewerber ein.

Judaistik (beziehungsweise Jüdische Studien) wird an 14 deutschen Universitäten angeboten. Die Verbindung mit einer evangelischen Theologischen Fakultät gibt es außer in Tübingen noch an den Universitäten Göttingen, Greifswald und Münster. Es sind Sonderwege, die historisch begründet sind. „Aber die meisten Judaisten sind sich einig, dass Judaistik in eine Philosophische Fakultät gehört“, sagt der Judaist Peter Schäfer. „Aus unserer Perspektive ist eine solche Zuordnung dem Fach förderlich.“ Auch dafür gibt es historische Gründe.

„Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland keine Lehrstühle für Judaistik, weil sich die Universitäten verweigerten“, erklärt Schäfer und fügt mit sarkastischem Unterton hinzu: „Das haben wir Deutschen erst hingekriegt, nachdem wir die meisten Juden vernichtet hatten.“ Da die Freie Universität Berlin eine Neugründung nach dem Krieg war, konnte dort die Einrichtung des ersten deutschen Judaistik-Lehrstuhls an einer Universität erfolgen, die vom Holocaust und seiner Vorgeschichte nicht unmittelbar belastet war.

Schäfer verortet sein Fach jedoch nicht nur aus der deutschen Binnensicht heraus: Er hat vier Semester an der Hebräischen Universität Jerusalem studiert und war – von 1998 bis 2013 – erster Deutscher auf einem Lehrstuhl für Jewish Studies an der Princeton University in New Jersey. Als einziger Wissenschaftler hat er sowohl den Leibniz-Preis erhalten (der angesehenste deutsche Wissenschaftspreis) und den Mellon Award (die höchste Ehrung für Geisteswissenschaftler in den Vereinigten Staaten).

Der emeritierte Berliner Judaist, seit zwei Jahren Direktor des Berliner Jüdischen Museums, beobachtet den Tübinger Leerstand mit Sorge, aus alter Verbundenheit. Hier hat er einst seine Karriere begonnen. Nach seiner Promotion in Freiburg war er von 1969 bis 1974 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institutum Judaicum in Tübingen tätig, wo er sich jedoch als Katholik nicht habilitieren konnte. Diese Möglichkeit verschaffte ihm 1973 das Seminar für Judaistik der Universität Frankfurt/Main zwischendurch. „Die Tübinger Judaistik liegt mir sehr am Herzen“, sagt Schäfer. „Ich hoffe und bete, dass der Lehrstuhl bald besetzt ist. Wenn die Fakultät das nicht bald hinbekommt, sieht dessen Zukunft nicht gut aus.“

Malin Jacobson studiert im 6. Semester Judaistik in Tübingen. „Ich weiß gar nicht, wie es wäre, wenn wir einen Lehrstuhl am Seminar hätten, der auch besetzt ist“, sagt sie. Und sie fügt einen weiteren Konjunktiv hinzu: „Dank Herrn Morgenstern ist es nicht so schlimm, wie es durchaus denkbar wäre. Es könnte aber auch besser sein.“ Seit Stefan Schreiner am 30. September 2013 als Professor für Religionswissenschaft und Judaistik emeritiert wurde, ist der habilitierte Akademische Oberrat Matthias Morgenstern der einzige Wissenschaftler, der am Seminar durchgehend präsent ist. Darum kennen ihn alle Studierenden. Es kommt hinzu, aber dies keineswegs zwangsläufig: Sie schätzen ihn auch. „Keine Ahnung, wo wir wären, wenn er nicht so viel Herzblut reinstecken würde“, sagt Malin Jacobson. Nicht zuletzt an Morgenstern liege es, dass die Judaistik in Tübingen besser sei als ihr Ruf unter Studierenden außerhalb von Tübingen. „Denn wer erfährt, wie lange der Lehrstuhl unbesetzt ist, nimmt automatisch an, dass die Qualität des Studiums leidet.“

Der Zahl der Studierenden, die in Tübingen eingeschrieben sind, ist überschaubar. Im vorigen Semester waren es 15 Hauptfächler und 20 Nebenfächler im Bachelor-Studiengang, Tendenz fallend. Man kennt sich untereinander. Der Großteil ist evangelisch, einige gehören zur TOS-Gemeinde, zwei sind jüdisch. Den Master-Studiengang hat seit dem Wintersemester 2014/15 niemand mehr belegt. Es fehlt an Vielfalt im Lehrangebot. „Die meisten Kommilitonen, die ich kenne, werden spätestens nach dem Bachelor-Abschluss weggehen“, sagt Dorina Tuono, Judaistik-Studentin im 4. Semester.

Matthias Messerle studiert im Hauptfach Islamwissenschaft, Judaistik im Nebenfach, beides im 3. Semester. Die Judaistik empfindet er als „Stiefkind der Evangelisch-Theologischen Fakultät.“ Ein Problem der „extrem dünnen Personaldecke“ sei es, die Studienmodule mit Inhalt zu füllen. Zwar habe sich in diesem Semester die Situation leicht verbessert, sagt Dorina Tuono, dennoch schaue man neidisch auf andere Unis, wo man ohne große Verbiegungen das Modulhandbuch abarbeiten könne. Und David Lüllemann, Judaistik-Hauptfächler im 3. Semester, vermisst eine verlässliche Strukturierung. „Weil die Lehrstuhlvertreter wechseln, die von Semester zu Semester von außerhalb verpflichtet werden, lässt sich das Studium kaum durchplanen.“ Er und auch andere Studierende loben das große Angebot an Sprachkursen, das bei den Theologen belegt werden könne. Doch deren inhaltliche Dominanz im Lehrangebot wird nicht von allen gleichermaßen geschätzt. „Ich habe nicht unbedingt Judaistik studiert, um mich in Bibel-Exegese zu vertiefen“, gibt Tuono zu bedenken.

An sich war der Fahrplan für die Zeit nach Stefan Schreiners Emeritierung klar abgesteckt. Schreiner war seit 1992 Professor für „Religionswissenschaft (mit Schwerpunkt Islam) und Judaistik“ und maßgeblich an der Entstehung des hiesigen Zentrums für Islamische Theologie beteiligt. Nach dessen Eröffnung im Wintersemester 2011/12 konnte der Judaistik-Lehrstuhl neu akzentuiert und im Sommer 2013 als „W 3-Professur für Religionswissenschaft mit einem Schwerpunkt Rabbinisches Judentum“ ausgeschrieben werden. Bewerbungsschluss war der 15. Oktober 2013, die Besetzung sollte zum 1. April 2014 erfolgen.

Von der Ausschreibung bis zur Annahme eines Rufs vergehen an der Universität Tübingen durchschnittlich 9,9 Monate. Je nach Komplexität des Falls kann es auch ein paar Monate länger dauern, sagt Uni-Sprecherin Antje Karbe. Das längste Berufungsverfahren dauerte alles in allem 20 Monate. Doch bei den evangelischen Theologen ist selbst nach 31 Monaten noch kein weißer Rauch aufgestiegen. „Die entsprechende Ausschreibung ist ordnungsgemäß durchgeführt worden“, erklärt Jürgen Kampmann, Professor für Kirchengeschichte und Dekan der Fakultät. „Die Bewerberlage gestaltet sich als schwierig“, seufzt er und verweist auf die erwünschte Doppelqualifikation aus Religionsgeschichte und Judaistik. Warum es nicht einmal zu einer Berufungsliste gekommen ist, darf Kampmann nicht sagen – das Verfahren ist nicht öffentlich.

Auch Morgenstern schweigt dazu, obwohl es ein offenes Geheimnis an der Fakultät ist, dass er sich um die Stelle beworben hatte. Studierende sprechen ganz offen darüber und wundern sich, dass jemand von außen gesucht wird. „Er beweist schon seit über zweieinhalb Jahren, dass er geeignet wäre“, sagt Dorina Tuono, die als Fachschaftsmitglied mit älteren Kommilitonen über die Situation diskutiert hat. Dass er das ähnlich sieht, kann man nur annehmen. Mehr als sein Profil will Matthias Morgenstern auf Anfrage nicht angeben: Akademischer Oberrat, außerplanmäßiger Professor, 56 Jahre alt, evangelisch, in Berlin promoviert und in Frankfurt/Main habilitiert. In Tübingen lehrt er seit 16 Jahren, seine Forschungsinteressen sind Rabbinische Literatur, deutsch-jüdische Orthodoxie, neuhebräische Literatur und der jüdisch-christliche Dialog.

In dieser Woche ist auf Einladung des Dekans eine professorale Findungsgruppe zusammengekommen, in die auch schon die meisten Mitglieder einer künftigen Berufungskommission eingebunden sind, mehrheitlich evangelische Theologen. Sie hat sich die Aufgabe gestellt, im europäischen Raum einen ungefähren Überblick über das Bewerberfeld zu gewinnen und Vorüberlegungen für einen daran angepassten Ausschreibungstext anzustellen. Förmlich ernannt wird die Berufungskommission durch das Rektorat. Nach der Ausschreibung filtert sie die Bewerbungen, lädt Kandidaten zu Vorträgen ein, beauftragt zwei auswärtige Professoren mit Gutachten und legt, nach Zustimmung des Fakultätsrats, dem Rektorat eine begründete und gewichtete Berufungsliste mit drei Namen vor. Die Berufungsverhandlungen führen der Rektor und der Kanzler. Das kann sich noch hinziehen.

Aus der (übrigens am 30. September dieses Jahres auslaufenden) Zulassung der Akkreditierung lässt sich entnehmen, dass die Selbstbestimmung des Studiengangs, „alle Erscheinungsformen des Judentums abdecken zu wollen“, auf die damals vorhandenen personellen Ressourcen abgestimmt war. Hier klaffen jetzt Lücken, die sich zwangsläufig auf die Attraktivität für Studierende auswirken.

Dazu gehört aber noch ein strukturelles Problem, auf das gerade erfahrene Judaisten hinweisen. Peter Schäfer zollt der hiesigen Evangelischen Fakultät Respekt für ihre Anstrengungen, via Judaistik Brücken zur Islamischen Theologie gebaut zu haben. Dafür steht nicht zuletzt Stefan Schreiner, der nach seiner Emeritierung als Senior-Professor für das Fach, indes nicht in der Lehre, aktiv ist. Die Islamische Theologie hat jetzt auf dem Tübinger Theologen-Campus ihr eigenes Zentrum und die Universität für ihre Außendarstellung ein besonderes Qualitätsarrangement, in dem sie den Platz für die Judaistik sieht.

Schäfers Auszeichnung mit dem US-amerikanischen Mellon Award begründete die Jury mit seinen Beiträgen, die Tradition jüdischer Studien in Deutschland wiederzubeleben. Sie geht auf jüdische Wissenschaftler zurück, die am Widerstand antisemitisch eingestellter Professoren scheiterten, ihre im 19. Jahrhundert gegründete „Wissenschaft des Judentums“ an den Universitäten zu etablieren. Deren einziger akademischer Platz blieb, bis zum gewaltsamen Ende 1942 durch die Nazis, die Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, wo unparteiisch und religiös ungebunden geforscht werden sollte.

Insofern bedeutete es eine Positionsbestimmung der Evangelischen Fakultät im Sinne einer unabhängigen Judaistik, dass sie vor zwei Jahren den Auszeichnungen für Peter Schäfer eine weitere hinzufügte und ihm den bedeutendsten Tübinger Wissenschaftspreis verlieh: den Leopold-Lucas-Preis. Lucas, Gründungsmitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, lehrte von 1940 bis 1942 an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums biblische Literatur und Geschichte – mithin jener Judaistik verpflichtet, zu der Schäfer die Leitlinie für sein Fach gezogen hat. Dazu kann man, muss jedoch nicht, evangelisch sein, aber auch katholisch wie er selbst oder jüdisch wie Leopold Lucas.

Der Tübinger Judaist Stefan Schreiner wurde Ende des Sommersemesters 2013 emeritiert. Sein Lehrstuhl ist noch immer nicht besetzt. Archivbild: Metz

Peter Schäfer ist Emeritus in Berlin und weltweit einer der bedeutendsten lebenden Judaisten. Er hat akademische Wurzeln in Tübingen. Archivbild: Metz

Matthias Morgenstern, Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor. Seit zweieinhalb Jahren Garant für die Tübinger Judaistik-Studiengänge. Archivbild: Sommer

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Erstellt:
22. April 2016, 18:12 Uhr
Aktualisiert:
22. April 2016, 18:12 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. April 2016, 18:12 Uhr

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