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Die Firma Biametrics entwickelt Messtechnik für die Pharmaforschung
Florian Pröll (links) und Günther Proll brüteten bereits im universitären Arbeitskreis um Prof. Günther Gauglitz gemeinsam über Ideen und Patenten zur Gründung einer Firma. Mit dem Förder-Programm „Junge Innovatoren“ setzten sie ihre Idee 2010 in die Praxis um. Seither gibt es die Start-up-Firma „Biametrics“. Bild: Metz
Bio-Bindungen des Lebens

Die Firma Biametrics entwickelt Messtechnik für die Pharmaforschung

Die Biotech-Szene rund um den Tübinger Technologiepark floriert. Zu den erfolgversprechenden Neugründungen gehört die Firma Biametrics. Sie entwickelt Messgeräte für Forschung und Pharmazie – vielleicht auch bald für die Schnelldiagnose beim Flughafen-Checkout?

05.04.2016
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Für Besucher sieht das Herzstück der Firma Biametrics eher unspektakulär aus: ein weißer Kasten mit Klappdeckel. „Nicht öffnen!“ sagt Florian Pröll. Der Kasten arbeitet. Das sieht man an dem angeschlossenen Bildschirm, auf dem unterschiedlich farbige Kurven zu sehen sind. Doch selbst wenn man das Gerät – offiziell heißt es „B-Screen“ – öffnen würde, würde man als Laie nicht viel mehr sehen als Glasplättchen, wie sie auch als Trägerplatten für Mikroskope verwendet werden.

Tatsächlich leistet das von Biametrics entwickelte Analysegerät wertvolle Arbeit: Die Biametrics-Technologie ist konkurrenzlos schnell und effektiv beim Erkennen und Beschreiben von Prozessen, die für die Pharmaforschung äußerst wichtig sind: der Interaktion von Biomolekülen. Warum ist das so wichtig? Weil alles Leben aus Biomolekülen besteht. Aus der Kommunikation und Interaktion dieser in den Zellen gebildeten Teilchen: Proteine, Peptide, Fettsäuren. Krankheit lässt sich über die Interaktion von Biomolekülen beschreiben, aber auch Heilung.

Die Kunden von Biametrics sind Forscher – an Universitäten oder in Pharmafirmen, die sich damit beschäftigen, wie man die Interaktion dieser Biomoleküle nutzen kann. Zum Beispiel für die Krebstherapie, erklären die beiden Geschäftsführer und Firmengründer, der Chemiker Florian Pröll und der Biologe Günther Proll.

Tumorzellen können sich nicht mehr verstecken

Ein Beispiel ist die Antikörpertherapie in der modernen Krebsbehandlung. Antikörper sind komplexe Biomoleküle, die für die Behandlung von Krebs benutzt werden. Antikörper können an der Oberfläche einer Tumorzelle andocken. Durch diese Anhaftung wird die Krebszelle, die sich ansonsten vor dem körpereigenen Immunsystem des Patienten verstecken kann, auffällig markiert –und vom Immunsystem erkannt und zerstört. Das Problem dabei: Man muss den richtigen Antikörper finden, also ein Biomolekül, das sich mit der Tumorzelle verbindet – und wie ein Schlüssel ins Schloss passt.

Eine solche Suche nach passenden Partnern und Bindungen ist aufwändig. „Es gibt Zigmilliarden Kandidaten“, sagt Pröll. Für die Suche nach möglichen Wirkstoffen für Therapeutika geben forschende Pharmafirmen daher Millionen aus. Eine schnelle und effektive Analysemethode sei deshalb für die Firmen wichtig.

Die Tübinger Biotech-Firma mit ihren bislang elf Mitarbeitern hat Kunden weltweit. „B-Screen“-Geräte – pro Stück zum Verkaufspreis von 190000 Euro – stehen an der Uni in Shanghai genau so wie an europäischen Forschungsinstituten. Für den globalen Vertrieb arbeiten die Tübinger mit Berthold Technology in Bad Wildbad zusammen. In Tübingen werden Prototypen für Geräte entwickelt und gebaut. Die weitere Produktion geschieht dann in Bad Wildbad.

In drei Monaten soll das zweite Gerät aus dem Haus Biametrics auf den Markt kommen. Es ist wesentlich kleiner als B-Screen und tragbar. Dafür interessiert sich unter anderem das Robert-Koch-Institut. Es bedient sich derzeit der Tübinger Technologie um zu erforschen, ob sich Schnelltests zum Beispiel für internationale Flughäfen entwickeln lassen. Mit Screening-Geräten der Tübinger Technologie ließe sich auch Blut oder Speichel untersuchen – zum Beispiel auf Infektionskrankheiten wie Ebola oder Lassafieber. Denn auch Viruserkrankungen lassen sich über die damit verbundenen biomolekularen Prozesse sichtbar machen.

Ihren Sitz hat die Firma in der Waldhäuser Straße, im ehemaligen Astronomischen Institut. Davor hatte sie Verfügungsflächen von der Universität im Chemie-Bau auf der Morgenstelle gemietet – und eineinhalb Jahre lang nach geeigneten Firmenräumen außerhalb der Uni gesucht. „Eigentlich wollten wir in den Technologiepark“, sagt Proll. Doch dort sind alle Flächen belegt, von Start-up-Unternehmen aber auch von Zwischenmietern der Max-Planck-Institute.

Die Schweiz wollte sie abwerben

Mehrfach habe man dagegen Angebote erhalten, sich woanders anzusiedeln, sagt Proll: in der Schweiz, in der Heilbronner Gegend oder in den neuen Bundesländern. Weil man aus dem Raum Tübingen aber schon Mitarbeiter gewonnen hatte, wollte Biametrics lieber in der Region bleiben. Wobei die Schweiz mit ihrem umfassenden Angebot an Marketing- und Beratungsunterstützung sehr verlockend gewesen sei, sagt Proll.

3,1 Millionen Euro Risikokapital hat die Firma in einer Finanzierungsrunde im vergangenen Sommer eingesammelt. Zu den Hauptgeldgebern gehört die LBBW mit ihrer Tochtergesellschaft „Venture Capital“. Wenn alles so laufe wie geplant, brauche man keine weitere Finanzierungsrunden, so Proll. Dann reiche das Kapital aus, um Vertrieb und Produktion so weit zu entwickeln, um profitabel zu arbeiten.

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05.04.2016, 01:00 Uhr

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