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Von Dschihad bis L’amour - Das Genrespektrum ist so groß wie nie

Die Französischen Filmtage eröffnen am Mittwoch, 29. Oktober

Noch nie zeigten sie so viele Filme. Und nie zuvor gab es eine solche Bandbreite an Genres. Die Festivalmacher um Christopher Buchholz schaffen es doch jedes Jahr, noch ein bisschen stolzer zu sein als im Vorjahr. Am Mittwoch, 29. Oktober eröffnen die diesjährigen Französischen Filmtage.

23.10.2014
  • Peter Ertle

Tübingen. Der dann nach der Eröffnung um 19.30 Uhr im Museum gezeigte Auftaktfilm „Timbuktu“ setzt sich aktuell mit dem leider aktuellen Thema der Dschihadisten auseinander – und das angesichts der gegenwärtigen Gewalt auf eine kaum für möglich gehaltene komische und zugleich die Gotteskrieger entlarvende Art und Weise. Dass Regisseur Abderrahmane Sissako nach Tübingen und zur Filmdiskussion kommt, ist einer der Big Festival points. Sissako bleibt exakt 30 Stunden in der Neckarstadt und reist dann in die USA weiter: Seit seinem Erfolg bei den Filmfestspielen in Cannes ist er einer der gefragtesten Filmregisseure weltweit.

Ein anderer Gast ist leider erkrankt und wird nur in Form seiner Filme anwesend sein – und in Form seiner Ex-Frau und Cutterin, die auch einen Masterclass-Kurs durchführen wird: Die Rede ist von François Dupeyron (der übrigens während seiner Militärzeit in Tübingen stationiert war), ihm ist die Werkschau dieser Filmtage gewidmet. Erwähnt sei hier vor allem „Nächtliche Sehnsucht hemmungslos“ („Drôle d’endroit pour une recontre“) aus dem Jahr 1988. Er spielt in 105 Minuten Echtzeit an einem Autobahnrastplatz. Dort trifft eine nach einem Ehestreit aus dem Auto geworfene, betucht-kapriziös-bourgeoise Frau (Catherine Deneueve) auf einen so ganz anders gearteten, von den Frauen enttäuschten, nach einer Autopanne hilflos unter der Kühlerhaube herumfuhrwerkenden Typen (Gérard Depardieu). Französischer und prominenter geht es nicht mehr (Sonntag, 2. November, 13.15 Uhr, Studio Museum).

Musik im Carré, Horrornacht im Institut

Ein Highlight der Filmtage findet diesmal in der Stummfilme mit live-Musik unterlegenden Reihe Cineconcerts statt. Am liebsten hätte Christopher Buchholz den Film in einer Kirche gezeigt, der weltliche Dom des Sparkassencarré ist aber auch nicht ungeeignet für „La passion de Jeanne d’Arc“ von Carl Theodor Dreyer aus dem Jahr 1928 (Freitag, 31. Oktober, 20.30 Uhr). Die Musik zu diesem Meilenstein der Filmgeschichte haben Schüler der Tübinger Musikschule geschrieben. Der Festivalleiter wünschte sich Klassik, Jazz und Rock als Genre und die Schüler lieferten tatsächlich eine wilde Mischung daraus.

Die Musikschule ist ein neuer Kooperationspartner, ein zweiter ist das Tübinger Zimmertheater. Denn ins Theater gehört schließlich die Filmdoku über das von John Malkovich vor vier Jahren inszenierte Theaterstück „Gefährliche Liebschaften“ (3. November, 20 Uhr). Der Regisseur Pierre-Francois Limbosch ist anwesend.

Kaum eine Filmtagesparte hat so viele Fans wie die Kurzfilme. Ganz prominent dieses Mal: Das Institut Culturel lädt Nachtschwärmer an Halloween, also am Freitag, 31. Oktober um 23 Uhr zu einer Horrorfilmnacht, zu der die Besucher wenn möglich kostümiert erscheinen sollen. Es dauert bis zum Morgengrauen und endet mit einem blutigen Frühstück um 7 Uhr.

Einen real existiert habenden Horror zeigt die Reihe „Apoklapypse 1. Weltkrieg“. Neu aus den Archiven geholte, nachträglich (aber eben nicht kitschig) gefärbte Dokumentaraufnahmen zum Völkerschlachten vor hundert Jahren (Dienstag, 4. November, 14 Uhr, Arsenal). Dazu wird es im Anschluss genauso eine Podiumsdiskussion geben wie zu einem filmisch umgesetzten aktuellen Krisenherd: Den Film „Silbernes Wasser – Selbstporträt Syrien“ haben die Regisseure O. Mohammed und Wiam Simav Bedirxan aus lauter Handyaufnahmen aus dem Krieg zusammengesetzt (Montag, 3. November, 17.30 Uhr, Arsenal). Zur anschließenden Diskussion mit den Regisseuren gesellen sich hier unter anderem Kriegsreporter Wolfgang Bauer und ein Flüchtling aus Syrien.

Die Filmtage als Ausbildungsbetrieb

Was außergewöhnliche Filme und Festivalgäste betrifft, können hier nur stellvertretend zwei Filme genannt werden: Zum einen „Brooklyn“ ein Frauen-Rap-Drama mit der afrikanischstämmigen Schweizer Hauptdarstellerin KT Gorique, die ebenfalls nach Tübingen kommt (Samstag, 1. November, 20.30 Uhr und Sonntag, 2. November, 18 Uhr, Museum). Regisseur Thomas Cailley wiederum will die Kopie seines Films „Les Combattants“ selbst mitbringen. Die Filmtage sind eben live und voller Risiko.

Und übrigens sind sie auch ein Ausbildungsbetrieb. Das von Kurt Schneider geleitete Festival-TV-Team der cooperierenden Tübinger Medienwissenschaften liefert auch dieses Jahr wieder journalistisch hochwertige Trailer, Interviews und Hintergrundberichte.

filmtage-tuebingen.de

Die Französischen Filmtage eröffnen am Mittwoch, 29. Oktober
Woran denkt der Tübinger Kinobesucher bei diesem schon etwas Retro-verwaschenen Bild? Richtig, an die Französischen Filmtage. Gérard Depardieu und Catherine Deneuve sitzen und plauschen hier am Rande einer Autobahnraststätte, wo sie sich zufällig und natürlich schicksalhaft begegnen in François Dupeyrons „Drôle d‘endroit pour une rencontre“ aus dem Jahr 1988 – dem der deutsche Verleih den an einen schlechten Erotikthriller gemahnenden Hammertitel „Nächtliche Sehnsucht – Hemmungslos“ verlieh.

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23.10.2014, 12:00 Uhr

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