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Lydia Weimer musste als Exotin am Steuer in den 1940er Jahren auch Spott ertragen

Die Frau mit dem Laster

Sie war die einzige Frau weit und breit, die mit einem Laster gefahren ist: Lydia Weimer transportierte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und danach Milch. Tochter Erika fuhr häufig mit – besonders gern nach Kayh. Einmal machte sie allerdings eine recht schmerzhafte Erfahrung.

25.06.2011
  • Vincent Meissner

Tübingen/Rottenburg. Meist transportierte Lydia Weimer mit ihrem roten Opel Blitz Milch aus dem Ammertal nach Tübingen. Auf dem Beifahrersitz fuhr häufig Tochter Erika mit. „Ich war viel mit meiner Mutter unterwegs“, sagt Erika Röcker, geborene Weimer. Die Tour führte Mutter Lydia und Tochter Erika bis ins Gäu, zur Zonengrenze in Kayh.

Die Frau mit dem Laster
Brezeln und Sahne: Wenn Lydia Weimer am Steuer ihres Lasters mit dem klangvollen Namen „Blitz“ nach Kayh kam, gab’s für Töchterchen Erika selbst in der von Not geprägten Nachkriegszeit immer wieder mal was zu naschen.

„Dort“, erzählt die 71-jährige Erika Röcker, „war der Schlagbaum. Als Kind war das etwas ganz Besonderes. Da hat praktisch das Ausland begonnen.“ An Kayh hat Erika Röcker überhaupt gute Erinnerungen: „Die Bauern dort waren sehr großzügig“, erzählt sie. „Da habe ich ab und zu eine Brezel zugesteckt bekommen – das vergisst ein Kind nicht.“ Und einmal gab’s von den Milchbauern sogar etwas Sahne mit.

Mutter Lydia machte daraus Schlagsahne für die Tochter – im Krieg eine absolute Rarität. Die Nachbarn sollten möglichst nichts erfahren: „Deshalb hat meine Mutter gesagt, das sei weißer Pudding.“

Lydia Weimer transportierte die Milchkannen von den zentralen Sammelstellen in den einzelnen Ortschaften, den so genannten Milchhäusle, nach Tübingen ins zentrale Milchwerk. Keine leichte Aufgabe für Lydia Weimer, die 20-Liter-Flaschen zu schleppen. „Das war richtig harte Arbeit“, sagt Erika Röcker. Noch heute hat sie eine Milchflasche aus Aluminium im Keller ihrer Rottenburger Wohnung hinter der Waschmaschine stehen – als Erinnerung.

Da im Krieg der Diesel knapp war, wurde der rote Laster mit einem Holzvergaser angetrieben. Dazu mussten die Weimers den Opel Blitz umrüsten: Auf die Pritsche hinter dem Fahrerhaus wurde der Stahlkessel mit dem Antrieb montiert. „Den hat mein Vater noch draufgebaut“, erzählt der mittlerweile 92-jährige Willi Weimer, der Witwer von Lydia Weimer. Beheizt wurde der Holzvergaser mit Holzscheiten: „Das waren so schöne viereckige Hölzchen, mit denen wir Kinder immer gern gespielt haben“, sagt Erika Röcker.

Die Frau mit dem Laster
Maico-Motorräder hin, Radio-Gehäuse zurück: der Tübinger Fernfahrer Willi Weimer Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre mit seinem Lastwagen auf Sauerland-Tour von Tübingen nach Solingen-Ohligs. Bilder: Privat

Einmal musste sie allerdings schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Holzvergaser-Kessel machen. Sie turnte auf der Pritsche herum, verlor das Gleichgewicht und setzte sich auf den heißen Behälter: „Da habe ich mich ganz schön verbrannt“, sagt Erika Röcker.

War der Opel Blitz mal kaputt, reparierte ihn Willi Röcker. Der Vater von Erika Röckers heutigem Ehemann Rolf. „Aber damals haben wir noch nichts voneinander gewusst“, sagt Erika Röcker und lacht.

Berechtigungsschein für „Herrn“ Lydia Weimer

Damit Mutter Lydia Weimer den Opel Blitz überhaupt fahren durfte, musste sie zunächst den Führerschein machen. „Da hat es gar nichts anderes gegeben“, sagt Witwer Willi Weimer. Er war der jüngste von drei Söhnen des Tübinger Fuhrunternehmers Phillip Weimer, der sein Unternehmen in der Belthlestraße 5 hatte.

Direkt nach der Hochzeit 1940 begannen Lydia Weimers Fahrstunden bei der Tübinger Fahrschule Wölfle in der Friedrichstraße. Erika Röcker hat die Rechnung vom 18. April 1941 aufbewahrt: 40 Reichsmark (RM) Grundgebühr, 15 Fahrstunden zu je sechs RM und dann noch einmal Extra-Gebühren für die Prüfung – das machte zusammen 151 RM. Zusätzlich war noch ein separater Betriebsberechtigungschein nötig. Ausgestellt wurde er für „Herrn“ Lydia Weimer. Denn einen eigenen Vordruck für Frauen gab es nicht.

Damals war Lydia Weimer die einzige Frau weit und breit, die einen Laster fuhr, erinnert sich Willi Weimer. Das war nicht immer einfach für die junge Frau. Wenn sie rangieren musste, gab es von den in der Nähe beschäftigten Arbeitern nicht selten Spott. „Die Bauarbeiter haben es ihr nicht leicht gemacht“, sagt Willi Weimer.

Als Willi Weimer 1945 aus dem Krieg zurück kam, arbeitete er wieder im elterlichen Betrieb. Seine Frau Lydia musste fortan nicht mehr fahren. Ab und zu kam sie allerdings noch mit, wenn ihr Mann Willi Ende der 1940er, Anfang der der 1950er Jahre seine Sauerland-Touren machte. „Sie ist häufig im Fernverkehr mitgefahren“, erzählt Willi Weimer. In seinem Lastwagen transportierte er Maico-Motorräder aus Pfäffingen nach Solingen-Ohligs. Auf der Rückfahrt nahm er Radiogehäuse zur Firma Grätz in Sulz am Neckar mit.

1953 machten sich Willi und Lydia Weimer dann selbstständig und zogen aus der Belthlestraße ein paar hundert Meter weiter in die Hasenbühlsteige. Mitte der 1950er Jahre gab Willi Weimer dann seine Fernfahrer-Konzession ab. Er war viel unterwegs gewesen in den Jahren zuvor. „Er ist gerade ein, zwei Mal pro Woche heimgekommen, hat die dreckige Wäsche gebracht und frische geholt.

Das ist ihm irgendwann zu viel geworden“, sagt Tochter Erika Röcker. Von da an fuhr er nur noch Milch und Kohlen in der Region. 1979 schied er aus dem Fuhrgewerbe aus. Lydia Weimer starb 2002. Willi Weimer lebt heute, wie seine Tochter Erika Röcker auch, in Rottenburg. Wenn er zurückschaut, sagt er: „Ich war immer auf vier Rädern unterwegs.“

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25.06.2011, 12:00 Uhr

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