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Quadratur des Kreises in der Bildungspolitik

Die Ganztagsschule zwischen Pflicht und Wahlfreiheit

Ganztagsschule immer und für alle – das lehnen im Südwesten viele Eltern ab. Doch zu viel Wahlfreiheit macht die Organisation an den Schulen schwierig. Nun sucht die Regierung nach dem Mittelweg. Kann das gelingen?

25.11.2016
  • ANDREAS BÖHME

Ganztagsangebote sind nicht neu im Südwesten, es gibt sie seit mehr als vier Jahrzehnten. Tatsächlich im Gesetz steht die Ganztagsschule aber erst seit der vergangenen Legislaturperiode. Und während in der Politik noch weitgehend Einigkeit darüber herrscht, dass ein weiterer Ausbau notwendig ist, herrscht Vielfalt bei den Angeboten und vor allem den Wünschen der Eltern. Nach dem gestrigen ersten Gespräch (ein weiteres folgt am 15. Mai) stellte Kultusministerin Susanne Eisenmann schon klar: „Eine Zwangsbeglückung mit der verpflichtenden Ganztagsschule wird es nicht geben.“

Aber was ist Ganztagsschule? Eine bloße Betreuung am Nachmittag, an der die Kinder flexibel tageweise teilnehmen, ist noch lange nicht Schule im klassischen Sinn. Unterricht, der den Nachmittag nutzt, muss verpflichtend sein, damit alle Schüler die Chance auf einen einheitlichen Wissenstand haben.

Entsprechend kontrovers wurde in den Arbeitsgruppen debattiert. Schon die Interessen von Eltern aus städtischen Regionen sind anders als die von Eltern aus ländlichen. Die Arbeitsgruppe, die die Frage „Ganztagsschule oder Betreuung“ debattierte, empfahl letztendlich, das „oder“ durch ein „und“ zu ersetzen. Allein diese Forderung war innerhalb der Gruppe konsensfähig.

Vor allem für die Vertreter der Schulträger ist klar: Flexibilität zwischen Unterricht und Betreuung an einer einzigen Schule ist nicht zu leisten. Unter den Pädagogen hingegen herrscht die Ansicht vor, die Zusatzzeit am Nachmittag könne am besten durch „beständige, gesicherte und strukturelle Rahmenbedingungen“ aus der Politik genutzt werden.

Reihenweise wurden alte Forderungen besprochen: Lehrer verlangen mehr Unterstützung bei der Verwaltung und der Integration behinderter Kinder – besonders dann, wenn der Betrieb über den ganzen Tag läuft. „Schulorganisation muss neu gedacht werden“, fordert eine Schulleiterin.

Und: 100 Prozent Lehrerversorgung reichten nicht, um Krankheitsfälle abdecken können. Hinzu komme der Wunsch nach Fortbildung, die Frage nach der Qualifikation der Betreuer, der Ruf nach mehr finanziellen Mitteln sowie nach Unterstützung durch Psychologen und Sozialarbeiter, denn Ganztagsschule, formuliert eine Teilnehmerin, sei nicht nur Unterricht und Betreuung, sondern „eine Lebensgemeinschaft“.

Ziel des Gipfels war laut Eisenmann, „im Gespräch mit allen Beteiligten über einen bedarfsgerechten und familienfreundlichen Ausbau der bestehenden Modelle zu beraten.“ Über einen Austausch von Argumenten ist man dabei allerdings nicht herausgekommen. Und noch ganz weit weg, so eine Teilnehmerin, sei man von grundlegend neuen Arbeitszeitmodellen für die Pädagogen, die sich an den Ganztagsunterricht anpassen.

Derzeit bestehen Ganztagsangebote an 2070 von mehr als 5100 öffentlichen und privaten Schulen, das sind knapp 40 Prozent. Der Anteil der Schüler, die die Angebote wahrnehmen, ist mit knapp 24 Prozent im vergangenen Schuljahr deutlich geringer.

Eine Schule, die mehr als Betreuung bietet, habe Vorteile, sagt Eisenmann: „Wir wissen, dass sich längere Lernzeiten und ein ganzheitlicher Bildungsauftrag positiv auf den Lernerfolg unserer Schüler auswirken.“ Dennoch komme sie an den Wünschen von Eltern, Schulträgern und Lehrern nicht vorbei: „Wir wollen den Familien und Schulen Wahlfreiheit und Flexibilität ermöglichen“, es bleibe also beim Angebotscharakter der Ganztagsschulen.

Doch darf das Nachmittagsprogramm wirklich so beliebig sein, wie Patrizia Filz, die Bürgermeisterin aus Schöntal, andeutet? Die Teilnehmer murrten hörbar bei ihrer Behauptung: „Den Eltern ist es egal, ob die Kinder in einer Ganztagsschule unterrichtet oder betreut werden.“

Kann man diese Vielfalt in den Anforderungen harmonisieren oder gar, um geregelten Unterricht zu ermöglichen, rhythmisieren? Eisenmann will diese Angebotsvielfalt zunächst bilanzieren und dabei pädagogische Sichtweisen in den Vordergrund stellen: „Im Mittelpunkt müssen die Bedürfnisse unserer Kinder und Jugendlichen stehen.“ Sie selbst weiß: Das kommt der Quadratur des Kreises nahe.

Kommentar

Vier Fakten zu den Angeboten im Land

1 Welche Vorteile hat der Ganztagsbetrieb? Er erleichtert Eltern, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Doch auch unter pädagogischen Gesichtspunkten gilt es als sinnvoll, Lern-, Freizeit- und Übungsphasen über den Tag zu verteilen – statt allen Unterricht am Vormittag zu verdichten.

2 Wie sieht der Ganztagsbetrieb aus? Die Kinder sind an vier oder drei Tagen sieben oder acht Zeitstunden an der Schule. Dabei muss ein Mittagessen angeboten werden. In verbindlicher Form is der Ganztagsbetrieb für alle verpflichtend. In der Wahlform besteht lediglich eine Möglichkeit zur Teilnahme – derzeit entscheiden sich 88 Prozent aller Schulen für die Wahlform.

3 Können die Kinder Hobbys nachgehen? Damit diese nicht zu kurz kommen, gehören auch Angebote von Jugendbegleitern und anderen außerschulischen Partnern etwa Musikschulen und Sportvereinen zum Konzept.

4 An welcher Schulart ist der Ganztag besonders verbreitet? Die Spitzenreiter sind bislang die Gymnasien: An gut jedem zweiten läuft ein Ganztagsbetrieb (2015/16), dicht gefolgt von den Haupt-/Werkrealschulen. Schlusslicht sind die rund 2300 Grundschulen mit einem Ganztagsanteil von 21,9 Prozent.⇥dpa

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25.11.2016, 06:00 Uhr

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