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Interview · Klaus Rieth

Die Gefahr, sich als Christ zu erkennen zu geben

19.12.2016
  • Elena Kretschmer

Herr Rieth, weltweit werden Menschen unterschiedlichster Herkunft verfolgt. Warum steht für Sie die Christenverfolgung im Mittelpunkt?

Klaus Rieth: Die württembergische Landeskirche sagt: Als Christen sind unsere Brüder und Schwestern uns am nächsten auf der Welt. Dennoch heißt mein jährlicher Bericht bewusst „Über die Situation der verfolgten Menschen weltweit“. Da nehmen wir alle in den Blick: Christen, Muslime und Angehörige anderer Religionen.

Laut des Weltverfolgungsindexes von Open Doors hat sich die Zahl der ermordeten Christen und der zerstörten Kirchen verdoppelt – binnen eines Jahres. Was sind die Gründe dafür?

Da gibt es viele. Sie sind nicht ausschließlich religiöser Art. Im Norden Nigerias zum Beispiel geht es neben religiösen Konflikten vor allem um Armut, Korruption, Rechtsstreitigkeiten, Stammesfehden.

Der Index geht von mehr als 100 Millionen verfolgten Christen weltweit aus. Wie ergibt sich diese Zahl und ist sie überprüfbar?

Ich bin äußerst zurückhaltend mit solchen Zahlen, weil wir keine verlässlichen Quellen haben. Man kann nur schätzen.

In welchen Regionen der Erde hat sich die Situation für Christen in den vergangenen Jahren besonders zugespitzt?

In Syrien haben es Christen extrem schwer. Die meisten sind aus dem Land geflohen, weil sie zerrieben werden zwischen den Kriegsparteien. Auch im Irak gibt es Regionen, in denen es für einen Christen einfach lebensgefährlich ist, sich zu seinem Christ-Sein zu bekennen.

Wo wurde es besser?

Zum Beispiel in Ägypten. Die Staatsführung unter Präsident Al-Sisi sagt ganz bewusst: Christen sind Teil unserer Gesellschaft, mit den gleichen Rechten und Pflichten. Deshalb ist der jüngste Anschlag auf eine koptische Kirche umso schmerzlicher. Auch in Nigeria hat sich durch den Präsidentenwechsel einiges getan. Die Christen im Norden werden heute besser geschützt.

Bedeutet die Christenverfolgung immer gleich eine tödliche Gefahr oder wie kann die Verfolgung sonst noch aussehen?

Da gibt es große Abstufungen. Das kann damit anfangen, dass die Kinder nicht in die Schule oder zum Studieren gehen dürfen. Als nächstes wird einem deutlich gemacht, dass man in der jeweiligen Region nicht willkommen ist. Die Folgen sind Umzüge und Flucht. Wieder andere können kein Kreuz um den Hals tragen, weil es zu gefährlich ist. In manchen Ländern bekommt man keinen Regierungsposten, wenn man Christ ist. Die Formen der Repression reichen bis zur Bedrohung von Leib und Leben.

Was erhöht die Gefahr für Christen?

In Ländern wie Saudi-Arabien wird die Todesstrafe verhängt, wenn man zum christlichen Glauben übertritt. Oder wenn man missioniert. Es gibt Missionsgemeinschaften, die sehr defensiv auftreten und solche, die offensiver vorgehen – Bibeln verteilen oder zu Seminaren einladen.

Was halten Sie persönlich von einer offensiven Missionierung?

Es ist gut, sein Christentum glaubwürdig zu leben. Trotzdem macht es Sinn, manchmal nicht zu offensiv aufzutreten. Die beste Mission ist oft die, wenn Menschen fragen, warum hilft der mir. Dann kann und soll man von seinem christlichen Glauben reden.

Ergeben sich aus aktiven Missionierungen neue Spannungen?

Es gibt den einen oder anderen Fall. Aber die klugen Missionsgesellschaften ziehen ihre Leute zurück, wenn es zu gefährlich wird.

Was kann die Politik tun, damit sich die Situation für die Christen verbessert?

Auf Auslandsreisen sollten unsere Politiker auf Missstände hinweisen: So wie wir in Deutschland andere Religionen behandeln, so erwarten wir auch, dass in anderen Ländern Christen behandelt werden. Allgemein gültige Grundlagen für eine freie Wahl der Religionszugehörigkeit wären hier das Beste.

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19.12.2016, 06:00 Uhr

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